Ingenieure des Kosmos

  • Heyne
  • Erschienen: August 2017
Ingenieure des Kosmos
Ingenieure des Kosmos
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Michael Drewniok
70°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Walkürenritt durch Raum, Zeit & Logik

Im Auftrag ihrer Zeitung „Evening Rocket“ durchstreifen die Reporter Herbert „Herb“ Harper und Gary Nelson Anno 6948 an Bord ihres Dienst-Raumschiffs „Space Pup“ („Sternenwelpe“) das Sonnensystem. Wo immer sich etwas Schlagzeilenträchtiges ereignet, sind sie zur Stelle. Dieses Mal geht die Fahrt weit hinaus bis zum Kleinplaneten Pluto. Dort bereitet sich Pilot Tommy Evans auf den ersten überlichtschnellen Raumflug vor, der ihn Lichtjahre weit in das Sternsystem Alpha Centauri führen soll.

Auf dem Weg zum Pluto stößt das Duo auf das Wrack eines uralten Raumschiffs. Im Inneren findet man den tiefgefroren konservierten Körper der legendären Wissenschaftlerin Caroline Martin, die vor beinahe einem Jahrtausend spurlos verschwand. Sie kann geweckt werden und konfrontiert ihre Retter mit einer unglaublichen Information: Im ‚Schlaf‘ blieb ihr Geist wach und entwickelte telepathische Fähigkeiten. Martin ‚hörte‘ die Stimmen einer unbekannten Superintelligenz, die sich mit anderen kosmischen Kräften ‚unterhielt‘.

Auf dem Pluto versucht eine außerirdische Intelligenz Verbindung mit den Menschen aufzunehmen: Die „Ingenieure des Kosmos“ rufen um Hilfe! Jenseits jener Grenze, an der das Universum endet, droht eine Gefahr, die den Kosmos zerstören könnte - und wird. Das Trio - verstärkt durch Tommy Evans und den Wissenschaftler Kingsley - reist durch Raum und Zeit zu den „Ingenieuren“. Ein anderer Kosmos ist durch den „Interraum“ auf Kollisionskurs mit ‚unserem‘ Universum. Er muss gestoppt werden: eine eventuell mögliche, jedoch lebensgefährliche Aufgabe …

Pfeif‘ auf die Naturgesetze!

Space Opera! Das ist Science Fiction einer ‚unschuldigen‘ Ära, die nicht grundlos mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete. Zwar starb das Genre nicht aus und erfreut sich auch heute bester Gesundheit. Es fehlt ihm aber jene fröhliche Naivität, die auch der hier vorgestellte Titel im Übermaß ausstrahlt. „Ingenieure des Kosmos“ spiegelt einen Optimismus wider, der uns heutzutage geradezu unheimlich vorkommt. Er wurzelt in einer Epoche, die dank naturwissenschaftlicher und technischer Errungenschaften die „frontier“ - jene Grenze, die der Mensch immer weiter in die ‚Wildnis‘ vorschiebt - kurzerhand ins Weltall verlegte, das man - es stand quasi fest - in absehbarer Zeit mit Raumschiffen durchmessen und kolonisieren würde.

Die „Pulp“-Science-Fiction, die seit 1926 in unzähligen Magazinen verbreitet wurde, schürte diese Zuversicht bzw. nutzte sie, um hohe Auflagen zu erzielen. Was in der Realität oft mühsam und unter zahlreichen Rückschlägen erforscht und entwickelt wurde, war in den auf Spannung getrimmten „Space Operas“ das Werk abrupter Geistesblitze, die durch Tatkraft (und harte Fäuste) ergänzt wurden. Diese Zukunft funktionierte hervorragend - und rein analog; so wirft Forscherfrau Caroline Martin mit einem schnöden Bleistift Formeln auf Papier, die binnen kürzester Zeit in den Bau von Maschinen resultieren, mit denen sich künstliche Mikro-Universen basteln lassen. Ohnehin bleiben die Naturgesetze reine Schablone, die nach Belieben = so, wie es die Handlung bedarf, durch „Technobabbel“ ‚ergänzt‘ bzw. ausgehebelt werden. Dazu sei beispielsweise zitiert, wie nach Simak die „Ewigkeit“ konstruiert ist: „Durch das Rotierenlassen eines Kreises in drei Dimensionen schafft man eine Sphäre. Lässt man die Sphäre durch vier Dimensionen rotieren, hat man eine Hypersphäre ... Jetzt brauchst du nur noch die Hypersphäre durch den fünfdimensionalen Raum rotieren zu lassen.“

Raum und Zeit sind Spielzeuge, die nach Belieben manipuliert und instrumentalisiert werden. Gewaltig muss das Ergebnis sein, denn so stellte man sich eine Zukunft vor, in der sich der Mensch titanische Städte, Raumschiffe oder künstliche Planeten baute. Folgerichtig verlieren sich unsere Abenteurer von der Erde in der überdimensionalen Heimatstadt der „Ingenieure“, die das von ihnen geschaffene Wunder nicht einmal bevölkern können. Doch eine galaktische Supermacht muss Beeindruckendes erschaffen (sowie möglichst nebulöser, aber großartig klingende Andeutungen über Raum und Ewigkeit/en machen).

Visionen auf tönernem Boden

Während es technisch stets mit Vollgas vorausgeht, bleibt das 7. Jahrtausend ansonsten altbacken. Herb und Gary sind „Reporter“, die für eine offensichtlich auf Papier gedruckte Zeitung arbeiten; die einzige Konzession an die Zukunft ist das Dienstfahrzeug - ein Raumschiff, das jedoch eher an ein U-Boot erinnert und recht sparsam mit Instrumenten bestückt ist. Autorenkollege Damon Knight merkte bereits 1951 kritisch an, dass sich die Protagonisten wie „durchschnittlich schlaue Mittelschicht-Amerikaner“ der 1930er Jahre verhalten - kein Wunder, denn „Cosmic Engineers“ erschien erstmals im Magazin „Astounding Science-Fiction“, Ausgabe Februar bis April 1939. Dieses SF-Garn atmet deshalb aus vollen Lungen den Geist einer durch den Krieg ad absurdum geführten Zukunft/Zuversicht.

Für sensationelle Entdeckungen sind geniale Wissenschaftler, für den Einsatz der von ihnen entwickelten Fahrzeuge und Apparate tollkühne Helden zuständig. Auf der Erde hat offenbar ein restriktives Regime das Sagen. Man verbietet unserem Raum-Zeitreise-Quintett ihre Expedition und will sie sogar festsetzen, was eine rasante Flucht mit donnernden Raketendüsen zur Folge hat. Allerdings will auf dem Pluto oder an Bord der „Space Pup“ niemand den Kontakt mit den „Ingenieuren“ abklären. Wahre Helden halten keine Rücksprache, und aufhalten lassen sie sich erst recht nicht! Im Dienst der guten Sache denken sie nicht an ihre ‚Karriere‘ - ein Wort, das echte Männer ohnehin nicht kennen!

Wobei Clifford D. Simak in einem Punkt von der Schablone abweicht: Mindestens gleichberechtigt im Kreis der Weltenretter sitzt eine Frau! Zwar nennt der Autor sie oft „Mädchen“, was ihre Jugend und Schönheit trotz überragender intellektueller Fähigkeiten betonen soll. Um das zeitgenössische Publikum nicht zu verstören, baut er weibliche Angstquiekser dort ein, wo sich die „Space Pup“ in ferne bzw. mögliche Zukünfte oder fremde Dimensionen vorwagt. Immerhin steht im Finale keine Hochzeit an; Caroline Martin verliebt sich wider Erwarten nicht in einen der kernigen Jungs, mit denen sie das Universum rettet.

Die Ewigkeit fest im Griff

Naiv, aber durchaus einfallsreich baut Simak seine (hyper-) kosmischen Kulissen auf. Ein Universum reicht ihm nicht, er postuliert ein Multiversum (über das man übrigens schon in der griechischen Antike nachdachte), dem er nach Belieben mysteriöse Zusatz-Dimensionen anflanscht. Auch eine Zeitreise in eine nur mögliche Erde der Zukunft findet statt, wo ‚zufällig‘/glücklicherweise der allerletzte Mensch noch lebt, um seinen beeindruckten Besuchern weitere ‚kosmische‘ Weisheiten aufzutischen.

Um nicht gar zu abstrakt in megalomanische Sphären abzudriften, präsentiert Simak seinen Lesern zwischendurch handfeste Gefahren. So lauern im Hintergrund die superbösen „Höllenhunde“, eine von Hass und Zerstörungswut geprägte Alien-Brut, die sogar das Ende des Universums und damit ihren eigenen Tod riskiert, wenn sie dadurch die verhassten „Ingenieure“ mitreißen kann. Simak inszeniert eine buchstäblich bombastische Raumschlacht, deren tödlichen Ausgang er (fadenscheinig) als ‚gerecht‘ kommentiert.

Überhaupt endet diese Weltraum-Oper erwartungsgemäß mit einem Happy-End - und einer bekannten Coda: Der Mensch ist zwar der Erbe der „Ingenieure“, aber noch nicht „reif“ genug es anzutreten. Das entscheiden unsere Helden im Namen der Menschheit, die sich dazu nicht äußern kann. Abschließend wird das Bild einer Zukunft entworfen, die abermals das Individuum ausspart; es hat in dieser Vision keinen Platz - ein Konzept von dem Simak später abging und ‚echte‘ Menschen in den Mittelpunkt seiner Geschichte setzte. „Ingenieure des Kosmos“ ist ein Kuriosum; das Werk eines Schriftstellers, den man normalerweise nicht mit der „Space Opera“ in Verbindung bringt, der aber im zeitgenössischen Rahmen des Genres ein spannendes, nostalgisch angestaubtes Garn gesponnen hat!

Fazit:

Ausgerechnet Clifford D. Simak, der später durch seine ‚ruhige‘ und jeglichem Gigantismus abholde Science Fiction berühmt wurde, legt als Frühwerk eine „Space Opera“ vor, die unbekümmert den Naturgesetzen trotzt und ebenso flach wie spannend unterhält: Nostalgie pur!

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