Rückkehr ins Haus Usher

  • Econ
  • Erschienen: Januar 1998
Rückkehr ins Haus Usher
Rückkehr ins Haus Usher
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Michael Drewniok
45°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Die Ushers: eine Familie mit Vorgeschichte

Das Haus Usher, berühmt und berüchtigt geworden durch seinen Chronisten, den Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849), ist vor vielen Jahren untergegangen. Doch die Nachfahren des auf tragische Weise umgekommenen Roderick Usher haben es auf den Grundmauern der Ruine neu errichtet. Roderick Usher, der Namensvetter seines unglücklichen Vorfahren, und seine Schwester Madeleine verwandeln es Ende des 20. Jahrhunderts in ein Sanatorium.

Der sensible und übernervöse Usher muss feststellen, dass der sagenhafte Fluch, der den ersten Roderick das Leben kostete, eine reale Grundlage besitzt. Es geht um im Hause Usher. Roderick ist ratlos und ruft einen alten Freund zu Hilfe: John Charles Poe ist ein Nachkomme des Schriftstellers, der den Ushers auf eine Weise verbunden war, der Literatur-Historikern bisher verborgen war. Auch dieser Poe fristet ein eher kärgliches Dasein als unterbezahlter Reporter in seinem Heimatort Crowley Creek und sagt Usher sofort seine Hilfe zu.

Poe deckt ein Komplott auf: Einige Honoratioren aus Crowley Creek haben sich mit einem Gangsterboss aus New York zusammengetan. Sie wollen das Haus Usher und den dazu gehörenden Landbesitz möglichst billig erwerben, um dort ein Spielcasino und einen Freizeitpark zu errichten. Usher widersetzt sich, denn er hütet ein düsteres Geheimnis: Das Sanatorium steht vor dem Ruin, da er und seine Schwester zu viele mittellose Patienten aufgenommen haben. Deshalb ließen sie einen Teil der Insassen auf dem Papier ‚sterben‘. Die auf diese Weise ‚freigewordenen‘ Sanatoriums-Plätze nahmen begüterte Patienten ein, während die ‚überzähligen‘ Bewohner als sehr lebendige Gespenster ein Schattendasein fristen müssen. Poe kommt Usher auf die Schliche, aber er droht sein Wissen während eines gewaltigen Hurrikans, der Crowley Creek verheert, mit dem Leben zu bezahlen …

Poe 2.0: Funktioniert so nicht

Wenn man den Namen Poe trägt und zu seinen Ahnen den großen Edgar Allan zählen darf, ist es vermutlich vorgezeichnet, dass man sich als frischgebackener Schriftsteller an diesem Vorbild orientiert. Ob dies eine weise Entscheidung ist, steht auf einem anderen Blatt. Robert Poe, ein sehr entfernter und keineswegs direkter Nachfahre - der Großmeister der fantastischen Kurzgeschichte starb kinderlos -, hat ohne Furcht vor dem langen Schatten, den dieser über die amerikanische Literaturgeschichte wirft, eine Art Fortsetzung zu einem der berühmtesten Werke überhaupt geschrieben.

„Der Untergang des Hauses Usher“ ist wie so viele Erzählungen Poes keine simple Schauergeschichte, sondern ein virtuoser Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche. Was dies bedeutet, scheint Robert Poe verborgen geblieben zu sein. Mit staunenswerter Nonchalance (oder Unverfrorenheit) erzählt er die Geschichte vom neurotischen Usher, seiner somnambulen Schwester und dem düsteren, verfallenden, unheimlichen Haus, das als Höhepunkt der Handlung in sich zusammenfällt, mehr oder weniger noch einmal. Der Fluch des Hauses Usher, hier einfach eins zu eins auf die Gegenwart übertragen, ist etwa so erschreckend wie eine Geisterbahn-Fahrt.

Er fügt seinem ersten Fehler gleich einen zweiten hinzu und versucht sich in jenem fieberhaft-gehetztem Sprachduktus, der das Original so unverwechselbar macht. Robert Poe hätte wissen müssen, wie absurd es ist, eine Geschichte, die 1839 entstand, mit längst überholten Stilmitteln zu erzählen. Ohne diese Rezension in eine Einführung in die amerikanische Literatur-Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts zu verwandeln, sei nachdrücklich angemerkt, dass Edgar Allan Poes Stil der Stil seiner Epoche ist. (‚Hilfreich‘ ist hier auch der Übersetzer, der sich erfolgreich bemüht, die Unbeholfenheit des Originals ins Deutsche zu retten.)

Trivialliterarische Leichenfledderei

Edgar Allen Poe teilt das Schicksal vieler Zeitgenossen: Die reale Person verschwindet hinter einer überlebensgroßen Kultfigur. Poe ist weltberühmt, ohne dass wahrscheinlich mehr als einer von hundert Menschen sagen könnte, was genau er eigentlich getan hat und wieso er diese Anerkennung verdient, die ihm gezollt wird. Ihm ergeht es damit wie beispielsweise seinem ebenso ‚kultigen‘, gern auf griffige Eindimensionalität gestutzten Schriftsteller-Kollegen H. P. Lovecraft (1890-1937). Der ‚fiktive‘, von seiner Biografie getrennte Poe sogar selbst zur Hauptfigur in (mehr oder weniger) fantastischen Romanen geworden und muss mit Geistern und Dämonen ringen.

Unter solchen Voraussetzungen ist Robert Poes Versuch, den dekadenten Zauber der originären (und originellen) Usher-Erzählung zu beschwören, schon zum Scheitern verurteilt, bevor sich bei der Lektüre herausstellt, dass sein Talent mit seinem schriftstellerischen Ehrgeiz nicht mithalten kann. Irgendwann scheint er das selbst bemerkt zu haben. Die mühsam konstruierte Schauergeschichte verwandelt sich recht abrupt in einen prosaischen (und ziemlich lahmen) Thriller. Die übernatürlichen Phänomene werden ‚logisch‘ erklärt. Dafür müssen die Einwohner von Crowley Creek ebenso beschränkt wie der gute Roderich Usher sein: Wie sonst konnte sein durchsichtiger ‚Plan‘ so lange funktionieren?

„Rückkehr ins Haus Usher“ ist das Produkt eines Schriftsteller-Workshops, an dem Robert Poe im Jahre 1993 teilnahm. Auf solchen Workshops lernt man angeblich, wie man eine Geschichte schreibt. Es fällt schwer, das zu glauben; stattdessen drängt sich einem die ketzerische Frage auf, in welchem Maße der berühmte Name die Entscheidung des amerikanischen (und des deutschen) Verlages beeinflusste, diesen Erstling zu veröffentlichen?

Anmerkung 1: Robert Poe ist übrigens nicht der Erste, der an die Usher-Geschichte anknüpft. 1984 hatte sich Robert R. McCammon mit „Usher‘s Passing“ (dt. „Das Haus Usher“) auf mehr als 400 Seiten bemüht, den Fluch ‚logisch‘ zu begründen, um dabei grandios, aber wenigstens vergnüglich zu scheitern.

Anmerkung 2: Es dürfte keine Überraschung sein, dass Robert Poe gedachte, das einmal urbar gemachte Feld weiterhin zu beackern. John Charles Poe kehrte 1997 zurück - in „The Black Cat“, ebenfalls ‚inspiriert‘ vom armen Edgar Allan, der ob dieses neuen Aufgusses noch ein paar Umdrehungen schneller in seinem Grab rotiert haben dürfte. Damit war der Spuk vorbei, da die Diskrepanz zwischen dem Namen „Poe“ und dem Ergebnis selbst langmütigen Phantastik-Freunden allzu offensichtlich wurde: Wo Kritiker und Exorzisten versagen, kann die freie Marktwirtschaft allzu offensichtlichen Unfug ein Ende bereiten.

Fazit:

Ein marginal talentierter Neu-Autor nutzt seine (entfernte) Verwandtschaft zum berühmten Schriftsteller Edgar Allan Poe, um sich an dessen Werk zu vergreifen: zumindest aufgrund der Dreistigkeit des Versuchs und seines Scheiterns interessantes (Mach-) Werk.

Rückkehr ins Haus Usher

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