Terror: Horror-Stories

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1972
Terror: Horror-Stories
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Michael Drewniok
70°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Getarnter Schrecken ist besonders tödlich

10 Autoren erzählen vom Schrecken, der manchmal offen und drastisch, aber meist heimtückisch aus dem Hinterhalt zuschlägt:

- Larry T. Shaw: Vorwort (Introduction; 1966), S. 7-9

- Mervyn Peake: Morgen um die gleiche Zeit (Same Time, Same Place; 1963), S. 10-18: Er verliebt sich in eine mysteriöse Frau - und kann sich glücklich schätzen, dass ihm der Zufall deren wahre Natur offenbart.

- Robert Bloch: Fantasie muß man haben (A Good Imagination; 1956), S. 19-32: Er will die untreue Gattin umbringen und ihren Liebhaber strafen, aber dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden - und er meistert die doppelte Herausforderung!

- P. Schuyler Miller: Der Verfluchte (Over the River; 1941), S. 33-45: Ohne ‚Lehrer‘ muss ein frischgeborener Vampir lernen, wie seinesgleichen (über-) ‚leben‘.

- Paul W. Fairman: Die Menschenjäger (The Body Hunters; 1959), S. 46-75: Frank malt im Schlaf ein unheimliches Bild, doch stärker beschäftigt ihn die Frage, wie er es seiner treulosen Gattin und deren Liebhaber heimzahlen kann.

- Bruce Elliot: Wölfe weinen nicht (Wolves Don't Cry; 1954), S. 76-88: Ein Wolf verwandelt sich in einen ‚Wer-Menschen‘ und versucht sich in der seltsamen Menschenwelt zurechtzufinden.

- Villiers de l'Isle-Adam: Folter der Hoffnung (La torture par l'espérance: 1883), S. 89-94: Die scheinbar gelungene Flucht führt den verzweifelten Häftling nur zurück in die Gewalt seiner grausamen Häscher.

- Robert F. Young: Wann ist es soweit? (The Courts of Jamshyd; 1957), S. 95-100: Nach dem Untergang der Zivilisation führen die wenigen Überlebenden ein kümmerliches Dasein.

- Richard Wilson: Die kleine Frau (The Little Woman; 1959), S. 101-104: Was er in einem fernen Land erlitt, forderte seinen Tribut, was ihn nun zum Schrecken seiner Mitbürger werden lässt.

- Ambrose Bierce: Exekution auf der Owl-Creek-Brücke (An Occurrence at Owl Creek Bridge; 1890), S. 105-114: Die Kraft der Vorstellung lässt einen zum Tode verurteilten Mann vermeintlich dem Galgen entrinnen.

- Lorenz Heller: Ein wahrer Leckerbissen (A Tasty Dish; 1956), S. 115-125: Ein allzu komplizierter Mordplan schlägt auf den Täter zurück.

Kein böser Geist kann mit dem Menschen mithalten

Alt ist Lawrence Tayler Shaw (1924-1985) nicht geworden, und sein Werk blieb schmal. Selbst hat er nur einige Storys geschrieben und stattdessen viel rezensiert sowie einige Sammlungen phantastischer Kurzgeschichten zusammengestellt. „Terror!“ erschien 1966 und ist einerseits eine eher eklektische Kollektion, die andererseits gerade aufgrund ihrer willkürlich wirkenden Auswahlkriterien für Neugier sorgt.

Absolute Großmeister des Genres mischen sich zwanglos mit Vielschreibern, die den Stil zugunsten des Schockeffekts vernachlässigen. Dies ist eine freundliche Wertung, um den eklatanten Qualitätsunterschied zwischen Ambrose Bierce (1842-1913/14) und Lorenz Heller (1910-1965) zu erklären: Ja, beide schreiben über das Böse, das die Menschen einander zufügen, doch während die Bierce-Story noch heute immer wieder abgedruckt wird, weil sie das Thema inhaltlich und formal auf den Punkt bringt, bereitet Heller umständlich einen abgegriffenen und schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr erschreckenden ‚Höhepunkt‘ vor.

Zwar kann auch Robert Bloch (1917-1993), der als Autor des Romans „Psycho“ in die Geschichte der Populärkultur einging, nicht mit einer originellen Idee dienen, doch in seinem Fall hält die Routine des mit allen Wassern gewaschenen Erzählers (gemischt mit einer ordentlichen Prise Zynismus) die Leser bei der Stange. Paul Warren Fairman (1909-1977) überhebt sich dagegen mit seiner Idee: Weil ihm keine Auflösung einfällt, die der aufwändig (bzw. umständlich) erzählten Vorgeschichte eine echte Krone aufsetzen könnte, flüchtet sich Fairman in eine ‚Notlösung‘ - und erinnert an die Arbeitsbelastung hauptberuflicher Autoren, die pro Wort bezahlt wurden und denen keine Zeit für ausgefeilte Meisterwerke blieb. In diese Kategorie fallen auch die Storys von Robert Franklin Young (1915-1986) und Richard Wilson (1920-1987), wobei in beiden Fällen die Kürze den allzu sachten ‚Höhepunkt‘ erträglich macht.

Kraft und Können

Manchmal kommt unter Mittel- und Minderwertigkeit eine Perle zum Vorschein. Auch Shaw stellt uns einige ungewöhnliche Storys vor. Mervyn Peake (1911-1968), der als Autor der grandiosen „Gormenghast“-Romane in die Geschichte der Fantasy-Literatur einging, brilliert mit einer Story, in der ein Außenseiter auf das Mädchen seiner Träume trifft - nur um zu entdecken, dass er an jemand geraten ist, der/die noch ‚tiefer‘ auf der gesellschaftshierarchischen Leiter steht. Dieser Herausforderung ist der schwache Protagonist nicht gewachsen. Die Ironie liegt in der Tatsache, dass er damit sein Schicksal als Verlierer besiegelt.

Peter Schuyler Miller (1912-1974) nimmt dem klassischen Vampir jegliche Dracula-Würde. Der ‚wiedergeborene‘ Blutsauger ist ein Raubtier, dessen Menschengestalt über seine Gefährlichkeit hinwegtäuscht. Gleichzeitig ist der ‚junge‘ Vampir ein verwirrtes, überfordertes Wesen, in dessen Darstellung Miller geschickt Mitleid und Schrecken zu mischen weiß.

Noch einen Schritt weiter geht Bruce Elliot (1914-1973), der das Werwolf-Motiv buchstäblich umkehrt: Nicht der Mensch wird zum Wolf, sondern der Wolf zum Menschen. Die sich daraus ergebenen Konsequenzen und Schwierigkeiten weiß der Verfasser auf wenigen Seiten, aber konzentriert sowie geradezu emphatisch (und witzig) darzustellen. Elliot gelingt zudem eine Auflösung, die diese Story logisch abrundet.

Der Terror muss Federn lassen …

Einmal mehr sorgte die in Deutschland lange (nicht nur) das Phantastik-Genre terrorisierende Seitennormierung dafür, dass einige Storys der Originalausgabe gestrichen wurden, um die für diese Publikation vorgesehene Seitenzahl (= 128) nicht zu überschreiten:

- Edward Wellen: Tie-Up (1957)

- Edgar Allan Poe: The Man of the Crowd (1840)

- Guy de Maupassant: The Horla, or Modern Ghosts (Le Horla; 1887)

- Wilkie Collins: Mrs. Bullwinkle (1858)

- Cleve Cartmill: No News Today (1941)

Vor allem deshalb wirkt die Story von Jean-Marie-Mathias-Philippe-Auguste Villiers de l'Isle-Adam (1838-1889) in der deutschen Ausgabe wie ein Fremdkörper, weil sie bereits stilistisch aus dem Feld der übrigen Beiträge heraussticht. Tatsächlich hat Herausgeber Shaw wesentlich besser zwischen Klassik und Pulp, Gestern und Heute gewichtet: Zwischen Poe, de Maupassant, Collins und Bierce wird Villiers de l'Isle-Adam zur Ergänzung des Terror-Themas.

Die Erzählungen von Poe, Collins und de Maupassant wurden übrigens in zahlreichen Kollektionen abgedruckt und sind deshalb auch in deutscher Sprache recht leicht zu finden. Die Geschichte von Cartmill erschien 1975 als „Die Wand aus Finsternis“ in „15 Satan-Stories“, hg. von Peter Haining (Heyne-Anthologie 47).

Fazit:

Zehn (von ursprünglich fünfzehn) Autoren entfesseln einen Schrecken, der nicht zwangsläufig übernatürlich sein muss: Für Horror kann ebenso zuverlässig der jederzeit ‚diesseitige‘ Wahnsinn sorgen, der sich oft erst zu erkennen gibt, wenn es zu spät ist: Krude, aber interessante Mischung aus Genre-Klassikern und „Pulp“-Späßen.

Terror: Horror-Stories

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