Geister der Vergangenheit

  • Pabel
  • Erschienen: August 1954
  • 0
Geister der Vergangenheit
Geister der Vergangenheit
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
60°1001

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2023

Raumentführt ins Friedhof-Paradies

In einer zeitlich nicht definierten Zukunft hat sich die Menschheit im heimischen Sonnensystem ausgebreitet. Die bemannte Weltraumfahrt ist weiterhin gefährlich, doch es existiert ein Kommunikationsnetz, das den Kontakt zwischen den Planeten und den Raumschiffen ermöglicht. So schwebt zwischen Erde und Mars N.A.S.4. Auf der kleinen Kommunikations- und Notfallstation leisten Jim Donnelly und seine Kameraden Peter Barret und Ivor Senor ihre sechswöchige Schicht ab. Die öde Routine wird unterbrochen, als sich das Frachtraumschiff „Hermes“ meldet: Ein Meteorit sei eingeschlagen und Hilfe dringend erforderlich!

Als die „Hermes“ die Station erreicht, erweist sie sich als Piratenschiff. Die vier Lumpen-Brüder Rogerson haben es auf der Venus gekapert und wollen sich auf N.A.S.4 vor neuen Schurkentaten ausruhen. Mit an Bord ist die blinde Passagierin Marcia Stacey, die sich auf den Mars schleichen wollte, um dort auf den Spuren der ausgestorbenen Urbevölkerung zu forschen.

Die drei Männer können die Brüder ausschalten. Im Raumschiff „Pegasus“ sollen sie ins Gefängnis gebracht werden, aber die Situation gerät außer Kontrolle, als ein außerirdisches Raumschiff die Station ansteuert, die beiden Raumschiffe an sich kettet und eine Irrfahrt in einen unbekannten Bereich des Weltraums beginnt.

Fern der Erde strandet man auf dem Planeten Clovis, der sich als Kolonie der auch hier längst ausgestorbenen Marsianer entpuppt. Deren automatischen Überwachungs- und Kriegsschiffe sind allerdings weiterhin einsatzbereit. Sie verhindern den Fluchtstart zur Erde. Weitab jeder Rettung sitzt man fest und muss sich mit den mechanischen Geistern der Vergangenheit auseinandersetzen. Wie kann man sie überlisten und ausschalten, um Clovis verlassen zu können ... ?

Das Haus des billigen Schreckens

Curtis Warren! Wer ein wenig tiefer in die Geschichte der gedruckten Phantastik einsteigt und sich dorthin traut, wo der ernsthafte Kritiker nur Schund und Schwachsinn wittert, wird sicherlich auf dieses windige ‚Verlagshaus‘ stoßen, das zwischen 1948 und 1954 Englands Leser von London aus mit jenem Stoff versorgte, aus dem die ganz trivialen Träume sind.

Vor allem kostengünstig wurde weniger verlegt als produziert. Curtis Warren stieß unzählige Titel aus, die sämtlich einte, was erwähnte Kritiker monierten. Die SF des Hauses bot eine wüste Mischung aus halb- und missverstandener (oder gänzlich ignorierter) „Science“ und raubauziger Action-„Fiction“. Geradlinig bzw. eindimensional schritt die typische Handlung voran. Für Anspruch und Reflexion (oder eine Überarbeitung des Manuskripts) blieb keine Zeit. Curtis Warren nahm zwar alles, zahlte aber miserabel. Wer sich hier als Autor verdingte, musste seine Schreibmaschine glühen lassen, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

Um sich seiner unter dieser Prämisse zusammengeschluderter ‚Werke‘ nicht schämen zu müssen, konnte man sich hinter einem der im Verlag kursierenden Pseudonyme verbergen. „Berl Cameron“ hatte viele Gesichter, von denen viele bis heute anonym blieben. Der hier vorgestellte Roman ist eine Ausnahme: ‚dieser‘ Berl Cameron war Denis Talbot Hughes (1917-2008), der zwischen 1949 und 1955 fünfzig (!) SF-Garne zu Papier brachte. (Damit war er längst nicht ausgelastet, schrieb auch Western und später Comic-Storys.)

Rätsel heißt hier: Wir haben keine Ahnung!

Für Curtis Warren zu arbeiten bedeutete, auch einer kümmerlichen Idee unbedingt zu folgen und irgendwie zu einem Ende zu bringen. Plausibilität war nur eine theoretische Vorgabe, weshalb sich auch die „Geister der Vergangenheit“ entlang einer Storyline ranken, die einer zum Teil eingestürzten Wendeltreppe gleicht.

Bis besagte Geister auf der Bildfläche erscheinen, stellt unsere Geschichte ein krudes Geplänkel zwischen drei Funk-Knechten dar, die in dieser ‚Hightech‘-Zukunft ein simples Weltraum-Funkgerät vor Ort bedienen müssen, und einer bizarren und buchstäblichen Piraten-Bruderschaft. Um für ein wenig ‚Erotik‘ zu sorgen, haben die Schufte ein junges, natürlich schönes „Mädchen“ gekidnappt, das nun trashtypisch missbraucht wird, d. h. für die Jungs kochen (aber nicht putzen: Piraten sind Schweine!) muss.

Wie es die Rogersons schaffen konnten, sich ein Raumschiff unter die Nägel zu reißen, bleibt unklar, denn faktisch tappen sie in jede Falle, die ihnen unsere Helden stellen; dies sogar mehrfach, weil sich auf diese Weise Druckseiten schinden lassen. Irgendwann wechselt der Schauplatz. Was auf dem Planeten Clovis einst geschah, wird kaum thematisiert. Die Abwesenheit denkfähiger Gegner erleichtert dem Verfasser die Arbeit; ausschalten müssen unsere Schiffbrüchigen sinnlos agierende Roboter, was ihren begrenzten Gesamt-Intellekt endlich einmal nicht übersteigt.

Nicht denken, nur handeln

Damit sind die Protagonisten auf der Seite des Autors: ‚Denken‘ und Handeln geschehen zeitgleich, wobei erstere Tätigkeit unbedingt in ‚Als-ob‘-Gedankenstriche zu setzen ist, da in der Regel eine Aktion vom Zaun gebrochen wird, die primär spektakuläre und dramatisch fehlschlagende Folgen zeitigt. Vor allem die Brüder Rogerson geben sich Mühe, sämtliche Klischees brutaler, aber dämlicher Unholde zu erfüllen. Wie schon angedeutet bauen sie nur Mist und krönen dies auf Clovis mit einem umgehend umgesetzten ‚Plan‘, der sie explosiv aus dem Geschehen befördert.

Gut, dass die Besatzung der „Hermes“ ansonsten aus wackeren, d. h. schmalspurhirnigen, aber mutigen Kerlen besteht! Sie haben zuvor offenbar an Bord englischer Handelsschiffe gedient, hocken klaglos in der engen, garantiert luxusfreien Raumschiffröhre, deren Instrumente (sowie die Kommandostruktur) aus dem Zweiten Weltkrieg zu stammen scheinen. ‚Hightech‘ ist hier ausschließlich analog und funktioniert mit Radar, großen Hebeln und Rückstoßgetöse. Das Wort „Fernsteuerung“ ist offensichtlich unbekannt, alles muss per Manpower bedient werden. Marcias größte Sorge gilt weiblich der Frage, wie sie sich mit Jim als Adam auf Clovis etablieren (und den Planeten mit inzüchtigen Enkeln bevölkern) kann, obwohl noch ein Dutzend weiterer Adams nach ihr gieren.

Freilich ist es diese unbekümmerte, von jeglicher politischen Korrektheit freie Fabulierlust, die trotz oder sogar wegen solcher schrägen Einfälle für ein Lektüre-Vergnügen sorgen, das dort gedeiht, wo der kindlich-naive Spaß an einer einfach nur rasanten Geschichte entsteht. Trash ist keineswegs ein Merkmal der Vergangenheit, Murks wird heutzutage oft nur besser gebunden. Rumpel-SF wie „Geister der Vergangenheit“ ist ehrlich: produziert für den raschen Verbrauch, unter Nutzung unterhaltsamer Klischees über die Runden gebracht und danach entsorgt.

Fazit:

Trashiges SF-Abenteuer, das durch Rasanz und Action wettmachen will, das Inhalt und Form nicht die Zukunft ankündigen, sondern eher an die Steinzeit erinnern; als repräsentatives Beispiel für am Fließband fabrizierte Phantastik der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gerade aufgrund seiner schaurig-schönen Anachronismen reizvoll.

Geister der Vergangenheit

Berl Cameron, Pabel

Geister der Vergangenheit

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Geister der Vergangenheit«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery