Der Schattenriss

  • Festa
  • Erschienen: September 2022
Der Schattenriss
Der Schattenriss
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Michael Drewniok
80°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

In Papier geschnittene Todesurteile

Im hügeligen Südwestengland liegt Bath, eine für ihre Thermalquellen berühmte und von Feriengästen frequentierte Stadt. Zu den Bürgern gehören in diesem Jahr 1854 auch Agnes Darken, ihre Mutter und ihr Neffe Cedric. Ein mühevoll vertuschter Skandal hat die kleine Familie an den Rand der lokalen Gesellschaft gedrängt; Geldnot verschärft die Isolation.

Ihren Lebensunterhalt bestreitet Agnes, indem sie Scherenschnitt-Porträts herstellt. Diese Kunst stirbt aus, denn die Fotografie wurde erfunden und lockt den Großteil der potenziellen Kundschaft in die neuen Ateliers. Die gesundheitlich angeschlagene Agnes bemüht sich - unterstützt von ihrem Schwager, dem Arzt Simon Carfax - um Mutter und Neffe; dem eigenen Glück schenkt sie keine Beachtung mehr, nachdem ihr Verlobter, der Seemann John Montague, sie vor Jahren im Stich ließ.

Ebenfalls in Bath fristen die Halbschwestern Myrtle und Pearl Meers ähnlich kärglich ihre Existenz. Der Vater ist krank und kann sie nicht mehr versorgen, weshalb Myrtle Pearls Talent als Medium vermarktet: Die jüngere Schwester kann Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen, was sie hasst, weil es sie anstrengt und erschreckt.

Agnes lernt Pearl kennen, als Unheimliches sie heimsucht: Die letzten Kunden, die sich in Papier verewigen ließen, wurden sämtlich umgebracht. Bedrohlich klingende Botschaften erreichen sie, dann verschwindet Cedric. Die Polizei ist keine Hilfe, sondern vor allem misstrauisch. Agnes möchte mit Pearls Hilfe im Geisterreich nachforschen. Dort scheint ihre vor Jahren umgekommene, für ihre Bosheit und Rachsucht gefürchtete Schwester Constance nur darauf gewartet zu haben, Agnes erneut in Angst und Schrecken zu versetzen …

Erst Pech gehabt, dann kommt Unglück dazu

So lässt sich frei nach Karl Valentin diese Geschichte zusammenfassen. Laura Purcell stellt ein (erfreuliches) Gegenwicht zu jenen Autor/inn/en ein, die das viktorianische Zeitalter als Steinbruch für Melodramen missbrauchen, die unter einem Zuviel theatralisch unterdrückter, stets kurz vor der Explosion stehender Emotionen leiden. Sie nutzt die Gelegenheit besser zur Entfaltung eines Horrors, der in einem rigiden zeitgenössischen Klima wurzelt, das kein Abweichen von der Norm gestattet.

Hinzu kommt ein ‚wissenschaftlicher‘ Okkultismus, der den Kontakt mit den Verstorbenen als Möglichkeit preist, aber vor allem von findigen Betrügern genutzt wird, um trauernden Verbliebenen Geld aus der Tasche zu ziehen. Purcell stellt die gängigen Methoden dar, wobei sie lange die Möglichkeit offenlässt, ob hier Geister umgehen.

Lange tritt die Handlung auf der Stelle bzw. schmort in ihrem schier bodenlosen Sud zwischenmenschlicher Ungerechtigkeiten, um dann in ein Finale zu münden, das die Story mehrfach „twisten“ lässt. Faktisch treiben sämtliche Figuren ein Doppelspiel. Was uns Agnes ‚berichtet‘, muss deshalb keineswegs den Tatsachen entsprechen. Sie lügt nicht, sondern stellt die Ereignisse dar, wie sie sich ihr darstellen. Doch Agnes sorgt für eine Vergangenheit, über die allein sie die Deutungshoheit hat. Als sich die Schleier heben, geschieht dies mit drastischer Klarheit. Dieser rasante Umschwung sorgt für Überraschungen und versöhnt mit einer manchmal allzu aufwändigen Milieustudie.

Harter Job für böse Geister

Wieder einmal stellt die stimmungsstarke Darstellung zeitgenössischen Alltagslebens das Horror-Element des Geschehens in den Schatten. Tatsächlich kann sich der Spuk nie wirklich gegen die düsteren Schrecken einer Existenz behaupten, die allein durch Stand, Ansehen und Vermögen definiert wird. Die Schwestern Myrtle und Pearl und ihr Vater, aber auch Agnes und ihre ‚Familie‘ fristen am Rande einer ‚geschlossenen‘ Gesellschaft ihr dürftiges Auskommen. In der viktorianischen Gegenwart sind Armut und Not Schicksale, für die man selbst verantwortlich ist, weil man faul, ‚verdorben‘ oder nicht fromm genug war.

„Unglück“ wird ausgegrenzt; zu nahe ist der eigene Sturz in den ökonomischen und sozialen Abgrund. Man will nicht mit Pech ‚angesteckt‘ werden. In einer Gesellschaft, die ihren Bürgern keine menschenwürdige Absicherung bietet, fördert dies die Gleichgültigkeit dem Elend gegenüber: Man schließt die Augen, blendet die Betroffenen aus, verdammt sie für ihre Existenz und wäre froh, würde eine Seuche sie - und nur sie - dahinraffen.

Gnadenlos wurde Myrtles und Pearls (Stief-) Vater ‚aussortiert‘, als er in der Stickluft einer absolut vorschriftenfrei agierenden Fabrik für Zündhölzer am „Phosphorkiefer“ erkrankte. Die Krankheit zerfrisst seinen Kiefer und verwandelt ihn in ein fauliges Schreckgespenst. Nur eine Amputation könnte ‚helfen‘, doch sie würde ihn endgültig entstellen und in einen Ausgestoßenen verwandeln.

Im Würgegriff der ‚Ehrbarkeit‘

Seine Töchter könnten verhungern oder als Prostituierte enden und auf der Straße landen; dort würden sie Agnes, ihre Mutter und ihren Neffen treffen, die buchstäblich am Hungertuch nagen und doch stets darauf achten müssen, nicht gegen die ehernen Gesetze und Regeln dieser Ära zu verstoßen. Immer wieder thematisiert Purcell diese soziale Kälte, die wie gesagt das Wirken (oder Wüten) eines Geistes oder Dämons an Grauen übertrifft.

Sowohl Agnes als auch Myrtle reiben sich im Wettlauf zwischen Untergang und Überleben auf. Sie lieben ihre Familie, aber sie verfluchen sie auch für ihre mühlsteinhafte Existenz. Dennoch können sie die Erfüllung zwischenmenschlicher ‚Verpflichtungen‘ nicht verweigern - und müssen feststellen, dass nicht einmal der Tod sie davon befreit.

Wer sich mit dem Jenseits einlässt, wird keine Freude oder Erlösung finden. Die Geister leiden, sind wütend oder verwirrt. Der Kontakt löst körperliche Schmerzen und psychische Erschütterung aus. Pearl ist ein ausgezeichnetes Medium, aber dafür zahlt sie einen hohen Preis: Sie besitzt buchstäblich keine Filter, die sie gegen die Emotionen aus dem Totenreich schützt. Niemand bildet sie als Medium aus, ihre Schwester, aber auch Agnes nutzen ihre Fähigkeiten aus, ohne Rücksicht auf sie zu nehmen.

Die Faszination des Verbotenen

Purcell beschreibt weniger eine Gemeinschaft als einen Höllenpfuhl, in dem jede/r jede/n scharf beobachtet. Der ‚Verstoß‘ gegen Gesetz und Moral lässt bei denen, die nicht betroffen sind, ein voyeuristisches Wohlbehagen aufwallen, das gleichzeitig als Ventil dient: Was bedingungslos verdammt wird, sorgt erst recht für Faszination. Deshalb nimmt Agnes‘ Kundenzahl zu. Neugierig lassen sich Skandaltouristen in Papier schneiden, um einen Blick in das Haus jener Frau zu werfen, deren Kunden sterben und die womöglich nicht unschuldig daran ist.

Die Polizei ist keine Hilfe. Überforderte, schlecht ausgebildete Ermittler gehen stets von der Schuld des oder der Verdächtigen aus. Ein Fall wie dieser übersteigt ihre Fähigkeiten. So wird Agnes selbst aktiv. Doch sie ist nicht die verfolgte Unschuld, die in der Krise über sich hinauswächst. Purcell verweigert uns diese gern gewählte Wendung, die einer Handlung Richtung und Kraft verleiht. Agnes bleibt plausibel - und enervierend - ihrer Rolle als verhuschte Jungfer. Ihre Bemühungen führen sie erst in die Irre und schließlich dorthin, wo etwas wartet, dem sie erst recht nicht gewachsen ist. Wieder einmal ist der Mensch nicht nur das Monster, sondern auch das Opfer.

Fazit:

Mischung aus klassischem Grusel und ‚psychologischem‘ Horror, wobei der Wechsel überraschend kommt; ein allzu geruhsamer, aber stets die sozialen Ungerechtigkeiten der gewählten Ära betonender Mittelteil mündet in ein düsteres Ende, das dem Kontext zu seinem Recht verhilft: Splatterfreier Schrecken kann nach wie vor seine Wirkung entfalten, wenn er so gut wie hier entfesselt wird.

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