Mindf*ck: 10 verstörende Horror-Geschichten
- Independently published
- Erschienen: Oktober 2024
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Unheilvolle Lagerfeuer-Romantik aus dem Netz… nur ohne Romantik… und Lagerfeuer
Klingt lecker!
Horroraffine Genre-Freundinnen und -Freunde werden mit Sicherheit schon mal über den Begriff „Creepypasta“ gestolpert sein. Nein, das sind nicht besonders gruselige Nudeln aus der Hölle, sondern kurze Horrorgeschichten, die im Netz gepostet werden. Geteilt auf Plattformen wie Reddit & Co., verbreiten sich die modernen urbanen Legenden oft rasend schnell, weshalb das Kofferwort aus „creepy“ und „copy + paste“ durchaus Sinn ergibt. Wurden Schauergeschichten früher noch am Lagerfeuer von jemandem erzählt, der sich von unten die Nasennebenhöhlen mit einer flotten Maglite bestrahlte, sind die Verbreitungswege heute deutlich moderner. Die Beliebtheit zeigt, dass die fehlende Camping-Atmosphäre der Nummer keinen Abbruch tut, obwohl ich mir lieber vorstelle, dass verängstigte Teenager nachts den Atem anhaltend und bei jedem Geräusch zusammenzuckend in ihren Schlafsäcken kauern, als dass mein Nachbar morgens mit dem Smartphone auf dem Eimer sitzt und den in die Därme gefahrenen Schrecken gleich krachend abwirft.
Über den genauen Beginn der Creepypasta-Welle mag man streiten, doch zu den ersten Werken zählt die Geschichte von „Ted the Caver“, der mit seinem Kumpel „B“ eine tunnelartige Passage in einem Berg entdeckt. Hinter der zwischen März und Mai 2001 in Tagebuch-Form (auf dem Internet-Service Angelfire) veröffentlichen Story steckt der Amerikaner Ted Hegemann. Und es wurde lange gerätselt, ob die mysteriösen Geschehnisse der Wahrheit entsprechen oder doch nur Fiktion sind. Die Wahrheit befindet sich irgendwo dazwischen, denn Hegemann berichtet durchaus von seinen Erlebnissen in den Bergen… abgesehen von den frei erfundenen Merkwürdigkeiten.
Als eine der populärsten Creepypasta gilt aber die Geschichte von „Jeff the Killer“, die ein User namens „Sesseur“ bereits 2008 in einem kurzen YouTube-Video umriss. Aber erst 2011 nahm der Hype an Fahrt auf, nachdem ein anderer Autor dem Stoff eine Generalüberholung verpasste. Seitdem wurden zahlreiche Weiterführungen und Spin-offs (z.B. „Jane the Killer“) von Hobby-Schreibern verfasst.
Ein regelrechter Dauerbrenner ist der auf ziemlich allen Plattformen umherspukende „Slender Man“. 2009 erstellte Eric Knudsen unter dem Pseudonym Victor Surge mittels Bildbearbeitung ein Foto für einen Wettbewerb. Der Startschuss für die mysteriöse, dünne Gestalt, nicht nur das Internet im Sturm zu erobern. Unmittelbar nach Veröffentlichung der ersten Fotos, ging die YouTube-Webserie „Marble Hornets“ an den Start, die sich mit ihrem Charakter „The Operator“ von Knudsens Schöpfung deutlich inspirieren ließ. 2015 erschien mit „The Operator - Eine Marble Hornets Story“ eine Verfilmung im Found-Footage-Stil. Nicht sonderlich erfolgreich, aber immer noch besser als SONYs „Slender Man“, der 2018 bei Zuschauern und Kritikern gleichermaßen gnadenlos durchfiel.
Hört, hört…
Wer sich nun also an solchen Storys erfreut und es lieber auf die Ohren mag, falls zwischen True-Crime-Podcasts und Lebensweisheiten diverser Promis noch etwas Platz bleibt, sollte unbedingt mal auf den gängigen Podcast-Portalen in „Creepypasta zum Einschlafen“ reinhören oder den YouTube-Kanal „Dr. Zargota Creepypasta“ besuchen. Auf Letzterem hat der gute Doktor (Stand: August 2025) fast 600 Videos im Angebot, in denen er bekannte (Ja, auch „Jeff the Killer“ ist dabei!) als auch frische Creepypastas ansprechend vertont. Darunter auch Erzählungen aus seiner eigenen Feder. Und zehn seiner „verstörenden Horrorgeschichten“ haben nun den Sprung in ein gedrucktes Werk geschafft.
Tragende Säulen
Den größten Teil in „Mindf*ck“, so der treffend kernige Titel des Büchleins, nimmt die Story „3 vs. Psychiatry“ ein. Ähnlichkeiten zu bestehenden (Online-)Formaten kommen nicht von Ungefähr, jedoch wird der Reality-Boom in des Doktors Geschichte drastisch auf die Spitze getrieben. Aufgeteilt auf zwei „Staffeln“, umfasst das wilde Treiben fast die Hälfte der insgesamt 252 Seiten.
Drei sorgfältig ausgewählte Kandidaten – im konkreten Fall Survival-YouTuber Daniel, Extremsportlerin Helen und Motivations-Coach Anton – werden für drei Wochen von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Kein Internet, kein Follower-Check, kein Content. Als wäre das für Netz-Junkies, die ihr gesamtes Leben mit der Welt teilen nicht schon Albtraum genug, werden die drei auf einer unbekannten Insel im Nirgendwo ausgesetzt. Allerdings nicht an einem beliebigen Punkt, sondern auf dem Gelände von Bartholdy-Instetten, der ehemals größten Nervenheilanstalt Europas. Neben dem Gebäudekomplex gehört ein großer Wald zum Areal der Show, der die mehr als siebzig Bauten umschließt. Voneinander wissen die Teilnehmer jedoch nichts. Anzunehmen ist aber, dass es nicht lange dauern sollte, bis sie aufeinandertreffen. Ausgestattet mit dem nötigsten, durchaus überschaubaren Equipment, ist es an ihnen, für die Dauer der Sendung Lebensmittel und einen Schlafplatz zu finden. Dabei übertragen sie stets alles mit ihren Kameras. Nun sollte es für ausgewiesene Survival-Profis doch ein Leichtes sein, ein paar Wochen rumzukriegen, doch da hat die Produktion noch etwas mitzureden. Um die Zuschauer bei der Stange zu halten, wurde nicht nur im Vorfeld durch kryptische Teaser und interesseweckende Info-Appetithäppchen die Neugier ins Unermessliche gesteigert, sondern es wurden gezielt audiovisuelle Trigger im Areal platziert, sodass für reichlich Überraschungen gesorgt sein sollte. Schließlich will man auf dem heimischen Sofa, Chips und Cola auf der Plauze balancierend, gut unterhalten werden. Was die Zuschauer aber dann zu sehen bekommen, sprengt selbst die Vorstellungskraft der Produzenten… und erst recht die der Kandidaten.
„Staffel 2“ setzt den Wahnsinn nicht nur fort, sondern inhaltlich noch einen drauf. Schwer unterhaltsam und die Frage aufwerfend, wann wir etwas in ähnlicher Form tatsächlich präsentiert bekommen. Schaut man sich – nicht nur in der Medien-Landschaft – um, sollte es nicht verwundern, wenn Quoten und Aufrufzahlen in naher Zukunft den höchsten Stellenwert haben und vor nichts mehr zurückgeschreckt wird, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. In dieser Wunde porkelt Dr. Zargota genüsslich herum, was „3 vs. Psychiatry“ zu einem reißerischen Creepypasta-Paradebeispiel macht. Eine Sprechstunde mit Nebenwirkungen.
Folgetermine
Die weiteren acht Geschichten schwanken qualitativ zwischen „okay“ und „sehr atmosphärisch“, auch was das Sprachliche angeht. Positiv ist aber anzumerken, dass der Autor hier eine ordentliche Genre-Palette kredenzt. In der sehr gelungenen Eröffnungsgeschichte „Das hier ist kein Campingplatzt“, in der wir einer Gruppe von Freunden folgen, die nach einem Schlauchboot-Trip in der Pampa Bekanntschaft mit skurrilen Landleuten macht, wird beispielsweise der klassische Backwood-Slasher à la „The Texas Chain Saw Massacre“ zelebriert. Psychologischer Horror erwartet uns dann bei der „Nachtschicht im Geschenkeladen“, wo der klamme Tobi mit reichlich Restalkohol im Blut seinen ersten Dienst antritt. Was da so alles im Nanu-Nana nach Ladenschluss passiert, lässt ihn aber schlagartig wieder nüchtern werden.
Fazit:
Unterhaltsam-gruselige Kurzgeschichten, die an manchen Stellen zwar noch etwas sprachlichen Schliff vertragen könnten, inhaltlich aber viele Horror-Subgenres bedienen. Des Doktors Praxis bei YouTube ist übrigens durchgehend und ohne Terminabsprache geöffnet, falls es Grusel-Aficionados nach weiteren Kurz-Leckerbissen gelüstet.

Eugen Zargota, Independently published

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