18 Gänsehaut-Stories - Geschichten des Grauen und der Angst

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1976
18 Gänsehaut-Stories - Geschichten des Grauen und der Angst
18 Gänsehaut-Stories - Geschichten des Grauen und der Angst
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Michael Drewniok
80°

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2022

Die Angst ist erschreckend anpassungsfähig

18 Stories belegen, dass die Angst vor dem Übernatürlichen, Unverständlichen, scheinbar Unerklärlichen den Menschen sich im Laufe der Zeit zwar verändert, aber in ihrem Kern unverändert kraftvoll bleibt.

- Manfred Kluge: Vorwort, S. 7/8

- Algernon Blackwood: Die Spuk-Insel (A Haunted Island; 1899), S. 9-28: Auf seiner einsamen Insel erhält der Urlauber mordlüsternen Besuch.

- Honoré de Balzac: Die Zaubernacht in den Hochlanden (L'œil sans paupière; 1832), S. 29-43: Jock Muirland gerät an eine Frau, die ihn buchstäblich niemals aus den Augen lässt.

- Lafcadio Hearn: Der Fall Chugoro (The Story of Chūgorō; 1902), S. 44-48: Der verliebte Soldat geht einer unheimlichen ‚Frau‘ ins Netz.

- Philip Latham: Jeanettes Hände (Jeannette's Hands; 1973): S. 49-69: Um der Karriere des ellenbogenfreien Gatten auf die Sprünge zu helfen, lässt Dagny ihre Zauberkräfte spielen.

- Washington Irving: Die Geschichte vom schläfrigen Tal (The Legend of Sleepy Hollow; 1819), S. 70-79: Der kopflose Hesse hat Schulmeister Ichabod Crane geholt - oder wurde ihm nur ein Streich gespielt?

- Jonas Lie: Das Seegespenst (1882), S. 80-88: Dass ihm der Fischer einst eine Pike ins Kreuz gerammt hat, vergisst ihm der böse Geist des Meeres niemals.

- Nikolaj Gogol: Die Johannisnacht (1830), S. 89-105: Um an Geld für die Hochzeit mit der schönen Pidorka zu kommen, lässt sich Petrusj mit dem Teufel ein.

- Guy de Maupassant: Die Angst (La peur; 1882), S. 106-108: Seit er einen Wilderer erschossen hat, fürchtet der Jäger dessen Rache aus dem Jenseits.

- Villiers de l'Isle-Adam: Folter durch Hoffnung (La torture par l'espérance; 1883), S. 109-114: Was wie eine Gunst des Schicksals wirkt, ist tatsächlich der Höhepunkt des Schreckens.

- Edgar Allan Poe: Der schwarze Kater (The Black Cat; 1843), S. 115-125: Durch Sauflust und Jähzorn wird er zum Schrecken für Mensch und Tier, doch die Strafe ereilt ihn spektakulär.

- H. P. Lovecraft: In der Gruft (In the Vault; 1925), S. 126-134: Der faule Totengräber sieht sich mit einem unzufriedenen ‚Kunden‘ konfrontiert.

- Robert Bloch: Das unersättliche Haus (The Hungry House; 1951), S. 135-156: Was in diesem Haus ‚lebt‘, will unter sich sein und sorgt dafür, dass neue Bewohner gehen - oder bleiben.

- Alexandre Dumas: Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett (Le chat, l'huissier et le squelette; 1849), S. 157-165: Bevor er hingerichtet wurde, hat der Delinquent den Richter verflucht.

- H. G. Wells; Spuk im Klub (The Inexperienced Ghost; 1902), S. 166-177: Clayton hilft einem unerfahrenen Geist und lernt dabei etwas, das er besser hätte vergessen sollen.

- Andrew J. Offutt: Sareva, meine Hexe (Sareva: In Memoriam; 1973), S. 178-190: Sie hat ihn geliebt, aber er fürchtete ihre Magie - und die gemeinsame Tochter.

- Jack Sharkey: Die Dämonin (Trade-In,; 1964), S. 191-204: Valerie wirkt immer jünger, während Gatte Bob sichtlich altert; das hat einen Grund.

- Lewis Hammond: Die Witwe vom Belgrave Square (N. N.; ?), S. 205-213: Der unterlegene Konkurrent findet eine Möglichkeit, sich grausam am Sieger zu rächen.

- J. M. Rymer: Vampir zu sein dagegen sehr... (1847); S. 214-239: Varney erinnert sich an seine ersten Tage als Vampir.

Die Angst im Wandel der Jahre

18 kurze bis mittellange Geschichten - darunter drei Auszüge aus Romanen (Lie, Gogol, Rymer) - bilden das Spektrum des literarischen Grauens in den Jahren 1819 bis 1973 ab. Diese Zeitspanne ist breit, was sich u. a. einem Erzählstil widerspiegelt, der heute kunstvoll, aber auch umständlich wirkt. Washington Irving (1793-1859), Honoré de Balzac (1798-1873), Patrick Lafcadio Hearn (1850-1904) oder Jonas Lie (1833-1908) erinnern an jene Ära vor der Aufklärung, als der Horror noch gegen- bzw. alltäglich war und bereits unter den Bäumen des nahen Waldes das Reich meist böser Kreaturen begann, dem man sich zumindest des Nachts tunlichst fernhielt, um nicht in deren Gewalt zu geraten.

Dieser Schrecken mag uns heute lächerlich erscheinen, doch das ändert sich, sollte man selbst durch echte Dunkelheit irren: Die instinktive Furcht vor dem Unsichtbaren und Unfassbaren ist noch sehr lebendig. Sie wird erweitert durch ein Schuldempfinden, das sich stärker aus dem Verstoß gegen religiöse bzw. moralische Regeln als aus dem Gesetzesbruch speist: Nikolaj Gogol (1809-1852) bringt es (trotz ständiger Abschweifungen) auf den Punkt: Ein guter Christ erkennt und meidet den Teufel! Wer dies nicht beherzigt, wird nicht nur von Gott verstoßen, sondern auch vom Bösen hinters Licht geführt und nimmt ein elendes Ende, das gleichzeitig den Mitmenschen eine Warnung sein soll.

Auch als die Menschen erkannten, dass kein Spuk durch Wälder und Sümpfe streifte, verschwand die Angst nicht. Sie passte sich stets neuen Zeiten an und fand neue Nischen, in denen sie ungebrochen herrschte. Der Aufstieg der Psychologie ließ das Menschenhirn zur Gruselstätte werden. Gibt es dort einen Defekt, lässt es seinen Besitzer Dinge sehen und hören, die es faktisch nicht gibt. Nur wenige Seiten genügen Guy de Maupassant (1850-1893), das daraus erwachsende Entsetzen in Worte zu fassen; er wusste, worüber er schrieb, denn sein Hirn löste sich aufgrund der Syphilis allmählich auf. Eine Variante bieten Villiers de l'Isle-Adam (1838-1889) und Edgar Allan Poe (1809-1849), die das Böse als bewusste Tat des grausam handelnden Menschen darstellen, während Alexandre Dumas (1802-1870) den Aspekt der Rache thematisiert, die eben auch aus dem Jenseits kommen kann und dadurch umso entsetzlicher wirkt.

Die Furcht wird ‚modern‘

Als sich das 20. Jahrhundert näherte, wurde die Angst einerseits neu formuliert und andererseits trivialisiert. Schon 1847 und damit ein halbes Jahrhundert vor Bram Stokers „Dracula“ trieb Varney, der Vampir, sein Unwesen. In ständigen Fortsetzungen wurden einem begeisterten Publikum immer neue Übeltaten geschildert, die James Malcolm Rymer (1814-1884), ein früher Vielschreiber, sich aus dem Hirn wrang. „Varney, the Vampyre or, The Feast of Blood” (dt. „Varney, der Vampir oder das Fest des Blutes“) erschien in billigen, auflagenstarken Heften und brannte ein Feuerwerk vordergründigen Schreckens ab, vor dem man sich nicht fürchtete, sondern über den man sich amüsierte = unterhaltsam gruselte.

Der traditionelle Horror wurde phantastisch verfremdet - in dieser Sammlung fehlen entsprechende Beispiele - oder quasi dokumentarisch. Autoren wie Algernon Blackwood (1869-1951) und H. P. Lovecraft (1890-1937) beschreiben präzise, was geschieht, obwohl es aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht geschehen dürfte. Vor allem Blackwood weiß die Macht der Angst kraftvoll in Worte zu fassen, während ausgerechnet Lovecraft, der genau dies sonst auf die Spitze trieb, mit einem eher schwarzhumorigen Garn überrascht, das den Grusel als Kette sich steigernder, brutal-komischer Zwischenfälle inszeniert, die in einem unerwartet horrorharten Schlussgag gipfeln. Dass Grauen und Komik sich nicht ausschließen, sondern erstaunlich gut ergänzen, belegt auch Herbert George Wells (1866-1946) mit einer Story, die leicht im Ton, aber dennoch klassisch unheimlich ist.

Die triviale, aber deshalb keineswegs minderwertige Seite des Horrors setzte sich in den Magazinen durch, die seit den 1920er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen und mehr als drei Jahrzehnte das Forum der populären Phantastik darstellten. ‚Echte‘ Pulp-Stories enthält diese Sammlung mit einer Ausnahme - Lewis Hammond (1861-1940) - nicht, aber die Erzählungen von Robert Bloch (1917-1993), Andrew J. Offutt (1934-2013) und John Michael „Jack“ Sharkey (1931-1992) belegen, dass sich die Angst auch in der modernen Gegenwart pudelwohl fühlt. Das Spukhaus, die Hexe, der Dämon: Auch für sie ist weiterhin Platz!

Fazit:

Sammlung klassischer und moderner Stories. Manchmal zeitlos, aber auch zeitgenössisch = altmodisch wird die Angst vor dem Unerklärlichen, Unfassbaren thematisiert, die den Menschen seit jeher begleitet. Die Sammlung ist eher eklektisch als sorgfältig zusammengestellt, doch die Kraft der meisten Erzählungen gleicht dies aus.

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