Das Buch der tausend Türen

  • Heyne
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 1
Das Buch der tausend Türen
Das Buch der tausend Türen
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2026

Papier kann tödlich scharf sein

Cassandra „Cassie“ Andrews führt ein zurückgezogenes Leben in New York City, wo sie für wenig Geld, aber zufrieden in einer Buchhandlung arbeitet. Ein alter Mann und Dauerkunde wird ihr Freund; als er stirbt, hinterlässt er Cassie ein ganz besonderes Buch: Seine Seiten sind handgeschrieben - und man kann es nutzen, um jeden beliebigen Ort auf dieser Erde zu erreichen!

Begeistert ‚bereist‘ Cassie per Magie die Welt, obwohl die eingeweihte Freundin und Mitbewohnerin Isabella „Izzie“ Cattaneo warnt: Das Schicksal ist nie freigiebig mit Wundern, für die in der Regel irgendwann ein hoher Preis entrichtet werden muss.

Damit liegt sie völlig richtig, was Drummond Fox bald bestätigen wird: Er ist ein „Bibliothekar“, der nicht nur Cassies „Buch der tausend Türen“, sondern viele weitere dieser mysteriösen Werke kennt, die nicht alle nur Faszination verbreiten; Titel wie „Buch der Schatten“ oder „Buch der Schmerzen“ machen es deutlich. Zudem gibt es Menschen, die besessen diesen Büchern nachjagen. Am schlimmsten treibt es „die Frau“, eine Psychopathin, die vor keiner Untat zurückschreckt, um sämtliche Bücher an sich zu bringen. Nun nimmt sie auch Cassie und Izzie ins Visier und hetzt sie nicht nur weltweit: Mit dem „Buch der tausend Türen“ kann man auch durch die Zeit reisen ...

Jedes Buch ist eine Reise

Ein Buch ist ein Fenster, durch das sich ein Blick auf jede vorstellbare Welt und ihre Bewohner werfen lässt. Diese Vorstellung ist alt; sie drängt sich jedem Leser förmlich auf. Außerdem kann sie folgerichtig in dem Wunsch gipfeln, selbst dorthin zu reisen, wo sich ereignet, an dem man gern teilnehmen möchte. Eher pessimistisch gestimmte Buchfreunde sind dagegen misstrauisch: Was, wenn es auf der ‚anderen Seite“ unfreundlich, gefährlich oder unheimlich zugeht? Jede Medaille hat auch eine Rückseite, die erst sichtbar wird, wenn man sie umdreht. Also ist es möglich, dass eine lockende Buchwelt sich als Falle entpuppt, wenn man dort eingetroffen ist.

Diese positiven wie negativen Aspekte geben den Plot vor. „Das Buch der tausend Türen“ ist ein Beispiel für „Urban Fantasy“ des 21. Jahrhunderts, folgt aber gleichzeitig den Spuren zahlloser Autoren, die abenteuerlustige Wagehälse (oder Pechvögel)  ‚durch‘ ein Buch dorthin führen, wo Wunder und Schrecken die schnöde Alltagswelt jenseits der üblichen, naturwissenschaftlich definierten Beschränkungen ‚ergänzen‘.

Nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit wird zum Spielplatz der Protagonisten dieses Romans, mit dem der englische Autor Gareth Brown 2024 erfolgreich debütierte. Er bleibt den skizzierten Plotmustern treu, versucht nicht, dieses Rad neu zu erfinden, sondern begnügt sich mit einer handwerklich sorgfältig montierten Variante, was völlig in Ordnung geht, wenn diese (trotz heftigen Klischeebefalls) so unterhaltsam gelingt wie hier.

Zeit und Raum als Spiel- und Kriegsschauplatz

Schon die Ausgangssituation ist auf ihre Weise klassisch: Brown versetzt die Hauptfigur stellvertretend für seine Leser zunächst in eine dieser frustrierenden Alltagswelten, in denen auch wir Leser schmachten müssen. Zwar darf Cassie Andrews in einem Buchladen arbeiten, der noch nicht zu einer der zeittypischen Abverkaufsstationen degeneriert (und schon deshalb ein Produkt der Fantasie) ist, doch glücklich ist sie trotzdem nicht, weil gefangen in ihrer kleinen, durch böse Erinnerungen an belastende Erlebnisse geprägten Welt.

Cassie ist dennoch freundlich, natürlich hübsch und erfüllt damit sämtliche Voraussetzungen eines modernen Aschenputtels, das auf Rettung aus seiner Not wartet. Hoch anzurechnen ist es Brown, dass er es mit der Märchen-Allegorie an diesem Punkt gut sein lässt: Cassie wünscht und benötigt keinen Prinzen. Tatsächlich vermeidet Brown auf jegliche Love-Story, ohne deshalb auf Emotionen zu verzichten. Das Schmalz, mit dem er das Geschehen schmiert, stammt aus einem anderen Topf, weshalb das lesende Publikum nicht mit Peinlich-Kitsch aus der „(Spicy) Romantasy“-Schreckenskammer erstickt wird. Gefühle ergänzen die Handlung, statt sie zu bestimmen.

Gebarmt und geweint wird trotzdem tüchtig, aber dem steht eine Story gegenüber, die solide konstruiert ist und einen roten Faden zwar komplizierte Bögen schlagen, sich aber nicht verheddern lässt. Das ist schwieriger als es scheint, denn Brown verschafft dem Geschehen mehr als die üblichen Dimensionen. Dies sorgt für eine Vielzahl zunächst loser Enden, weil sich Ereignisse buchstäblich in anderen Räumen und Zeiten fortsetzen, aber auch ‚zurücklaufen‘ und sich miteinander verknoten können: Das Konzept ermöglicht und fordert es heraus.

Tausend Türen = tausend mögliche Tode

Obwohl der Mensch sich sehnlich wünscht, in andere Welten eintauchen zu können, scheint er nie damit zu rechnen, dass dies problemfrei gelingt. Auch in „Das Buch der tausend Türen“ stehen umgehend Spielverderber Spalier, die der glücklich über die Erde springenden Cassie nachstellen. Ohne Konflikte und die daraus resultierenden Gefahren ist offenbar sogar die Fantasy zu entrückt und unvorstellbar. Das Paradies gibt es in mystischen Zwischenwelten nicht, da menschliche Gier und Bosheit auch dort prächtig gedeihen.

So wird aus dem Spiel rasch Ernst und dann eine Hatz auf Leben und Tod. Erwartungsgemäß übt das „Buch der tausend Türen“ auf entsprechend gepolte Gestalten eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Immer hektischer wird das Geschehen, was Brown spannend umzusetzen weiß. Türen zu anderen Orten und in vergangene Zeiten - die Zukunft bleibt verschlossen - werden irgendwann nur noch geöffnet, um heimtückischen Attacken zu entgehen. Der Tenor verändert sich; zur Faszination des Unbekannten kommen einschlägige Horrorszenarien, wenn Psychopathen ihren akribisch beschriebenen Leidenschaften folgen oder Auseinandersetzungen nicht nur magisch, sondern unter Einsatz außerordentlich gewalttätiger und blutiger Splattereffekte ausgetragen werden.

Immerhin gönnt Autor Brown seinen Helden und hier vor allem Cassie einen gewissen Reifeprozess. Aus dem rat- und hilflosen ‚Mädchen‘ wird nach und nach eine nie zur rächenden Hau-drauf-Kriegerin missratende, sondern weiterhin oft überforderte, aber auch entschlossene Frau. Die Nebenfiguren sorgen nicht nur für Tragik und ‚komische‘ Zwischenfälle, sondern verkörpern echte, d. h. handlungsrelevante Rollen. Hinzu kommt ein ungewöhnliches Konzept der Zeitreise: Veränderungen in der Vergangenheit stellen Gegenwart und Zukunft nicht auf den Kopf, was dem Verfasser mehr Freiraum für intertemporale Verwicklungen lässt.

Anmerkung: Die Neuauflage dieses Romans stellt eine angenehme Überraschung dar: Statt des heutzutage üblichen, künstlich aufgeblähten, teuren Paperbacks hält man ein echtes Taschenbuch in den Händen!

Fazit:

Wider Erwarten keine seifige „Romantasy“, sondern spannende, oft sogar blutige „Urban Fantasy“, die ungeachtet bewährter, aber nicht überbeanspruchter Stereotypen über die gesamte Distanz unterhält (sowie mehr als ein Hintertürchen für eine Fortsetzung öffnet).

Das Buch der tausend Türen

Gareth Brown, Heyne

Das Buch der tausend Türen

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