Die Apollo-Morde

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  • Erschienen: Juni 2022
Die Apollo-Morde
Die Apollo-Morde
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Michael Drewniok
55°

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2022

Im Weltall sieht dich niemand morden

1973 ist das US-Mondlandeprogramm mit der Rückkehr von „Apollo 17“ eigentlich abgeschlossen. Sechsmal haben Astronauten den Erdtrabanten besucht, während der Erzfeind hinter dem Eisernen Vorhang das Nachsehen hatte. Aber obwohl sie keinen Kosmonauten auf den Mond bringen konnten, haben die Sowjets ein technisch hochwertiges Erkundungsfahrzeug dort gelandet, das ferngesteuert umherfahren und die Oberfläche wesentlich intensiver erkunden kann als ein Astronaut.

Auf US-Erdboden sorgt nicht nur das Mondmobil für Unruhe. Die CIA hat herausgefunden, dass die Sowjetunion einen unerhört leistungsfähigen Spionagesatelliten in die Erdumlaufbahn geschossen hat. Dessen Kameras könnten problemlos US-Raketenbasen u. a. Geheimnisse erkunden. Deshalb genehmigt Präsident Nixon eine letzte Mondmission: Vorgeblich dient „Apollo 18“ erneut wissenschaftlichen Zwecken. Tatsächlich soll die Besatzung erst den Satelliten „Almaz“ ausschalten und auf dem Mond das Mobil sabotieren.

Noch bevor die Rakete abheben kann, stirbt einer der drei Astronauten bei einem ‚Unfall‘, der sich später als Mord entpuppt. Da ist „Apollo 18“ - an Bord einer der Hauptverdächtigen - schon gestartet. Natürlich soll die heikle Mission nicht gefährdet werden, weshalb man die Astronauten nicht informiert.

Ohnehin gibt es rasch größere Sorgen: Der ‚Überfall‘ auf „Almaz“ scheitert, einer der Astronauten kommt dabei um - und plötzlich muss „Apollo 18“ eine sowjetische Kosmonautin aus dem All retten. Svetlana Gromova wird mit zum Mond fliegen - und der Lahmlegung des Luna-Mobils nicht tatenlos zusehen …

Was tun, wenn zurück auf der Erde = dem Boden der Tatsachen?

Was machen Raumfahrer, wenn sie in den Ruhestand gehen? Dies geschieht vergleichsweise früh, da man lieber Männer und Frauen ins All schießt, die jung und belastbar sind. (Primär der Publicity geschuldete Ausnahmen wie William Shatner bestätigen die Regel.) Chris Austin Hadfield, ein ehemaliger Testpilot, war zwischen 1995 und 2013 dreimal im All, womit die Erdumlaufbahn gemeint ist. Dort brachte er es bis zum Kommandanten der Internationalen Raumstation (ISS).

Während seiner Dienstzeit beherzigte Hadfield jene moderne Maxime, nach der nur existiert, wer sich möglichst lautstark einem Publikum präsentiert. Während er 2013 von der ISS zur Erde zurückkehrte, trug Hadfield seine Version des David-Bowie-Songs „Space Oddity“ vor. Nicht seine gesanglichen Qualitäten, sondern die Tatsache, dass er dies tatsächlich im Weltall tat, sorgte für einen Aha!-Effekt, der ihm millionenfache Klick-Resonanz im Internet sicherte, wo sein Auftritt veröffentlicht wurde.

Seither probiert Hadfield diverse Methoden aus, öffentlich präsent zu bleiben. Dass er einen Roman schrieb, konnte quasi nicht ausbleiben; schließlich hat „Buzz“ Aldrin, der zweite Mensch auf dem Mond, bewiesen, dass man nicht unbedingt ein Schriftsteller sein muss, um Leser zu locken. Allerdings war Aldrin klug genug, sich einen Profi als ‚Co-Autor‘ anzuheuern, während Hadfield sich selbstständig als Autor versuchte; keine wirklich gute Idee, wie sich herausstellt.

Interessanter Tatort

Hadfield gehört zur weiterhin nicht gerade kopfstarken Gruppe derer, die tatsächlich im All gewesen sind. Er verfügt über persönliche Erfahrung mit der Schwerelosigkeit und dem Überleben in einer Umwelt, die zwar faszinierend, aber absolut lebensfeindlich ist. Um dort zu überleben, müssen komplexe Prozeduren befolgt werden. Abweichungen oder gar Fehler sind fatal, wie die Schicksale der Raumfähren „Challenger“ (1986) und „Columbia“ (2003) zeigten; „Apollo 13“ entkam nur mit viel Glück dem Untergang.

Astronaut Hadfield kennt sich aus - im Weltall, auf Raketen-Startplätzen und auf dem NASA-Gelände, während er auf dem Feld der Unterhaltung weniger bewandert ist. „Die Apollo-Morde“ bieten einen interessanten Plot, der jedoch den Kern des Scheiterns in sich trägt: Krimi-Spannung entsteht, wenn der Täter möglichst lange unerkannt bleibt. Als klassischer, d. h. von der Außenwelt isolierter Tatort, in dem Täter, Verdächtige und Opfer unter sich bleiben, taugt eine „Apollo“-Kapsel nicht wirklich; dies erst recht, wenn zwei der drei Insassen definitiv unschuldig sind.

Also muss Hadfield die Katze aus dem Sack lassen, den Täter nennen und hoffen, dies durch die allmähliche Offenlegung seiner Beweggründe auszugleichen. Um die Brisanz der Situation anzufachen, gestaltet Hadfield die „Apollo-18“-Mission zudem als militärische Sabotage-Mission. Gleich zwei Konkurrenz-Konstruktionen der bösen Sowjet-Teufel sollen außer Gefecht gesetzt werden. Dies ist keine glaubwürdige Situation, könnte aber durch eine spannende Darstellung aufgewertet werden.

Techno-Thriller im Holzschnitt-Stil

Doch Hadfield ist - freundlich ausgedrückt - kein guter Schriftsteller. Er hat keine Ahnung von der Notwendigkeit einer stringenten Handlungsführung. Stattdessen schwelgt er in endlosen Beschreibungen jener Aspekte, die einst seinen Alltag darstellten. Detailliert stellt uns der Verfasser vor, wie Menschen ins All befördert wurden. Dies sorgt für durchaus interessante Szenen, die jedoch immer wieder zum Selbstzweck gerinnen. Wir müssen und wollen gar nicht jede Einzelheit kennen, wenn gleichzeitig die Geschichte auf der Stelle tritt. Hier bekommt man den Eindruck, nach der Lektüre notfalls selbst eine Mondrakete steuern zu können; die dafür erforderlichen Instrumente, Hebel und Schalter kennen wir ja jetzt ...

Auch die Figurenzeichnung folgt dem unheilvollen Drang zur Breite. Hadfield stellt uns viele Personen vor und spart nicht mit biografischen Hintergründen, obwohl sich seine Protagonisten mehrheitlich als Nebenfiguren erweisen. Kaz Zemeckis, Gabdul Latipor oder Vater Ilarion sind schlicht nicht wichtig genug für den Aufwand, den Hadfield mit ihnen treibt.

Selbst die Hauptfiguren bleiben uns fremd. Kosmonautin Svetlana wird als ‚Überraschungseffekt‘ in die Handlung gebracht. Hadfield glaubt offensichtlich, dass ihre weibliche Anwesenheit sensationell genug ist. Allerdings weiß er mit der Figur nicht wirklich etwas anzufangen. Dramatische Situationen werden überhaupt selten spannend auf die Spitze getrieben, weil Hadfield nicht weiß, wie man so etwas macht. Dazu passt ein ‚Täter‘, dessen Beweggründe man nie wirklich begreift, weil es in seiner Darstellung erhebliche Logiklücken und Brüche gibt.

Faxen auf dem Mond

Ideen allein sorgen nicht automatisch für Unterhaltung. Hadfield lässt sie im Überfluss auf seine Geschichte einprasseln, statt sie ökonomisch in den Dienst der Handlung zu stellen. Das irritiert und ärgert, wenn sich nach aufwändiger Vorarbeit erneut ein Einfall quasi in Luft auflöst, statt für eine interessante Ereignisvolte zu sorgen. So bohrt Hadfield u. a. mysteriöse ‚schwarze Löcher‘ in den Mondboden; sie bleiben völlig belanglos.

Für Enttäuschung sorgen die Kapitel, die auf dem Mond oder in der engen Raumkapsel spielen. Hadfield misslingt es abermals, eine zielgerichtete Story für diese an sich vielversprechenden Schauplätze zu entwickeln. Er reiht belanglose Episoden aneinander und rettet sich zu schlechter Letzt - da ist man wieder auf der Erde - in Action-Klischees und Melodramatik.

Auf diese Weise verwandelt sich diese Alternativ-Version einer noch jungen Vergangenheit in eine seinem Potenzial nur selten gerecht werdende, schwerfällige Mär, in die der Autor pflichtschuldig seine Hochachtung vor Politik, Militär und NASA glaubt einfließen lassen zu müssen. Für Hadfield steht es offenbar außer Frage, dass Schurkenstaat-Hightech sabotiert werden darf. Natürlich spiegelt sich darin (unfreiwillig) ein realer Aspekt der modernen Raumfahrt wider, die stets auch politisch und militärisch geprägt war; man sollte nicht vergessen, dass die grandiose „Saturn 5“ eine Weiterentwicklung jener „V2“-Rakete war, die Nazi-Deutschland in großer Zahl auf England abfeuerte.

Fazit:

Der Verfasser bekommt den ungewöhnlichen und interessanten Plot nicht in den Griff. Er übertreibt die Darstellung technischer und administrativer Abläufe, verheddert sich in einem Gespinst nie spannend ausgearbeiteter Ideen und tritt im Mittelteil dieser vor allem seitenstarken Mischung aus Techno-Thriller, Krimi und Science Fiction auf der Stelle: Thema nicht direkt verfehlt, aber auch nicht gemeistert.

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