Die Mutterfresserin

  • Festa
  • Erschienen: September 2022
Die Mutterfresserin
Die Mutterfresserin
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Yannic Niehr
70°

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2022

Insane in the Brain

1907 in der argentinischen Provinz: In der Heilanstalt von Temperley geht alles seinen geregelten Gang. Die Ärzte begegnen der eintönigen Langeweile mit eingebildeten Liebschaften, pseudophilosophischen Gesprächen und wilden Gedankenspielchen. Bis die Leitungsebene es auf die Spitze treibt und ein unerhörtes Experiment vorschlägt: Ausgehend von der Theorie, dass der Kopf eines Geköpften noch 9 Sekunden lang bei Bewusstsein bleiben kann, sollen Krebspatienten Placebos mitsamt Heilsversprechen verabreicht werden, um sie anschließend – wenn selbstverständlich keine Besserung eingetreten und ihr Ableben nur noch eine Frage der Zeit ist – dazu zu bewegen, ihren Körper „der Wissenschaft“ zu spenden. Die Spender werden schließlich in einer Apparatur fixiert, die wie eine horizontale Guillotine fungiert, ihren Kopf binnen Sekundenbruchteilen vom Körper abtrennt und mithilfe eines Luftstroms die Stimmbänder in Schwingung versetzt. Die in den auf die Enthauptung folgenden Sekunden getätigten Lautäußerungen sollen protokolliert werden. So erhoffen die Ärzte sich einen Einblick in das, was nach dem Tod kommt – und der Irrsinn nimmt seinen Lauf …

2009: Ein exzentrisches Wunderkind plant, den eigenen Körper zum Kunstobjekt zu machen. Im Rahmen der Bestrebungen treten Geheimnisse um die Jahrzehnte zurückliegenden, bizarren Vorkommnisse in einer Heilanstalt nahe Buenos Aires zutage – und eine seltsame kleine Larve gewinnt an Bedeutung, die man „Mutterfresserin“ nennt …

„Es gibt manche, die nicht existieren“

Roque Larraquy machte einen Abschluss in Literaturwissenschaften an der Universidad de Buenos Aires und übte verschiedene Dozententätigkeiten, u.a. an der Universidad Nacional de las Artes, aus. Seine Texte und Drehbücher konnten in der Kritik bereits großen Anklang finden. So war La Comemadre in den USA für den National Book Award nominiert. Das Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und liegt nun im FESTA-Verlag auch auf Deutsch als Die Mutterfresserin vor.

„Man muss seinen Affen wechseln. Am Tag tun, was man nachts geplant hat“

Der Roman ist sperrig und schwer greifbar, verschließt sich geradezu jeder Interpretation. Larraquy wirft hier die wildesten Elemente zusammen, schreibt mal im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung, eines blutigen Exploitation-Thrillers, oder eines scharfzüngigen Sitcom-Skripts. In der Heilanstalt Temperley sind jedenfalls die Ärzte mindestens so geisteskrank wie die Patienten. Genie und Wahnsinn geben sich hier die Klinke in die Hand, stets auf der Suche nach der nächsten Grenzüberschreitung. Sowohl auf der Handlungsebene als auch inhaltlich und formal wird der gute Geschmack mit Füßen Getreten; alles Menschliche löst sich auf.

Einfach zu begreifen (und vor allem zu verdauen) ist das alles nicht, und befriedigende Verbindungen zwischen den beiden verschiedenen, durch über ein Jahrhundert getrennten Teilen der Story lassen sich nur mit angestrengtem Blick zwischen die Zeilen ausmachen. Larraquys trockene Prosa, deren filmgleicher Dynamik man den Drehbuchautoren durchweg anmerkt, zieht einen trotzdem nahtlos durch das Geschehen und lässt immer wieder ganz beiläufig trockenen Humor aufblitzen, der einen so unerwartet trifft, dass zuweilen das Lachen im Halse stecken bleibt. Und am Ende des abgründigen Trips fühlt man sich definitiv verdorbener als zu Beginn – aber auch irgendwie befreiter.

Fazit:

Mit Die Mutterfresserin hat Roque Larraquy eine düster-derbe Novelle verfasst, die sich jeder Beschreibung entzieht und jeden Anspruch, den man an sie stellen könnte, unterwandert. Dieser groteske Text mit Kultpotenzial ist nicht für jeden, wird aber zweifelsohne seine Fans finden.

Die Mutterfresserin

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