Der Höllengeiger

  • Edition Dornbrunnen
  • Erschienen: Juli 2024
  • 1
Der Höllengeiger
Der Höllengeiger
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMär 2025

Spuk und Mysterien überall auf der Welt

15 gruselige und phantastische Erzählungen eines deutschsprachigen Autors, der von der Geschichte ‚verschluckt‘ wurde:

- Lars Dangel: Vorwort, S. 7/8

- Garfields Erfindung (1929), S. 9-21: Ihm könnte tatsächlich die Entdeckung des Jahrhunderts gelungen sein, doch leider ist er mörderisch paranoid und auch sonst verrückt.

- Der Höllengeiger (1930), S. 22-26: Wenn „Kjuras Lied“ erklingt, manifestiert sich ein gespenstischer Musiker.

- Der Wolf Ota-O (1930), S. 27-34: Er hat sich den verhassten Schwiegersohn als Geist unterworfen, doch dieser wartete geduldig auf den Tag der Abrechnung, der nun gekommen ist.

- Das Wikingerschiff (1930), S. 35-39: Im hohen Norden wird er Zeuge eines Phänomens, das ihm den Blick in die Vergangenheit ermöglicht.

- Spuk um HL 20.130 (1930), S. 40-47: Das Nummernschild dieses Autos spiegelt nicht nur angeblich das Todesdatum des Fahrers wider.

- Tapados (1930), S. 48-62: Die Spur führt zu einem Schatzhort der Inkas - und in eine perfide Todesfalle.

- Der Schlossenrufer (1930), S. 63-72: Das Landstreicher lernt, dass Bäume intelligent sind und sogar sprechen können.

- Lijssa tho Doel (1930), S. 73-80: Ihr Bildnis ist das Werk eines vergessenen Meisters, doch ihm wohnt eine verhängnisvolle Macht inne.

- Das Ausgeh-Herz (1930), S. 81-88: Er rettet ihn vor dem Herztod, doch der Preis ist hoch und die Strafe für Ungehorsam streng.

- Treibhaus des Grauens (1930), S. 89-101: Der irre Farmer ist tief im Dschungel auf eine wahre Pestgrube gestoßen, in der sich stets hungrig grässliches Leben tummelt.

- Der Teufelsknüppel (1930), S. 102-115: Was der Förster auf dem Dachboden fand, belegt des Nachts, dass seine Vorfahrin keineswegs so fromm war, wie es überliefert wurde.

- Die Traumsendegesellschaft (1931), S. 116-132: Der einsame Auswanderer bedient sich in der Fremde einer neuen Technik, um sein Heimweh zu mildern.

- Billy wird auf Eignung geprüft (1932), S. 133-138: Billy will den Job, weshalb er sich auf ein Auswahlverfahren einlässt, das ihn körperlich wie geistig an seine Grenzen bringt.

- Der tote Hund (1932), S. 139-146: Der Jäger hat den ungehorsamen Hund erschossen und bereut dies umso mehr, weil das Tier ihn nun als Geist heimsucht.

- Lebendiges Licht (1933), S. 147-161: Der Erfinder hat einerseits eine spektakuläre Entdeckung gemacht, doch andererseits ist er wahnsinnig, wie ein interessierter Besucher erfahren muss.

- Bibliographische Angaben, S. 162-164

Verloren im Reich des Silberfischchens

Wer war „Leo am Bruhl“? Ist dies überhaupt ein Real-Name oder ein Pseudonym? Wohin verschwand der Mann, der zwischen 1926 und 1933 unzählige Kurzgeschichten veröffentlichte? Warum dies geschah, ist bekannt und traurig: Der Autor war wohl Jude. Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten endete seine so produktive Karriere abrupt; man dürfte ihn wie die meisten jüdischen Schriftsteller und Künstler aus dem deutschen Kulturleben ‚entfernt‘ haben. Wie es Leo am Bruhl, der offenbar (zunächst?) flüchten konnte/musste, nach 1933 erging, ist unklar.

Dass er ungeachtet seines beachtlichen Werks vom literarischen Radar verschwunden ist, liegt sicherlich auch an dessen Veröffentlichungsgeschichte: Leo am Bruhl arbeitete ausschließlich für Zeitungen, Zeitschriftenbeilagen u. a. Periodika, die man kaufte, las und entsorgte. Offensichtlich wurde keine seiner zahlreichen Erzählungen in einem Buch abgedruckt. Der Autor selbst veröffentlichte keine Storysammlungen, und einen Roman hat er wohl nie geschrieben: Lars Dangel, der diesen Band zusammenstellte, beschreibt in seinem Vorwort, wie seine intensive Spurensuche ins Leere lief.

Die allzu flüchtige Welt der für den ‚Verbrauch‘ geschriebenen Trivialliteratur ist ein Phänomen, dem sich besagter Herausgeber schon länger entgegenstemmt. Er sichtet die raren, verstreuten, von Ungeziefer heimgesuchten Papierberge einer Zeit, die auf die Archivierung solcher Texte wenig Wert legte; in der Zeitung vom Vortag wurde höchstens Fisch eingewickelt. Doch das Erscheinen in einem zum Verfall verdammten Medium spiegelt keineswegs automatisch die formale und inhaltliche Qualität einer Story wider. Zwar wird man literarische Meisterstücke vergeblich suchen, doch wie Leo am Bruhl beweist, gibt es einen adäquaten Ersatz: den Spaß an einem guten Garn, wie man es zum Zeitvertreib wohl schon in den Höhlen der Steinzeit zu spinnen pflegte.

Zwischen Grauen und erschreckter Faszination

Am Bruhl war ein Autor, der sich in der Welt auskannte, d. h. sie bereist hatte. Oder geschah dies ‚nur‘ in der Fantasie? Ein Jahrhundert nach dem Ersterscheinen dieser Storys hat sich die Frage erübrigt. Die Welt hat sich elementar verändert, weshalb kaum jemand mehr wissen dürfte, wie präzise am Bruhl die sibirische Tundra („Der Wolf Ota-O“) oder die süd- („Treibhaus des Grauens“) bzw. mittelamerikanische („Tapados“) ‚Wildnis‘ beschreibt. Es klingt jedenfalls authentisch genug, um die jeweilige Geschichte mit entsprechendem Lokalkolorit (sowie zeitgenössischen Sichtweisen und Vorurteilen, die sich freilich in erträglichen Grenzen halten) aufzuladen; dies gilt übrigens auch, wenn der Autor verwunschene Winkel in Zentraleuropa beschreibt: Am Bruhl weiß, wie man (exotische) Stimmung schafft!

Thematisch bilden die Erzählungen ein breites Spektrum ab. Wir lesen ‚echte‘ Gespenstergeschichten, wobei der Herausgeber jenen den Vorzug gab, die klassische Grusel-Plots unerwartet und deshalb interessant abwandeln oder in die Moderne holen („Spuk um HL 20.130“, „Das Wikingerschiff“, „Der Teufelsknüppel“, „Der tote Hund“), ohne die Verbindung zu einer durchaus reichen Genre-Vergangenheit zu ignorieren („Der Schlossenrufer“). Wir stimmen dem Herausgeber zu: Leo am Bruhl kann mit Phantastik-Autoren aus England oder anderen Horten klassischer Spukgeschichten mithalten!

Natürlich greift am Bruhl, der schnell arbeiten und ‚ökonomisch‘ arbeiten musste, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, auch einschlägige Szenarios auf. Der „mad scientist“ taucht gleich dreifach auf („Garfields Erfindung“, „Das Ausgeh-Herz“, „Lebendiges Licht“), aber auch sonst sehen sich Ich-Erzähler wahnsinnigen Widersachern ausgeliefert („Treibhaus des Grauens“, „Lijssa tho Doel“): Dies ist eine bewährte Möglichkeit, die Handlung dramatisch auf die Spitze zu treiben. Am Bruhl war ein geschickter Routinier, der als ‚Auflösung‘ gern auch das schnöde Erwachen aus einem Albtraum wählt („Das Ausgeh-Herz“, „Treibhaus des Grauens“, „Lebendiges Licht“).

Esoterik und Proto-Science-Fiction

Dass am Bruhl auch andere Töne beherrscht, belegt u. a. die Titelgeschichte. Eine ‚logische‘ Auflösung gibt es nicht, der Ton ist fieberhaft, avangadistisch und aufgeladen mit Unheil, wie man es aus zeitgenössischen deutschen, noch stummen Filmen kannte, in denen Melancholie, Verhängnis und Tod, gern kombiniert mit einer tragischen Liebe, für unterhaltsame Düsternis sorgten. Mit „Tapados“ und „Lijssa tho Doel“ bleibt am Bruhl nüchterner im Ausdruck, aber dem Tenor treu. Mit „Der Schlossenrufer“ scheint er sich am Briten Algernon Blackwood zu orientieren, der immer wieder über eine ‚lebendige‘, über ein eigenes Wesen verfügenden Natur schrieb.

Mit „Die Traumsendegesellschaft“ gerät der Autor in sentimentales Fahrwasser, kann dies aber mit dem Science-Fiction-Ambiente sowie einer finalen Überraschung ausgleichen. „Billy wird auf Eignung geprüft“ muss man vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 lesen, die auch Europa und Deutschland in den Abgrund treib. Massenarbeitslosigkeit und Elend sorgten für jene Mischung aus Selbstaufgabe und Menschenverachtung, die am Bruhl hier (hoffentlich) nur scheinbar spaßig darstellt. Erneut setzt am Bruhl Elemente der Science Fiction ein. Sie stand auch in Deutschland in den Startlöchern, wurde aber nur wenige Jahre später von den Nazis abgewürgt.

„Der Höllengeiger“ ist eine bunte Phantastik-Mischung. Die von Herausgeber Dangel ‚geretteten‘ Geschichten erschienen ursprünglich in zwei Bänden in einer Mini-Auflage. Wieder einmal ist es der Dornbrunnen-Verlag, der das Wagnis eingeht, diese Erzählungen einem breiteren Publikum zu präsentieren. Sollte das Angebot angenommen werden, steht weiteren Bänden der „Kollektion Leo am Bruhl“ nichts im Weg.

Fazit:

15 Erzählungen der Jahre 1929 bis 1933 präsentieren einen Verfasser trivialer, aber unterhaltsamer Geschichten. Sie decken ein breites Spektrum der Phantastik ab, lassen ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Werk wiederaufleben und füllen eine Leerstelle in der weiterhin lückenhaften Historie der deutschen Unterhaltungsliteratur.

Der Höllengeiger

Leo am Bruhl, Lars Dangel (Herausgeber), Edition Dornbrunnen

Der Höllengeiger

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