Wonderland - Ein Albtraum

  • Festa
  • Erschienen: Dezember 2023
  • 1
Wonderland - Ein Albtraum
Wonderland - Ein Albtraum
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Michael Drewniok
70°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2024

Im Bann des großen, bösen, einsamen Baums

Shaw Bennett ist aufgeregt: Gattin Orla musste altersbedingt ihre Ballettschuhe an den Nagel hängen. Jetzt ist endlich er, der bisher als Hausmann und Kindshüter klaglos seinen Dienst tat, mit einer (späten) Karriere an der Reihe! Maler will Shaw werden, und die notwendige Inspiration glaubt er nur direkt am Busen der Natur zu finden.

Orla ist wenig begeistert. Sie mag New York City eigentlich nicht verlassen, möchte aber Shaw seine Chance zugestehen. Man erwirbt ein kleines Haus im äußersten Norden des Staates New York. Schon bei gutem Wetter dauert die Fahrt ins nächste Dorf eine halbe Stunde, doch der Winter naht, und er wird meterhohen Schnee, Sturm und Eiseskälte bringen.

Schon die Ankunft im neuen ‚Heim‘ sorgt für Probleme. Tochter Eleanor Queen (9 Jahre) ist hypersensibel und nervös. Sie glaubt ‚etwas‘ auf dem Grundstück zu ‚sehen‘. Bruder Tycho (4 Jahre) ist weniger besorgt, stimmt aber seiner Schwester zu: ‚Jemand‘ spricht zu ihnen, verlangt etwas von ihnen.

Bis Orla und Shaw merken, dass es um ihr Haus nicht geheuer zugeht, müssen sie diverse Saulus-Paulus-Erlebnisse hinter sich bringen. Das Wetter spielt verrückt, bizarre Kreaturen kriechen durch den Schnee, die Landschaft verändert sich, wenn man sich in den plötzlich endlosen Umgebungswald wagt. Nichts will sich fassen lassen, obwohl die historische Überlieferung einige Andeutungen enthält. Zunehmend verzweifelt versuchen Orla und Shaw zu begreifen, wer was von ihnen fordert. Vom Verständnis hängt viel ab - sicherlich das Leben der Kinder ...

Naturnähe mit Konsequenzen

Erst einmal gibt’s eine Lektion in Sachen Blendwerbung per Cover: „Eine Spukhausgeschichte - aber es ist nicht das Haus, in dem es spukt“. Das trifft weder zu, denn es geht dort mehrfach durchaus um, noch ist es relevant für das Geschehen und vor allem als Aussage sinnlos. Der Spuk, der unserer Familie in den Nacken sitzt, mag nicht in dem leichtfertig erworbenen Haus am Ende der Welt wurzeln, doch er lässt sich regelmäßig an dessen Türschwellen blicken, jagt unsere Familienmitglieder ins Innere und munkelt dann (mehr oder weniger) unsichtbar vor den Fenstern herum, während man drinnen wie einst die drei kleinen Schweinchen hofft, dass der große, böse Wolf nicht die dünnen Wände aus altersschwachem Holz umbläst.

Freilich rumort hier nichts, das wir nicht aus anderen Gruselgeschichten kennen. Allzu ‚lebendige‘ Natur stellt seit jeher eine zuverlässige Quelle des Schreckens dar. Einst an den unmittelbaren Kontakt zu den Kräften von Mutter Erde, des Jenseits’ oder der Hölle gewöhnt, hat der ‚zivilisierte‘ Mensch diese Nähe verloren. Die Natur hat ferner ihre Schattenseiten. Diese Finsternis konnte sich in einigen Winkeln der modernen Welt halten. Kommt es zum Kontakt, rühren sich im Menschenhirn aufgrund von Untätigkeit ‚abgeschaltete‘, aber noch vorhandene Instinkte.

Kinder sind unvoreingenommen und noch ‚unverdorben‘, weshalb sie umgehend wissen und akzeptieren, dass jemand hinter her ist, während die ratlosen Eltern sich an ‚wissenschaftlichen‘ Theorien abarbeiten - und uns Leser fürchterlich mit ihrer grenzenlosen Begriffsstutzigkeit langweilen, da Autorin Zoje Stage von Anfang an keinen Zweifel daran lässt, dass hier Übernatürliches geschieht. An der Spitze der grimmen Gestalten steht zudem eine 50 Meter hohe Geister-Fichte, der subtiles Erschrecken wohl schon aus diesem Grund unmöglich ist.

Im Netz der eigenen Probleme

Die naturmystische Phantastik ist ein schwieriges Sujet, das sich unter der Verfasserfeder windet und dazu neigt, ins Esoterische abzugleiten. Äonen alte Entitäten verkörpern elementare Erdkräfte. Sie tanzen im Wald, lassen die Winde flüstern und das Wasser glucksen, fahren in Bäume oder Tiere und symbolisieren insgesamt eine Macht, die sich vor allem realitätsfrustrierte Natur- und Klimaschützer gern als Gäas mobile Eingreiftruppe vorstellen.

Diese Kräfte agieren jenseits irdisch-menschlicher Bedürfnisse. Sie ruhen in sich selbst, sind weder „gut“ noch „böse“. Orla & Co. haben sie als Stadtmenschen keine „Antennen“ für die Sphärenklänge von drüben. Tatsächlich hätte das Schicksal keine untauglicheren Kandidaten ins Reich der Geisterfichte verschlagen können. Der Spuk muss von Anfang an mächtig aufdrehen, um diese Familie von ihren eigenen Sorgen abzulenken. Zoje Stage löst nie das Dilemma eines Dramas, das sehr gut ohne Geistertreiben auskäme.

Schon bevor sie New York City verlassen, steckt der Wurm tief im Familienstammbaum. Orla und Shaw machen sich mit ihrer ‚Lebensplanung‘ gegenseitig etwas vor. Sie gibt nur widerwillig ihre Tätigkeit als Tänzerin auf, er hat genug vom Dasein als Hausmann. Der Umzug ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt, denn die Bennetts nehmen ihre Sorgen mit in die Isolation einer Wildnis, die solche Fehler nicht vergibt. Dass Shaw als Kind hier aufgewachsen ist und auf entsprechendes Wissen aufbauen kann, entpuppt sich als Illusion: Er hat einst überhaupt nichts gelernt oder behalten und scheitert als ‚Pionier‘ ebenso kläglich wie Orla.

Die ‚Kraft‘ des kindlichen Geistes

Vorgeschädigt ist vor der Ankunft im neuen Heim die ohnehin psychisch instabile (bzw. „hellsichtige“) Eleanor Queen, deren Ängste und Sorgen sich deshalb prächtig entwickeln. Bruder Tycho ist ein weitgehend intellektbefreiter Lachwurzen und aufgrund seiner völligen (bzw. völlig übertriebenen) Arglosigkeit permanent gefährdet; er ersetzt in dieser Geschichte den sonst üblichen treuherzigen Familienhund mit Schlappohren. Orla mutiert vom geisterfremdelnden Opfer zum rasenden Muttertier, das schließlich direkt mit der lange geleugneten Macht verhandelt, die sie und die Kinder nicht gehen lassen will.

Unverändert bleibt dabei ihr Hang, nicht nur jede Tat, sondern auch jede Erinnerung unendlich durch ihr geplagtes Hirn echoen zu lassen. Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden anschließend noch einmal reflektiert = bis zur Fadenscheinigkeit ausgewalzt. Hinzu kommen ausführliche Rückblenden in die persönliche und familiäre Vergangenheit. „Wonderland“ soll offensichtlich ‚mehr‘ sein als eine ‚normale‘ Gruselgeschichte und sich mit jenen Kräften, Trieben und Wünschen beschäftigen, die vorgeblich auch literarischen Figuren Seelentiefe verleihen. (Dies mag der Grund dafür sein, dass „Wonderland“ nicht als ‚reiner‘ Horrorroman, sondern in der Reihe „Festa Must Read erscheint).

Dazu passt eine Entität, die sich mit erstaunlich ähnlichen Problemen herumschlägt. „Wonderland“ soll auch die tragische Geschichte eines Missverständnisses erzählen. Die Krise der Familie Bennett resultiert nicht aus der Hinterlist eines boshaften Feindes. Solche Ambivalenz kann (nicht nur) eine (Horror-) Story in der Tat aufwerten, doch Übertreibung und Geschwätzigkeit - um die beiden Kardinalfehler dieses Romans deutlich beim Wort zu nennen - lassen entsprechende Intentionen leicht ins Gegenteil umschlagen. So sorgen die Kommunikationsprobleme zwischen Dies- und Jenseits in erster Linie für Handlungsleerlauf. Die Figuren laden nicht zur Identifikation ein, ihre Schicksale lassen kalt. Die simple und solide, aber wie so oft nicht originelle Auflösung straft die umständliche Vorgeschichte quasi Lügen. 500 Buchseiten dehnen sich über weite Passagen wie die Winterwelt im Umfeld der magischen Fichte ins Unendliche.

Fazit:

Solide geplottete und intensiv geschriebene, aber auch überfrachtete, durch Wiederholungen und Stillstand arg in die Länge gezogene Mischung aus Horror und Psychothriller. Die Intention wird deutlich, die Umsetzung leidet unter einem wahren Trommelfeuer stets ‚elementarer‘ Gefühle, was die Leser irgendwann erschöpft zurücklässt.

Wonderland - Ein Albtraum

Zoje Stage, Festa

Wonderland - Ein Albtraum

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