Der Sturm des Jahrhunderts

  • Heyne
  • Erschienen: August 2000
Der Sturm des Jahrhunderts
Der Sturm des Jahrhunderts
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Michael Drewniok
40°

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2022

Höllensturm als (f)laues Lüftchen

Das Leben ist hart auf der kleinen Insel Little Tall Island, gelegen vor der Küste des US-Staates Maine. Seit jeher bildet der Fischfang die Lebensader der 200-Seelen-Gemeinde, doch reich ist niemand dadurch geworden. Man kennt seine Nachbarn und kommt miteinander aus, und es gibt wenige Geheimnisse, die tatsächlich geheim bleiben könnten.

Ausgerechnet dieses kleine Dorf am Ende der Welt wird vom Teufel heimgesucht; nicht vom Gottseibeiuns persönlich, aber von einem seiner Dämonen. Wie es sich gehört, ist dieser Dämon - er trägt hier den Namen Andre Linoge und tritt in der Gestalt eines Fischers auf - darauf aus, Unheil und Unfrieden unter den Menschen zu säen, sie ins Verderben zu locken und sich ihrer Seelen zu bemächtigen.

Der Blick auf seinen Stock mit dem Wolfskopf-Knauf weckt das Böse in seinen Opfern. Dann genügt eine sachte Anregung Linoges - der außerdem Gedanken lesen kann -, und schon fallen die verblendeten, aufgehetzten Einwohner von Little Tall Island übereinander her. Sollten Linoges Anregungen einmal nicht auf fruchtbaren Boden fallen, scheut er nicht davor zurück, seinem Gegenüber mit besagtem Stock den Schädel zu spalten.

Böse Geister treten häufig unter Blitz und Donner auf. Auch Linoge bedient sich der Witterung: Während er sein tödliches Netz um Little Tall Island spinnt, braut sich der heftigste Schneesturm des Jahrhunderts zusammen. Er wird die Insel auf Wochen von ihrer Umwelt abschneiden; Zeit genug für Linoge, die kleine Gemeinde buchstäblich in die Hölle auf Erden zu verwandeln. Systematisch treibt er die Menschen ihrem Untergang entgegen und lässt schließlich die Maske fallen. Linoge fordert ein Opfer, damit er die Stadt verlässt, ohne sie endgültig zu zerstören - und es muss ein Kind sein, das mit ihm gehen wird ...

Resteverwertung fürs Fernsehen

Böser Dämon sucht idyllische Kleinstadt heim, bringt die heile Welt zum Einsturz und mästet sich an dem Unheil, das er über die Menschen bringt: Kommt einem diese Geschichte nicht bekannt vor? Kein Wunder, denn schließlich hatte Stephen King sie schon einmal erzählt: „Needful Thing“ (dt. „In einer kleinen Stadt“) hieß sie 1991, und die Parallelen sind mehr als auffällig. Man könnte meinen, jener Teufel in Menschengestalt, der 1999 Little Tall Island unter dem Namen Andre Linoge terrorisierte, sei auf die Erde zurückgekehrt, nachdem er Kings literarische Lieblingsstadt Castle Rock als Leland Gaunt heimgesucht hatte.

Zwar bedient sich King gern bei eigenen, früheren (und besseren) Werken, aber dies ist dennoch ein starkes Stück. Ist ihm dies selbst aufgefallen, wählte er deshalb den Weg, den „Sturm des Jahrhunderts“ nicht als ‚richtigen‘ Roman, sondern als Drehbuch niederzuschreiben? Wortgewaltig beschwört der Autor im Vorwort zum vorliegenden Buch jenen Moment herauf, als ihn der Blitz der Erkenntnis durchzuckte: Der „Sturm“ ist eine Geschichte, die nur auf dem Bildschirm erzählt werden kann! Das muss man ihm glauben - oder lässt es bleiben. Unterm Strich überwiegen wohl die Argumente für die zweite Entscheidung.

Der „Sturm“ beruht also auf einer bereits bekannten und durchgespielten Idee. Auch die Tarnung als Drehbuch kann dies nicht verschleiern. Man kann King durchaus bewundern für seinen Einfallsreichtum, mit dem er sich unermüdlich bemüht, neue Wege zur Vermarktung seiner Werke zu finden. Man kann ihn aber einfach dreist nennen und ihm Recycling unterstellen.

Unterhaltung als Routine-Job

Um es anders auszudrücken: King hat eine Idee für einen (Fernseh-) Film gehabt, ein Original-Drehbuch dafür geschrieben und dieses anschließend ohne zusätzliche Arbeit als Buch in den Handel gebracht. Er kommt damit durch, denn er ist Stephen King, der sich selbst rühmte, auch eine Liste von Telefonnummern in einen Bestseller verwandeln zu können. Erfolg korrumpiert also wirklich, denn eine dürftige Ansammlung von Regieanweisungen und Dialogen ist kein Werk, das eine Veröffentlichung verdient hätte!

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte. Das ist im Wortsinn möglich, denn der Film bzw. die TV-Mini-Serie zum Drehbuch existiert ja als „Stephen King‘s Storm of the Century“. Ignorieren wir zunächst, dass ihn ein konturloser Regie-Routinier (Craig R. Baxley) mit ebensolchen Darstellern, die man vergessen hat, sobald sie vom Bildschirm verschwunden sind, in Szene gesetzt hat. Autor King war im Einklang mit dem ausstrahlenden Sender zufrieden mit dem Ergebnis. Ausdrücklich bescheinigte er dem Regisseur, seine Vorlage originalgetreu umgesetzt zu haben; eine Äußerung, die den scharfen Blick auf „Storm of the Century“, den TV-Film, geradezu herausfordert.

Das Urteil fällt hart aus: „Der Sturm“ ist ein vierstündiges, lähmend langweiliges Machwerk, dessen sorgfältige, aber einfallslose Inszenierung und einige gute Spezialeffekte nicht für die gewaltigen Längen und Löcher dieser Geschichte entschädigt. Verantwortlich ist dafür in erster Linie Autor Stephen King, denn er hatte, wie er im bereits erwähnten Vorwort stolz erklärt, weitgehend die Kontrolle über die Verfilmung.

Kein Akt gelungener Selbsteinschätzung

Der Drehbuchautor Stephen King kann mit dem Romancier nicht mithalten. Das machte er vor dem „Sturm“ bereits mit der TV-Neuverfilmung von „The Shining“ deutlich. King hatte es missfallen, wie Stanley Kubrick 1980 mit der Vorlage umgesprungen war. Die Mini-Serie „The Shining“, bei der endlich er das Sagen hatte, legte 1997 allerdings auf peinliche Weise offen, wie genial Kubrick wirklich war. Sein „Shining“ ist ein Klassiker des (phantastischen) Films, während Kings ehrgeiziges Opus zu einer Fußnote geschrumpft ist.

Die vergnüglichsten Momente hat „Der Sturm des Jahrhunderts“, wenn King im Vorwort seine (aus der Ära vor dem Streaming-‚Fernsehen stammenden) Erfahrungen mit den hauseigenen Zensoren des TV-Networks ABC schildert. Die beschämend bigott-prüde Geisteshaltung, welche die nur scheinbar weltoffenen US-Amerikaner an den Tag legen, offenbart sich selten so deutlich wie in dieser Institution, die ihre oft (und zu Recht) verfluchte deutsche ‚Schwester‘, die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK), wie Speerspitzen der sozialen Avantgarde aussehen lassen.

„Der Sturm des Jahrhunderts“ ist ein überflüssiges Buch, wenn man es denn als solches bezeichnen möchte. Nichtsdestotrotz tauchte der „Sturm“ sogar in den deutschen Bestseller-Listen auf und hielt sich dort einige Zeit. Ein Mirakel - oder verkauft sich tatsächlich wie Schnittbrot, worauf der Name King steht?

Fazit:

Kein Roman, sondern ein Drehbuch, das nur alte King-Einfälle aufwärmt und zum halbgaren Grusel vermengt: langweilende Resteverwertung im Umfeld einer lauen TV-Mini-Serie.

Der Sturm des Jahrhunderts

, Heyne

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