Erstarrt in der Zeit

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1975
  • 0
Erstarrt in der Zeit
Erstarrt in der Zeit
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Michael Drewniok
55°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2024

Am sonderbarsten Ort des Universums

Aloysius Buchanan hütet ein Geheimnis, als er, ein ausgebildeter und für diesen Posten eigentlich überqualifizierte Pilot, sich für den Dienst auf einer Raumstation bewirbt. Diese soll die gefürchtete Jansky-Singularität umkreisen - eine Anomalie im Universum, in deren ‚Kern‘ die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Raum und Zeit lösen sich buchstäblich in Nichts auf, was vielen Raumschiffen zum Verhängnis wurde, die der Singularität zu nahekamen.

Buchanan weiß nur zu gut Bescheid, denn er ist der einzige Überlebende des Raumschiffs „Altair Star“, das mit sämtlichen Besatzungsmitgliedern und Passagieren von der Anomalie verschlungen wurde; sie erscheinen Buchanan im Traum. Die Jansky- Raumstation gibt ihm die Möglichkeit, zum Ort der Tragödie zurückzukehren. Buchanan will feststellen, ob womöglich zutrifft, was einige Wissenschaftler für möglich halten: Demnach sind die von der Singularität ‚verschluckten‘ Raumschiffe im Augenblick ihres Untergangs in Raum und Zeit erstarrt.

Für den neuen Job hat Buchanan Beinahe-Gattin Elizabeth Deffant quasi vor dem Altar verlassen. Voller Wut besteigt diese das erste Raumschiff, um auf ihren Heimatplaneten zurückzukehren. Die „VD 110“ fliegt im Dienst des „Vollstreckungsdienstes“ und ist beladen mit betäubten Schwerverbrechern, die auf entlegenen Randplaneten ausgesetzt werden sollen. Deffant steigt trotzdem zu; erst dann erfährt sie, dass der geniale Super-Schurke Maran an Bord gelagert wird.

Wider aller Wahrscheinlichkeit kann Maran sich befreien und die „VD 110“ übernehmen.  Um den Verfolgern zu entwischen, fliegt er die Jansky-Singularität an, wo Spürgeräte nicht funktionieren. Mit an Bord: Liz Deffant, die inzwischen Marans Geisel ist. Buchanan erfährt von der Flucht. Inzwischen hat er im Inneren der Singularität einen Blick auf die tatsächlich ‚eingefrorene‘ „Altair Star“ erhaschen können. Doppelt motiviert folgt er der „VD 110“ dorthin, wo ein fremdes, faszinierendes, unheimliches Universum die Ankömmlinge erwartet ...

Weit ausgeholt zum Griff ins Leere

Auf knapp 160 Seiten spielt sich jenes Geschehen ab, das weiter oben längst nicht in allen Details skizziert wurde. Wieder einmal will Brian Neville Ball (1932-2020) ein ganz großes Rad drehen - und wieder einmal geht ihm dabei die Puste aus. „Erstarrt in der Zeit“ hangelt sich von Drama zu Drama, ohne dabei wirklich beeindrucken zu können.

Nicht das Problem ist das Schauplatz, obwohl Ball auch hier die Worte fehlen, um ein Phänomen wie die Jansky-Singularität zu echtem ‚Leben‘ = den klassischen „sense of wonder“ zu erwecken. Er gibt sich redlich Mühe, einem ‚Ort‘ gerecht zu werden, der so galaxisfremd ist, dass er buchstäblich ein Loch in das von Naturgesetzen gestützte Raum-Zeit-Kontinuum reißt. Doch es geht nicht über die vagen Beschreibungen einer gelierenden Masse hinaus, die wuchtig umeinander kreist, gierige Schwerkraft-Tentakeln ausstreckt, dabei verschiedene Farbtöne generiert und schwer beobachtet werden kann, weil besagte Singularität die menschlichen Sinne verwirrt: Was man ‚sieht‘, muss längst nicht der x-dimensionalen Realität entsprechen.

Immerhin ist das Menschenhirn diesbezüglich empfänglicher als die Roboter, die den Menschen helfen, das Universum zu erkunden, zu besiedeln und zu verwalten. Hier öffnet Ball ein zweites Fass: Er beschreibt eine Zivilisation, die in Gefahr gerät, sich in die Abhängigkeit allgegenwärtiger Roboter zu begeben. Diese sind ‚intelligent‘ und können Gefühle entwickeln, neigen aber zu einem maschinellen Perfektionsdrang. Allmählich haben die Menschen den Robotern mehr und mehr Befugnisse übertragen. Wie sich im Krisenfall herausstellt, lassen sie inzwischen nicht mehr zu, dass der ‚fehlerhafte‘ Mensch eigene, riskante Entscheidungen trifft.

Im Malstrom der Sterne & Gefühle

Deshalb haben Roboter Buchanan ausgeschaltet, als dieser die „Altair Star“ auf unkonventionelle Weise zu retten versuchte. Aktuell sind die Roboter ebenfalls überfordert, als Guru/Genie-Bösewicht Maran sich aus seiner Kältekammer befreit und das Raumschiff „VD 110“ unter seine Kontrolle bringt. Die Weigerung der Roboter, die logikfreie Wirklichkeit der Jansky-Singularität auch nur ansatzweise zu erfassen, soll dieser Geschichte eine weitere Spannungsachse bescheren. Das Problem wird angerissen, aber im Finale eher beiläufig abgehandelt, obwohl das Thema Ball offenbar beschäftigte: Bereits im Vorjahr 1972 hatte er es in seinem Roman „Night of the Robots“ (dt. „Die Nacht der Roboter“) leicht variiert aufgegriffen.

Schon springt Ball zum nächsten Drama: Maran hat nicht nur ein Raumschiff gekapert, sondern will flüchten, um irgendwo seine frankensteinhaften Versuche fortzusetzen, den Übergang vom Tier zum Menschen zu erfassen! Das soll als Motiv genügen, obwohl es eine weitgehend inhaltsleere Hülse bleibt. Zu allem Überfluss hat Maran die frustriert auf dem Heimweg befindliche, aber weiterhin von Liebe erfüllte Buchanan-Braut an Bord und fliegt ausgerechnet/‚zufällig‘ dorthin, wo der Geliebte sie ungeachtet seiner Suche nach der „Altair Star“ nicht im Stich zu lassen gedenkt; glücklicherweise muss er für beide Aktionen in die Singularität eintauchen, wo neue Abenteuer warten.

Ball gibt sich große Mühe, Maran zu einer ebenso eindrucksvollen wie angsteinflößenden Gestalt aufzubauen. Doch der Versuch, seinem Schurken ein einschlägiges Profil zu verschaffen - Maran hat nur das Wohl der Menschheit im Sinn, die jedoch nicht begreift, dass dort, wo gehobelt wird, auch Späne = ‚modifizierte‘ Menschenhirne fallen - scheitern. Um seine Wichtigkeit zu unterstreichen, spricht Maran von sich meist in der dritten Person; überhaupt hört er sich schrecklich gern reden. Liz Deffant wundert sich selbst, dass er sie nicht wie die übrige Besatzung von „VD 110“ aus dem Weg räumt. Sex hat Maran nicht im Sinn. Er benötigt ein Publikum, dem er (stellvertretend für uns Leser) seine tragische Genialität unter die Nase/n reiben kann.

Für Zusatz-Drama ist immer Platz!

Zum Ende hin wird es schwierig, zwischen den parallel ablaufenden Verwicklungen zu differenzieren. (Richtig: Da gibt es noch den trauernden, aber mächtigen und reichen Großvater, der Buchanan den Trip in die Singularität ermöglicht, damit dieser dort nach seiner Enkelin fahndet, die - wer hätte es gedacht? - an Bord der „Altair Star“ verschollen ist.) Zudem ist es schwierig, Emotionalität dort handlungsrelevant zu halten, wo Raum und Zeit in Bocksprüngen umeinander kariolen.

Als Buchanans Füße endlich (wieder) den Boden der „Altair Star“ betreten, löst sich sein Trauma zusammen mit den in Raum und Zeit erstarrten Insassen in Nichts auf; letztere sorgen dabei wenigstens für einige Gruseleffekte. Aus dem Höhepunkt wird die pflichtschuldige Zusammenführung offener Handlungsfäden. Dieser Knoten wird recht flüchtig geschürzt, wie schon zuvor die Ereignisse trotz ihrer immer wieder beschworenen Vehemenz kaum aufregen. Es ist einfach zu viel, was geschieht, aber oberflächlich thematisiert sowie mit holzschnittstarr obsessiven Figuren besetzt wird.

Fazit:

Groß angelegtes, zwischen ‚kosmischen‘ Elementarmächten und menschlichen Gefühlsstürmen schwankendes SF-Abenteuer. Die Umsetzung ist mittelprächtig, folgt bekannten Routinen und entschwindet dem Leserhirn ebenso rasch wie ein verirrtes Raumschiff in der Jansky-Kontinuität.

Erstarrt in der Zeit

Brian N. Ball, Goldmann

Erstarrt in der Zeit

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