Die Macht des Rings

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2006
Die Macht des Rings
Die Macht des Rings
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Frank A. Dudley
90°

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2006

Ein unbequemer Held

Warum soll man 2006 ein Buch vorstellen, dass vor fast 30 Jahren erschienen ist? Nicht nur, weil der Heyne Verlag dieser Tage eine überarbeitete Neuausgabe veröffentlicht hat. Sondern weil Stephen R. Donaldson mit seinen Chroniken von Thomas Covenant das Tolkien'sche Gut versus Böse-Schema seinerzeit auf eine komplexere Ebene gehoben und damit die Fantasy-Literatur nachhaltig beeinflusst hat. So eindeutig, wie Tolkien in seinem Opus Magnum die voranschreitende Industrialisierung kritisiert hat, so tief taucht Donaldson in seinem Epos in die dunkleren Gefilde der menschlichen Seele.

Thomas Covenant blickt zu Beginn der Geschichte auf eine erfolgreiche Schriftstellerkarriere und ein glückliches Privatleben zurück. Jetzt leidet er an Lepra, hat bereits zwei Finger einer Hand an die Krankheit verloren und ist von der Gesellschaft ausgestoßen: Frau und Sohn scheuen den Umgang mit ihm, die übrigen Bewohner des Ortes meiden ihn. So lebt er einsam und verbittert auf einer abgelegenen Farm, während sein Körper langsam, aber sicher den degenerativen Prozessen der Lepra nachgibt. Selten nur macht er sich auf den Weg in die Stadt, und während einem dieser Ausflüge wird er von einem Auto erfasst. Covenant erwacht in einer fremden, aber wunderschönen Welt, die schlicht ";das Land"; heißt.

Nachdem ihn eine hilfsbereite Bewohnerin, das Mädchen Lena, mit magischen Mitteln von seiner Erkrankung heilt, glauben die anderen Dorfbewohnern in Covenant den prophezeiten Helden Berek Halbhand, den Träger des weißen Goldes, zu erkennen. Nicht nur Covenants fehlende Finger sind den Menschen ein Beweis dafür, sondern auch sein Ehering aus Weißgold, einem Metall, dass es im Land nicht gibt. Doch auch wilde magische Kräfte sollen dem Ring innewohnen, deren Freisetzung dem ernannten Helden allerdings nicht gelingt. Covenant ist von der gesamten Situation überfordert: Seine von der Lepra abgetöteten Sinneseindrücke kehren zurück, er glaubt, sich in einem irren Traum zu befinden und ist plötzlich ein Weltenretter, wo er vorher ein Paria gewesen ist. Seine Sicherungen brennen durch und er vergeht sich an Lena.

Teil 1: Der Fluch des Verächters

Aus der Krise, die diese Vergewaltigung auslöst, zieht die Geschichte des ersten Teils viel ihrer Dynamik. Obwohl die Dorfbewohner die Gewalttat verabscheuen, ordnen sie ihre Ablehnung Covenants der großen Sache unter. Sie vergeben ihm und entscheiden sich, ihm zu helfen. Lenas Mutter Atrian führt ihn zum Großrat der Lords, wo er berichtet, dass er in einer Vision sah, wie Seibrich Felswürm, eine Golem-artige Höhlenkreatur, den Stab des Gesetzes in seine Gewalt gebracht hat und sich sowie die für das Land überlebenswichtigen Erdkräfte des Stab des Gesetzes in die Dienste des Verächters gestellt. Dieses zerstörerische Wesen aus der Unterwelt will nichts weniger als das Land verschlingen. Covenant, der Rat der Lords und ein Riese namens Salzherz Schaumfolger machen sich auf, den Stab des Gesetzes wieder zu beschaffen und Covenant einen Weg zurück in seine Welt zu finden.

Teil 2: Der siebte Kreis des Wissens

Im zweiten Teil der Chroniken kehrt Covenant eine Generation später in das Land zurück. Der Verächter bedroht das Land jetzt mit einer gigantischen Armee aus Riesen und anderen Monstern. Eine Überraschung für Covenant hält der Rat der Lords bereit: Elena, seine Tochter aus der unseligen Verbindung mit Lena, ist der neue Hochlord. Auch ist Covenant dieses Mal nicht der einzige Weltenwanderer im Land. Hile Troy, der in der Echt-Welt blind ist, wurde im Land mit derselben Erdkraft wie Covenant von seinem Gebrechen befreit. Während Troy sich aufmacht, den Verächter zu stoppen, begeben sich Covenant und Elena auf die Suche nach dem siebten Kreis des Wissens, einer Stätte uralter Magie. In einem verhängnisvollen Kampf mit dem Geist eines anderen Hochlords kommt Elena ums Leben und der Stab des Gesetzes geht verloren. Zwar besiegt Troy die Truppen des Verächters, aber der Krieg endet mit einem Patt.

Teil 3: Die letzte Walstatt

Etliche Jahre später ist Elenas Geist vom Verächter versklavt worden und setzt die Kraft des Stabs des Gesetzes gegen ihr eigenes Volk ein. Über dem Land liegt ein ewiger Winter, als Thomas Covenant und sein Freund, der Riese Salzherz Schaumfolger, sich in das Reich des Verächters aufmachen, um ihn zu vernichten, Elenas Geist zu befreien und wieder Frieden im Land herzustellen.

Die Kaputten und die Bösen

Die Chroniken des Thomas Covenant sind nichts für Leser, die auf eindeutige Schwarz-Weiß-Färbung der Charaktere aus sind. Donaldsons Werk ist zwar eindeutig von ";Der Herr der Ringe"; beeinflusst (ein mächtiger Ring, ein teuflischer Erzrivale), doch anders als Tolkiens Ringträger Frodo hat Thomas Covenant mit seiner Lepra-Erkrankung bereits von Anfang an ein Päckchen zu tragen, dass schwer an seiner Psyche nagt. Covenant ist ein Antiheld, er ist zynisch, selbstsüchtig und unbeherrscht, er wirkt abstoßend und erbärmlich in seinem Selbstmitleid und seiner steten Verleugnung des Landes. Doch Donaldson schickt seinen gebrochenen Hauptdarsteller durch die Hölle der Selbsterkenntnis und Covenant versucht, die offene Wunde seiner Psyche zu reinigen. Es fällt schwer, die Handlungen dieses Ringträgers zu entschuldigen oder ihn gar zu mögen, aber seine Motivation ist plausibel.

Donaldson wurde verschiedentlich eine ähnliche Vorliebe für dramatische Themen wie Furcht und Verzweiflung nachgesagt wie dem Opern-und Mythenschöpfer Richard Wagner. Kampf, Opfer und Blut kommen ebenfalls nicht zu kurz. Und in der Tat versteigt sich Donaldson gelegentlich zu einer arg geschwollenen Ausdrucksweise. Seine Beschreibungen sind oft überschwänglich, ein wenig Reduktion hier und da würde die Handlung konsequenter vorantreiben. Dennoch: Die Spannung geht nicht verloren und inmitten dieser üppigen Prosa gibt es mehr als reichlich sprachliche Originalität, tiefgehende charakterliche Einsicht sowie kristallklaren Glanz im Ausdruck.

Zu Zeiten der Erstveröffentlichung war Donaldsons Werk mit seinem Antihelden und dessen Zynismus ein Durchbruch für das Genre. Mittlerweile sind die Leser abgehärteter, doch die Chroniken des Thomas Covenant gehören immer noch zu den einzigartigen Werken der Fantasy. Glaubt man der Hollywood-Gerüchteküche, steht die Verfilmung des ersten Teils kurz bevor.

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