Mars-Genesis: Die letzte Reise

  • Fischer
  • Erschienen: März 2025
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Phantastik-Couch Rezension vonSep 2025

Rüstige Rentner auf Raumfahrt

In Morris‘ neuem Roman wird für die erste Besiedlung des Mars eine Gruppe gehobenen Alters ausgewählt – jüngere wären zu stark von der kosmischen Strahlung beeinträchtigt, und der Nachwuchs kann ja auch aus dem Reagenzglas kommen. Auf dem Mars soll dann eine von KI-gesteuerten Robotern vorbereitete Basis in Besitz genommen werden. Leider hat die Mars-KI andere Pläne, und bereits an Bord des Raumschiffs geht es nicht mit rechten Dingen zu.

Soweit zur Prämisse der Geschichte – und zunächst zum Positiven. Spätestens seit dem Vorschlag des ersten Weltraumtouristen Dennis Tito, symbolisch ein älteres Ehepaar zum Mars zu schicken, wird diese Idee mehr oder weniger ernsthaft diskutiert. Eine ganze Crew zwischen 50 und 75 Jahren zusammenzustellen, die mithilfe ihrer Lebenserfahrung den Grundstein für zukünftige Generationen legen sollen, erscheint da doch ganz sinnvoll. Zudem freuen sich Genre-Kenner über die augenzwinkernden Zitate, sei es der Name der Bord-KI („Mutter“, in guter Alien-Tradition) oder der „Asimov-Sperre“ für KIs, die menschlichen Schaden verhindern soll. Insgesamt ist Mars-Genesis wirklich einsteigerfreundlich für Hard SciFi – keine ausufernden technischen Details, die durchaus interessanten Hintergrundinformationen zum Terraforming des Mars sind kompakt ins Nachwort ausgelagert.

Alterslos und austauschbar

Nun zum Teil, der Mars-Genesis leider einfach nicht zu einem guten Buch macht. Das Alter der Crew, Fokus jeder Inhaltsangabe, spielt im Endeffekt überhaupt keine Rolle. Von einigen Randbemerkungen zu Prostatatathemen und Ähnlichem abgesehen, könnten die Figuren eigentlich in jedem Lebensalter stehen; munter kriechen die rüstigen Rentner durch Lüftungsschächte, wandern im Raumanzug im Weltall herum und begeben sich in den Kampf gegen die Mars-KI. Auch ansonsten sind sie ziemlich austauschbar – die massenweise mit Namen und wenigen Token-Eigenschaften eingeführten Figuren bleiben blass und verschwinden größtenteils wieder in der Versenkung, während man noch verzweifelt versucht, den Überblick zu behalten. Die unterkomplexe Charakterisierung kennt man sonst hauptsächlich aus Kinder- und Jugendbüchern, die damit Rücksicht auf ihre Zielgruppe nehmen – Melody ist fit. Heike ist nett. Frank ist egoistisch. Nichts davon erfüllt das großmundige Versprechen von lebenserfahrenen, kompetenten oder auch nur lebendigen Figuren.

Auch ansonsten kommen Konsequenzen in der Welt von Mars-Genesis einfach nicht vor. Ein Passagier verschwindet, oder hat vielleicht auch nie existiert? Die chinesische Parallelexkursion zum Mars ist nicht auffindbar? Fremde Personen über die Außenhülle des Schiffs, Sabotageakte, die das Leben der Passagiere  und die ganze Mission gefährden? Die Crew bleibt absolut passiv, niemand will wirklich herausfinden, was passiert, niemand wird bestraft, und Rätsel bleiben Rätsel.

Handlungsträger? Nur auf sechs Beinen

Gut, dass sich wenigstens die Roboter kümmern. Diese Reparaturkrabben sind sehr offensichtlich als gefühlige Maskottchen angelegt, die der Leser bei der Bewusstseinsentwicklung begleiten darf. Vergessen wir all die komplexen Hintergründe von Künstlicher Intelligenz, Deep Learning und Neuronale Netze – dafür reichen auch ein paar nette Gespräche mit dem Hobby-Astronomen des Schiffs, und schon sind die kleinen Reparaturroboter die größten Fans der Menschheit. Gemeinsam mit einem weiteren Deus ex/est Machina schreiten sie alsdann in den Kampf gegen die böse Mars-KI, die ihr planetares Revier entschieden verteidigt, um ihren Traum eines Reservats für vom Menschen in ihrer Entfaltung gehinderte Computerhirne umzusetzen. Die Menschen? Bleiben auch hier Beiwerk.

Fazit:

Auf Grundlage einer wirklich interessanten Idee hat Brandon Q. Morris mit Mars-Genesis einen Roman herausgebracht, der zwar einsteigerfreundlich ist, den man diesen jedoch kaum zumuten möchte, wenn sie weiterhin Science Fiction lesen sollen. Auf kleinere spannende Episoden folgt sofort die große Ernüchterung, weil diese stets konsequenzlos bleiben. Die austauschbaren Charaktere schleppen sich genauso durch die Handlung wie der Leser durch das Buch. Wer die Infodumps von Andy Weir lieber meidet, nicht-biologischen Maskottchen aber etwas abgewinnen kann und leichte Kost mit Weltraum sucht, könnte hier dennoch richtig sein.

Mars-Genesis: Die letzte Reise

Brandon Q. Morris, Fischer

Mars-Genesis: Die letzte Reise

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