Schneegrab

  • Piper
  • Erschienen: Dezember 2022
Schneegrab
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2023

Voller (Hoch-) Mut ins Reich des luftlosen Grauens

Im Sommer des Jahres 1935 nimmt eine britische Expedition den Himalaja-Gipfel Kangchenjunga ins Visier. Noch niemals wurde ein Berg bestiegen, der über 8000 Meter emporragt. Die Briten wollen unbedingt die ersten sein, denen dies gelingt. Imperialistischer Stolz facht diesen Ehrgeiz an, der bereits zahlreiche Opfer gefordert hat.

Im Gedächtnis blieb vor allem der Gipfelsturm von 1906 unter General Edmund Lyell. Sein Scheitern kostete mehrere Männer das Leben, gilt aber dank der schriftstellerischen Darstellung des Fiaskos als Heldentat. Captain Charles Tennant, der die Katastrophe überlebte, hat sich nie öffentlich dazu geäußert, dass er den kürzlich verstorbenen Lyell für einen Versager und ein Großmaul hält. Körperlich schwer gezeichnet hat er sich nach Indien zurückgezogen und verweigert Auskünfte über die Ereignisse von 1906.

Dr. Stephen Purcell, Arzt der neuen Expedition, die auf den Spuren Lyells endlich den Kangchenjunga bezwingen will, kann Tennant befragen, der jedoch nur andeuten will - oder kann -, dass auf diesem Berg „etwas“ auf ‚Besucher‘ lauert. Doch eine Neuplanung der Route ist angesichts der fortgeschrittenen Jahreszeit nicht mehr möglich.

So brechen Purcell, sein Bruder Christopher („Kits“) und die Bergsteiger McLellan und Garrard unter dem Kommando von Major Cotterell mit 60 „Kulis“ auf - ein Unternehmen, das unter keinem günstigen Stern steht, denn die Träger fürchten den Kangchenjunga, auf dem es aus ihrer Sicht von bösen Geistern wimmelt. Tatsächlich stellt sich vor Ort bald heraus, dass die Bergsteiger nicht allein sind …

Je höher sie steigen …

Spuk findet bekanntlich dort statt, wo der „gesunde Menschenverstand“ in die Ecke gedrängt wird. Er funktioniert, solange das Leben ‚normal‘ verläuft. Dies gilt vor allem für diejenigen Zeitgenossen, die sich selbstbewusst als Bewohner einer Alltagswelt betrachten, in denen sich auch zunächst merkwürdige Phänomene natur- und geisteswissenschaftlich erklären lassen.

Dabei ist gar nicht so viel Zeit seit der Absage an „abergläubischen Unfug‘ verstrichen. Tatsächlich gibt es weiterhin Nischen, in denen ein Unbehagen nistet, das sich der Ratio einfach nicht unterwerfen will. Haben wir Menschen zu ausgiebig an ein paralleles Reich des Übernatürlichen geglaubt und können dies nicht abstreifen? Oder gibt es womöglich doch etwas, das sich nicht wegerklären lässt? In dunkler Nacht bei und bei Windgetöse stellen sich jene Schreckgespenste jedenfalls weiterhin ein, die man dort zu sehen oder hören glaubt, wohin die eigenen Sinne nicht tragen, weil sie überfordert sind.

Der Verlust von Kontrolle lässt die Angst erscheinen. Die elementare Krise breitet ihr zusätzlich einen roten Teppich aus. Davon profitiert Michelle Paver, die ihre ohnehin psychisch angeschlagenen ‚Helden‘ dorthin versetzt, wo der menschliche Verstand aus den Fugen gerät. Körperliche Hochanstrengung, Kälte und vor allem Sauerstoffmangel lassen das Hirn versagen - dies nicht vollständig, sondern tückisch in Schüben. Je höher man klettert, desto intensiver werden nicht nur durch synaptische Kurzschlüsse ausgelöste Epiphanien, sondern auch geistige und körperliche Ausfälle, die im Normalzustand selbst bei Profis Fehlverhalten bewirkt.

… desto tiefer geraten sie in Schwierigkeiten

Die Schwierigkeiten nehmen exponentiell zu, wenn zu den von der Natur vorgegebenen Hindernisse jene privaten Probleme kommen, die man eben nicht, wie Stephen Purcell irrtümlich annimmt, glücklich abstreift, wenn man die Grenzen seiner restriktiven Existenz überschreitet bzw. vor ihnen ins Hochgebirge flüchtet. Kameradschaftlich klettern, dabei den Alltag vergessen: Dies ist eine romantische Wunschvorstellung, an die zu glauben die vorhandenen Gefahren noch anfacht.

„Schneegrab“ ist durchaus ein lupenreiner Gruselroman, der jedoch über die Grenzen des Genres hinausgeht. Der Originaltitel „Thin Air“ - „Dünne Luft“ - kommt dem Gesamtgeschehen deutlich näher. Viele Seiten füllt Ich-Erzähler Purcell mit den Schilderungen einer Expedition, die in den 1930er Jahren eher einem Kriegszug gleicht. Fünf Männer wollen einen hohen Berg ersteigen, aber die Logistik wirkt beinahe lächerlich. Viele Wochen vergehen, während der Kangchenjunga weniger erklettert als erobert wird. Eine Heerschar einheimischer „Kulis“ und Sherpas schleppt Unmengen von Ausrüstung dorthin, wo kein Mensch lange überleben kann. Mit grimmiger Entschlossenheit und einem Masochismus, der als „männlicher Sportsgeist“ verklärt wird, kämpfen sich die Männer nach oben.

Einen Sinn gibt es nicht; sie streiten ihn sogar ab. „Weil er da ist“, soll Bergsteiger Mallory geantwortet haben, als man ihn 1924 fragte, wieso er unbedingt den Mount Everest ersteigen wolle (wo man 1999 seine Leiche fand). Tatsächlich offenbaren sich die üblichen Motive: Ruhmsucht, Weltflucht, imperialistische Arroganz. Vor allem „Kits“ Purcell ist ein Gefangener eines Egoismus‘, der nicht einmal vor dem Bruder haltmacht, den er keineswegs neben sich auf dem Gipfel dulden will. Major Cotterell flüchtet vor einem Kriegstrauma, McLellan vor seiner Unterschichtherkunft, und Garrard ist womöglich in „Kits“ verliebt.

Selbstbetrug als Anker

Wie sollen diese Männer in eine weltraumnahe, Leben und Verstand bedrohende Umgebung vorstoßen? Schon lange bevor sie ‚ihren‘ Berg erreichen, brechen Konflikte aus, die sich als nie unterbrochene Kettenreaktion aufschaukeln. Paver schürt eine daraus resultierende Spannung, die auch ohne Spuk plausibel den Druck beschreibt, unter dem die isolierte Gruppe leidet.

Zum Alltag gehört ein ganz und gar nicht ‚heldengemäßer‘ Rassismus, der jedoch dem Zeitgeist entspricht. Ausgiebig hat Paver - übrigens auch vor Ort im Himalaja - für ihren Roman recherchiert. Historische Berichte weisen einen unschönen Hang auf, die faktisch unverzichtbaren Träger und Sherpas als „Hilfskräfte“ zu instrumentalisieren und ihre Rolle im Rahmen der Gipfelattacken unter den Teppich zu kehren. Auch am Kangchenjunga trennt man ganz selbstverständlich „Sahibs“ und „Kulis“.

Die Schattenseite dieser Ambivalenz, die vor der eigenen Gruppe nicht haltmacht - McLellan gilt nicht als „Gentleman“ -, beschwört Paver als Spuk herauf. 1906 hat sich im Rahmen einer früheren Expedition am Kangchenjunga etwas ereignet, das sorgfältig vertuscht wurde, weil sich die damaligen Teilnehmer eben nicht als „britische Helden“ erwiesen haben. Nicht die Scham über ihr Verhalten legte sich wie ein Schatten über das sorgfältig für die Nachwelt als mutiges Scheitern inszenierte Unternehmen, sondern die Erkenntnis, dass sich ihr Tun (oder besser Lassen) nicht wie begraben lässt.

Die Wut der Erkenntnis

Es dauert, bis Paver sich entscheidet, ob es am Kangchenjunga tatsächlich umgeht. Den strengen Genrefan mag dies stören, obwohl „Schneegrab“ - übrigens viel besser als Dan Simmons Brachial-Everest-Opus „Der Berg“ von 2013 - auch als klar geschriebene, abschweifungsfrei auf den roten Faden konzentrierte Abenteuergeschichte funktioniert. In diesem Rahmen bereitet die Autorin den unheimlichen Höhepunkt sorgfältig vor. Schon früh versetzt sie die Schilderung mit Hinweisen auf eine verhängnisvolle Hintergrundgeschichte. Je näher die Gruppe dem Kangchenjunga kommt, desto stärker mehren sich Ereignisse, die sich rational nicht mehr (weg-) erklären lassen.

Es gibt wie gesagt einen Höhepunkt, der an Dramatik nicht zu wünschen übrig lässt, ohne dabei das Grauen allzu deutlich zu offenbaren. Wer (bzw. was) wieso sein Unwesen treibt, muss sich der an Körper und Geist gezeichnete Purcell nachträglich zusammenreimen. Zu spät erkennt er das ‚Wesen‘, die blanke Wut eines Geistes, der erst im Tod erkannt hat, wie unrecht man ihm zu Lebzeiten getan hat. Deshalb gibt es hier keine Erlösung und kein Verzeihen: Wer sich dem Kangchenjunga nähert, wird sich mit dem 1906 geweckten Schrecken auseinandersetzen müssen.

Fazit:

Wunderbar auf den Punkt gebrachte Mischung aus Abenteuer- und Gruselgeschichte, die glaubhaft im ‚menschlichen Faktor‘ der Protagonisten wurzelt und langsam, aber unaufhaltsam auf einen konsequenten Höhepunkt zusteuert: Spannung ohne Gewäsch dank einer spursicheren Erzählökonomie.

Schneegrab

, Piper

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