Yumi and the Nightmare Painter: Ein Kosmeer-Roman
- Droemer-Knaur
- Erschienen: April 2025
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Romantasy kann so schön sein
Ja, ihr habt richtig gelesen, liebe Leserinnen und Leser. Fantasy-Großmeister Brandon Sanderson hat sich in seinem nun 4. Band der sogenannten „Secret-Projects“ einer waschechten Romanze gewidmet, eingebettet in ein asiatisch angehauchtes Fantasy-Setting. Und wer sich jetzt fragt, ob Herr Sanderson nun auch auf den schier unaufhaltsamen Zug der klischeebeladenen und versexten Romanzen aufgesprungen ist, die stupide durch Fantasy-Kulissen rauschen und ausgestattet sind mit einem Rammbock aus Farbschnitten, um im Urwald der klassischen Fantasy eine Schneise der Verwüstung zu hinterlassen, den kann ich beruhigen.
Obwohl sich Sanderson mit „Yumi and the Nightmare Painter“ auf unerforschtes Terrain begibt, zumindest in Bezug auf die Fokussierung der Romanze innerhalb des Romans, zeigt er ungewollt einem ganzen Genre, wie gute Romantasy funktioniert. Gleichwohl wird sein Ausflug in die Gefilde der romantischen Gefühle eher eine Ausnahme bleiben. Schade eigentlich.
Wie ich zur zuletzt genannten Bewertung komme, erfahrt ihr gleich. Vorher möchte ich noch ein paar Worte zu den „Secret-Projects“ verlieren. Diese sind nicht weniger als eine Hommage an die vielen Fans weltweit, die Brandon Sanderson seit Jahren die Treue halten. Wie die meisten Romane Sandersons spielen auch die meisten der im Geheimen geschriebenen Bücher (insgesamt 5, davon bereits 4 ins Deutsche übersetzt) im sogenannten Kosmeer. Das Kosmeer ist Sandersons großer Fantasy-Spielplatz. Es handelt sich dabei um nicht weniger als ein komplettes Universum mit verschiedenen Planeten, in denen ein Großteil seiner Romane angesiedelt ist (ähnlich wie Marvels Multiversum). Die Ideenvielfalt, die unser Autor in das Kosmeer einfließen lässt, ist gelinde gesagt absolut irre. Insbesondere mit den Sturmlicht-Chroniken hat Brandon Sanderson Werke von epochaler Bandbreite geschaffen. Aber auch die Nebelgeborenen Romane nehmen innerhalb des Kosmeers einen fundamental wichtigen Platz ein.
Dem ein oder anderen wird sich vielleicht die Frage aufdrängen, warum ich hier so weit vom eigentlichen Thema abkomme, nämlich der Buchbesprechung von „Yumi and the Nightmare Painter“. Wie passt das Ganze also zusammen, abgesehen davon, dass die Bücher im selben Universum, aber auf verschiedenen Planeten angesiedelt sind? Mir geht’s schlicht um die Erteilung einer Leseempfehlung für Kosmeer-Neulinge. Denn bei der Aussprache einer solchen Empfehlung tue ich mich äußerst schwer. „Yumi and the Nightmare Painter“ hat eindeutig seine ganz eigene Geschichte, die grundsätzlich von jedem interessierten Leser genossen werden kann, wären da nicht die ständigen Anspielungen auf andere Teile des Kosmeers. Wem insbesondere die Sturmlicht-Chroniken völlig fremd sind, wird sich immer wieder Situationen stellen müssen, in denen er sich fragt: „Wovon zum Teufel reden die Protagonisten da eigentlich gerade?“ „Was genau ist ein Kluftteufel, was sind Zinnaugen und was für ein Wesen versteckt sich hinter Design (Inhaberin eines Nudelrestaurants und Sprengsel eines alten Bekannten)?“. Genau aus diesem Grund kann ich Neulingen, die sich bislang kaum mit Sandersons Werken ausgetobt haben, diesen Roman nur eingeschränkt empfehlen. Natürlich kann der Plot und vor allem das Zusammenspiel der beiden Protagonisten auch von Neulingen ausgekostet werden. Sein volles Potenzial entfaltet dieser Roman jedoch erst gegenüber erfahrenen Kosmeer-Abenteurern.
Nun widme ich mich aber endlich dem eigentlichen Werk.
Die Albträume sind los
Die Handlung wird von dem mir eben erwähnten alten Bekannten erzählt, der mit seiner Kryptikerin (ein Sprengsel aus Roschar, der Welt der Sturmlicht-Chroniken) auf dem Planeten von Maler gestrandet ist. Er erzählt die Geschichte aus Sicht der beiden Hauptfiguren und punktet hier und da mit für Sanderson typischem trockenen Humor.
Unsere Hauptfiguren können unterschiedlicher nicht sein. Maler ist, wie sein Rufname es bereits dezent andeutet, ein Albtraummaler. Auf seinem Planeten sind die wenigen existierenden Städte von einem undurchdringlichen schwarzen Nebel umgeben. Nachts entspringen diesem Nebel manifestierte Albträume, die durch die Straßen streifen, um sich von den Ängsten der Menschen zu nähren. Malers Zunft hat die Aufgabe, diese Albträume aufzuspüren und zu bekämpfen, bevor eine ernste Bedrohung entstehen kann. Dazu nutzen die Albtraumaler ihre fast mannshohen Pinsel und etwas schwarze Tinte, um die Albträume durch das Zeichnen und die damit einhergehende mentale Fokussierung in eine ungefährliche Form zu bannen.
Maler ist ein Einzelgänger, der seinem Beruf zwar einigermaßen gewissenhaft nachgeht, aber sehr unter der Tristesse seines Daseins leidet. Marionettenhaft kämpft sich unser Protagonist durch seinen Alltag, der hauptsächlich aus Essen, Schlafen und Malen besteht.
Das Gegenstück zu unserem gelangweilten männlichen Helden bildet Yumi. Sie ist eine Art Auserwählte, die in ihrer Welt Geister beschwört, um damit Gesellschaft und Wirtschaft am Laufen zu halten. Denn die Geister, die Yumi durch das Stapeln von Steinen hervorrufen kann, lassen sich in allerlei bedeutsame Gegenstände verwandeln, die es den Menschen beispielsweise ermöglichen, Felder zu bewirtschaften oder Fahrzeuge in Bewegung zu setzen.
Yumis Leben besteht in Gänze aus Ritualen, die eng mit ihrer Rolle als Geisterbeschwörerin verknüpft sind. Sie besitzt faktisch keinen eigenen Willen, sondern ist vielmehr an das eiserne Schicksal ihrer Stellung gekettet. Als eines Tages ein Geist Yumi überraschend um Hilfe bittet, ändert sich das Leben unserer beiden Protagonisten schlagartig.
In sich abwechselnden Episoden werden die beiden Helden in die jeweilige Welt des anderen transferiert und sehen sich einem Leben gegenüber, das ihnen völlig fremd ist. Warum ausgerechnet diese beiden von einer Art höherer Macht aneinandergebunden wurden, ist unseren Helden vollkommen schleierhaft. Sie sind sich zuvor nie begegnet, denn sie scheinen von unterschiedlichen Planeten zu stammen, so ihre Schlussfolgerung, mit unterschiedlich fortschrittlichen Zivilisationen. Und auch sonst scheinen die beiden nicht viel gemeinsam zu haben.
Liebe geht durch den Magen
Die von mir erwähnte Unterschiedlichkeit der Protagonisten macht einen Großteil des Charmes dieses Romans aus. Während Yumis Pflichtbewusstsein dafür sorgt, Maler zu überzeugen, mit ihr zusammenzuarbeiten, um herauszufinden, warum das Schicksal die beiden aneinander geschmiedet hat, beginnt Maler, die Fesseln der Tradition, die Yumi umgeben, zu lösen. Maler fügt sich dabei etwas schwerfälliger seinem Schicksal und ist von Yumis Fokussierung auf ihre Pflichten erschüttert. Hilfe bekommen die beiden von der Inhaberin eines Nudelrestaurants, bei der es sich, wie bereits erwähnt, um eine Kryptikerin handelt, die sich als gutaussehende Köchin tarnt und ihre Kunden mit köstlichen Gerichten verzaubert.
Sandersons große Stärke, nämlich sein erfrischendes Ideengut, kommt auch in diesem Roman zur Geltung. Im Gegensatz zu einem Großteil der marktüblichen Romantasy-Schmöker hat die Szenerie rund um unsere Protagonisten genauso viel Gewicht wie die romantische Entwicklung unserer Helden. Zugegeben, diesem Roman fehlt in seinem Worldbuilding der Tiefgang der Sturmlicht-Chroniken. Daran sollte sich ein „stand-alone“ jedoch auch nicht messen. Um die Kulissen der Konkurrenz in den Schatten zu stellen, reicht es allemal.
Die Verbindung von Yumi und Maler ist geprägt von Zärtlichkeit, Humor und einer angenehmen Prise Naivität. Während Maler versucht, Yumi anzuleiten, das Leben auch mal zu genießen, durchbricht Yumi Malers Panzer der Einsamkeit und legt einige Wunden aus dessen Vergangenheit offen. Yumis Unwissenheit über weltliche Dinge ist zum Teil derart komisch, dass es mich laut lachend ins Sofakissen drückte.
Dieses Zusammenspiel, gepaart mit dem Streben, den Geistern in Yumis Welt zu helfen, schweißt die beiden eng zusammen. In zärtlicher Langsamkeit erspüren die beiden ihre anwachsenden Gefühle dem anderen gegenüber. Sanderson gelingt es meisterlich, die Leserschaft von der sich gemächlich entwickelnden Romanze einlullen zu lassen. Als es gegen Ende des Romans im spannenden Finale heiß hergeht (also im Kampf gegen Albträume und ein weiteres unbekanntes Übel und nicht etwa zwischen den Bettlaken), zerreißt es einem schier das Herz, als die Verbindung zwischen Yumi und Maler auf Messers Schneide steht.
Wer auf der Suche nach stürmischer Liebe, atemberaubenden Orgasmen und Bad-Boy-Attitüden ist, wird von „Yumi and the Nightmare Painter“ enttäuscht zurückgelassen. Hier stehen vielmehr gegenseitiges Vertrauen und schüchterne Zurückhaltung im Fokus. Genau diese Aspekte sind es, liebe Leserschaft, die uns an die Seiten binden, wie eine wunderschöne Blüte an das Sonnenlicht.
Fazit:
Dieser Roman ist eine sinnliche Abwechslung zu dem Einheitsbrei des Romantasy-Genres. Brandon Sanderson schafft es, eine faszinierende Fantasywelt zu erschaffen, die in angenehmem Gleichgewicht zur skizzierten Romanze daherkommt. Der spannende Plot bindet die Leserschaft gleichermaßen an das geschriebene Wort wie die anwachsende Liebe der Protagonisten. So funktioniert Romantasy!

Brandon Sanderson, Droemer-Knaur

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