Die letzte Flut (Das Buch zum Film)

  • Pabel
  • Erschienen: Januar 1979
Die letzte Flut (Das Buch zum Film)
Die letzte Flut (Das Buch zum Film)
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Michael Drewniok
75°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Der schreckliche Moment der Erkenntnis

Die australische Großstadt Sydney wird von einem Dauerregen heimgesucht, der die Meteorologen vor ein Rätsel stellt. Selbst in Wüstenregionen, die seit Jahrzehnten knochentrocken blieben, kommt es plötzlich zu Überschwemmungen.

Anwalt David Burgess wird von einem ungewöhnlichen Fall aus seiner Arbeitsroutine gerissen. Er soll Rechthilfe für eine Gruppe von fünf Aborigines leisten, die des Mordes angeklagt wurden. Sie haben offenbar Billy Corman - ebenfalls ein Ureinwohner - umgebracht, obwohl dessen Leiche keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung aufweist.

Burgess engagiert sich sehr in diesem Fall, der nicht nur sein Interesse findet, sondern ihn auch aus seinem emotionalen Schneckenhaus lockt. Er macht sich schlau über die komplexe Mythologie der Aborigines, die zwischen Realität und Traum nicht unterscheiden. Billy Cormans Tod wurde von einem Stammesführer befohlen, der den Diebstahl einiger heiliger Steine bestrafen wollte. Dass Billy „verschrien“, d. h. verflucht wurde, wird vom australischen Gesetz allerdings nicht strafmildernd berücksichtigt.

Unbedingt will Burgess die mythologische Wurzel dieses ‚Mordes‘ offenlegen. Darin wird er durch die Entdeckung bestärkt, selbst über das „zweite Gesicht“ zu verfügen: Plötzlich kann Burgess die „Traumzeit“ der Aborigines betreten, wo er Chris Lee kennenlernt, einen der fünf Männer, die wegen Billys Tod angeklagt werden. Auch Charlie, der Stammesführer und -magier, stellt sich ihm vor.

Anwaltskollegen, Familie und Freunde reagieren ablehnend auf Burgess‘ zunehmend fanatisch wirkenden Einsatz. Doch der Anwalt kann nicht mehr zurück. Jenseits des Falls beunruhigen ihn Visionen einer nahen Flutkatastrophe. Während Burgess versucht, Chris und Charlie die Wahrheit über Billys Ende zu entlocken, verdichten sich die Hinweise auf eine bevorstehende Apokalypse …

Gefangen zwischen zwei Welten

Normalerweise sind Romane, die nach Drehbüchern entstehen, typische Merchandising-Produkte. Sie sollen den Gewinn noch ein wenig nach oben treiben. Da dies ihr Primärzweck ist, heuert man zweit- bis drittklassige Autoren an, die vor allem schnell und günstig schreiben. Sobald der Film nicht mehr aktuell ist, verschwinden solche „tie-ins“ vom Buchmarkt; ihre Halbwertszeit ist gering.

„Die letzte Flut“ stellt eine Ausnahme dar. Zum einen sind Drehbuch- und Romanverfasser identisch, zum anderen steckt hinter diesem Projekt das ernsthafte Bemühen, über die Handlung hinaus eine Geschichte zu erzählen. In diesem Fall ist das Geschehen ohnehin nur scheinbar vordergründig. Die wichtigen Ereignisse spielen sich in einem Hintergrund ab, der bis zuletzt nicht gänzlich entschlüsselt wird.

Petru Popescu gelingt es, die daraus resultierende, vage, aber bedrohliche Stimmung in seinen Roman zu übertragen. „Die letzte Flut“ greift das beliebte Sujet vom ahnungslosen Mr. Jedermann auf, der in eine Kettenreaktion mysteriöser und unheimlicher Vorfälle gerät, die sein Leben nachhaltig aus den Fugen heben. David Burgess hat zunächst keine Ahnung, dass er über die Fähigkeit verfügt, in eine ‚übernatürliche‘ oder ‚jenseitige‘ Welt zu blicken. Dieses keineswegs willkommene Talent ist ein Erbe, das ihm nie erklärt wurde, weshalb Burgess nun überfordert ist.

Konfrontation mit dem schlechten Gewissen

Wie überall auf dieser Welt, wo europäische Kolonisten sich niederließen, stießen sie auch in Australien auf Menschen, die vor ihnen dort lebten. Lange wurden die Aborigines als „Wilde“ behandelt, d. h. unterdrückt, verdrängt, ausgebeutet oder direkt umgebracht. Die eindringliche Kultur der Aborigines wurde als heidnischer Hokuspokus ignoriert oder bekämpft. Binnen weniger Jahrzehnte sank die Zahl der australischen Ureinwohner, die zusätzlich von für sie tödlichen Zivilisationskrankheiten sowie vom eingeführten Alkohol dezimiert wurden.

Auch heute fristen die Aborigines ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Das begangene Unrecht wird von den Verursachern weiterhin gern verdrängt. Auch David Burgess, der in Australien geboren ist, hat nie einen Aboriginal persönlich, d. h. wirklich kennengelernt. Mit dem schlechten Gewissen des willigen, aber informationsarmen Gutmenschen will er dies nachholen, doch obwohl auf dieser Odyssee sein altes Leben in Stücke geht, kommt Burgess nie so weit wirklich zu begreifen, was eigentlich geschieht.

Popescu beschränkt sich auf Andeutungen, die indes verdeutlichen, wie weit die Welten der ‚neuen Herren‘ und der ‚alten Australier“ auseinanderliegen. Obwohl sich nicht nur Burgess, sondern auch Billy um Verständnis bemühen, kommt eine echte Kommunikation nie zustande. Die kulturellen Unterschiede sind einfach zu groß. Dies gilt auch für uns Leser, die höchstens ahnen, dass jenseits eines kuriosen Kriminalfalls etwas Großes vorgeht, das die allzu selbstgefällig in sich ruhende Welt der ‚modernen‘, urbanen, weißen Australier hinwegzufegen droht. Dass dies in einer monumentalen Flut gipfelt, ist wohl auch dem Unterhaltungsaspekt geschuldet: Als ‚menschliches Drama‘, d. h. als tatsachen- und realitätsgebundene Thematisierung der Aborigines-Problematik hätte diese Geschichte wohl kein breiteres Publikum gefunden.

„Die letzte Flut“ im Kino

1975 hatte der australische Regisseur Peter Weir mit dem Mystery-Thriller „Picnic at Hanging Rock“ (dt. „Picknick am Valentinstag“) weltweite Aufmerksamkeit erregt und genial eine spannende Geschichte inszeniert, die an einem ungewöhnlichen Ort spielte und bewies, dass Australien mehr als eine exotische Kulisse war und über faszinierende Schauwerte verfügte.

Zwei Jahre später verließ Weir die Vergangenheit. „Die letzte Flut“ spielte in der großstädtischen Gegenwart der späten 1970er Jahre. Der Film sollte auch in den USA profitabel werden, was dazu führte, dass die Hauptrolle an Richard Chamberlain ging, der schon vor dem Welterfolg der TV-Mini-Serie „Die Dornenvögel“ (1983) über publikumswirksame Prominenz verfügte. Am Drehbuch schrieb neben Weir der Hollywood-Profi Petru Popescu mit, der darauf achten sollte, dass Australien möglich US-konvertibel dargestellt wurde.

Um die Divergenz zwischen der modernen Realität und der Zeitlosigkeit der „Traumzeit“ zu verdeutlichen, arbeitete Weir mit den indigenen Darstellern zusammen. Vor allem David Gulpilil (1953-2021), der eine ‚traditionelle‘ Erziehung im Stammesverbund durchlaufen hatte, war als Bindeglied zwischen den ‚Welten‘ wichtig. Weir lag viel daran, die Mythologie der Aborigines korrekt umzusetzen, statt sie spektakulär auszuschlachten.

Der Film gilt als Klassiker, hat aber auch Negativkritik auf sich gezogen, weil es Weir nicht gelingt, die vielen aufgeworfenen Fragen sinnvoll zu beantworten. Er überschätzt die Bereitschaft seines Publikums, ihm ins „Traumland“ zu folgen, wo Plausibilität keine Rolle spielt. Nichtsdestotrotz ist „Die letzte Flut“ ein spannendes Werk, das Andeutungen und Seltsamkeiten zu einem Netz stetig beunruhigender Ereignisse verwebt. Die großartige Arbeit von Weirs ‚Stammkameramann‘ Russell Boyd unterstreicht den Eindruck einer Welt, die zunehmend in Nässe versinkt.

Anmerkung: „Die letzte Flut“ erschien in der Reihe „Bestseller-Krimi“ des Pabel-Verlags - und damit dort, wo ein Fan dieses Mystery-Garn ganz sicher nicht erwartet hätte. Offensichtlich wusste man verlagsseitig nicht, wo man den angekauften Text unterbringen sollte. Die „Vampir“-Taschenbuchreihe hätte sich angeboten, doch dort erschien ‚handfester‘ Horror. Also sorgte man dafür, dass „Die letzte Flut“ möglichst unbemerkt tobte …

Fazit:

Gelungenes Buch zu einem interessanten Film; da es einer der Drehbuchautoren schrieb, nutzte er die Gelegenheit, über die reine Nacherzählung des Geschehens hinaus für Dichte und Spannung zu sorgen.

Die letzte Flut (Das Buch zum Film)

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