Das Spukschiff im Weltall
Tief ist Katherine Weiller gefallen, nachdem die junge, idealistisch-naive Frau an die Öffentlichkeit gebracht hat, dass ihr Chef, der das höchste politische Amt im menschlich besiedelten Sonnensystem anstrebte, sich krimineller Methoden bediente, um an die Macht zu kommen. Die Justiz ist hinter ihr her, aber auch die ehemaligen Kollegen wollen sie ausschalten, um ihr so den Mund zu stopfen. Sie ist der Flucht, was in diesem Jahr 2223 den Weg in den Weltraum einschließt. Als „Halley Zwick“ verbirgt sie sich auf der Raumstation Enexx17, wo sie in Armut und Angst vegetiert, bis ihr eine obskure Anzeige ins Auge fällt: Für den Wachdienst an Bord eines Raumschiffs wird jemand gesucht, der/die keine Fragen stellt.
In ihrer Not sagt Halley zu - und findet sich auf der „Elysium Fields“ wieder. Vor mehr als einem Jahrhundert hatte der ebenso geniale wie übergeschnappte Erfinder Zale Winfeld ein Raumschiff in ein fliegendes ‚Krankenhaus‘ umgebaut. Wer es sich leisten konnte, ließ sich hier kurz vor dem alters- oder krankheitsbedingten Tod einfrieren. Die Körper ruhen seither in ‚Schlafkapseln‘ an Bord der „Elysium Fields“, dessen Schöpfer und seine Familie ironischerweise bei einem Unfall umkamen.
Das Schiff ist riesig und heruntergekommen. Halley mag ihren Häschern entronnen sein, doch rasch steht sie unter neuem Druck: Ist außer ihr wirklich nur der (ständig außer Sichtweite aktive) Mechaniker Karl an Bord? Überhaupt ist es unheimlich: Man hat es nie geschafft, die gefrorenen ‚Passagiere‘ zu wecken oder gar zu heilen. Die „Elysium Fields“ ist ein Totenschiff, in dem es allerdings lautstark und bald auch handfest umgeht ...
SF-Grusel-Melange
Man muss als Leser nicht dem Beispiel unserer unfreiwilligen Heldin Halley folgen und ahnungslos über bzw. durch ein Toten- und Geisterschiff stolpern. Das Internet sorgt dafür, dass wir uns vorab über elementare Aspekte dieses Werkes informieren können. Zunächst interessiert die Autorin. „S. A. Barnes“ nennt sie sich hier, doch die Recherche ergibt schnell, dass dies ein Pseudonym der ‚Schriftstellerin‘ Stacey Kade ist, die seit 2010 den Buchmarkt beschickt.
So muss man das bezeichnen, denn Kade produzierte in erster Linie Urban Fantasy für halbwüchsige Leserinnen, was an sich legal ist, aber auch eine Warnung beinhaltet: Genretypisch, d. h. hart an der Grenze zur „Romantasy“ und oft ausdrücklich darüber hinaus ließ Kade ihre Figuren nicht nur mit allerlei übernatürlichen Mächten, sondern auch mit der Pubertät ringen. Damit war 2018 Schluss.
Nach einige Pausejahren erfand sich Kade als S. A. Barnes neu. Nun lässt sie es im Weltall spuken; „Cold Eternity“ ist bereits Band 3 einer dem außerirdisch Übernatürlichen gewidmeten Reihe von Romanen, in denen Science-Fiction-‚Realität‘ auf (scheinbaren) Spuk trifft. Erfreulicherweise ist „Cold Eternity“ nicht Teil einer miteinander verknüpften Serie, was in der Phantastik von heute fast eine Ausnahme darstellt. Zwar gibt es eine (bedingt interessante) Vorgeschichte, doch die wird nicht in einem Vorgängerband erzählt und hier deshalb vorausgesetzt, sondern fließt in das Geschehen ein, soweit die Autorin es für notwendig hält (womit sie aus Sicht dieses Rezensenten übertreibt).
Was der Klischee-Speicher hergibt!
Diese Einschränkung sollte man in einen Rahmen stellen, um dem Werk nicht von vornherein Unrecht zu tun: „Cold Eternity“ ist reines Lesefutter. Nicht Originalität, sondern die Erschaffung einer Horror-Stimmung, in der sich eine entsprechende Handlung abspielt, liegt in der Absicht der Autorin. Insofern ist es gerechtfertigt, dass sie keinerlei eigenständige Ideen entwickelt, sondern sich aus dem Fundus der SF und des Horrors herausgreift, was sich bewährt hat. Diese Elemente werden miteinander verklöppelt und die Übergänge (notdürftig) geglättet.
Das Ergebnis entspricht dem Aufwand und bietet Unterhaltung auf „Netflix“-Niveau; ein Werturteil, das den Fans (bzw. Kritikern) der populären bzw. trivialen Kultur bekannt ist. Auch in unserem Zusammenhang signalisiert es ein glattes Abenteuergarn mit angeflanschten Melodramatik-Momenten, die ihre Vordergründigkeit bereits dadurch verraten, dass man sie während der Lektüre überspringen kann: Man verpasst nichts, denn was von Belang ist, wird plakativ inszeniert - selbst die Jump Cuts einer potenziellen Verfilmung meint man bereits zu erkennen. Bis sich das Grauen rührt, erfolgt eine ausführliche Tour durch die „Elysium Fields“, die wohl nur in dieser zweidimensional ausgemalten Zukunft zum Spukschloss im Weltraum mutieren kann.
Barnes hält sich ansonsten strikt an jene quasi obligatorischen Vorgaben, die eine eher unerfreuliche Zukunft prophezeien: Die Politik ist endgültig korrumpiert und Handlanger riesiger Konzerne, die auch jenseits des Erdorbits das Heft in der Klaue halten. Eine gesellschaftliche Mittelschicht existiert offenbar nicht mehr, es gibt nur mehr skrupellose Ausbeuter und geschurigelte Massen. Wie es sich gehört, spiegelt sich dies malerisch verkommen im Inneren von Raumstation Enexx17 und Totenschiff „Elysium Fields“ wider: Seit „Alien“ sind Rost, Schmutz und Schimmel unentbehrlich, um das Elend einer fortschrittlichen, aber menschenrechtsbefreiten Zukunft zu versinnbildlichen.
Keine Chance, aber unbesiegbar
Katherine Weiller/Halley Zwick ist eine ‚Heldin‘, die in das skizzierte Ambiente passt. Obwohl sich die Autorin redlich Mühe gibt und in (s. o.) allzu ausführlichen Rückblenden ihre Vergangenheit aufleben lässt, bleibt Halley ebenso profilflach wie die übrigen Figuren. Ihr Geschlecht ist faktisch irrelevant und folgt in erster Linie aktuell üblichen Klischees: Frauen sind „stark“ und können (mindestens) ebenso hart zuschlagen, zustechen oder schießen wie ein Mann.
Obwohl sie uns das in ihrem Frühwerk unentbehrliche Gesäusel weitgehend erspart, kommt Barnes doch nicht gänzlich ohne ‚Liebe‘ aus. Halley verguckt sich in den schmucken Aleyk, der - Weh & Ach! - die Projektion einer Künstlichen Intelligenz ist, was für Drama-Schmalz sorgt (und Buchseiten füllt).
Ansonsten jagt Halley durch endlose, miserabel ‚beleuchtete‘ Korridore Schatten und stolpert dabei über Hinweise, die auf ein (nur für sie überraschendes) Treiben hinter den Kulissen hinweisen. In diesen Passagen keimt so etwas wie Spannung auf: Die Hoffnung auf einen guten Final-Spuk stirbt zuletzt! Was da moribund durch das marode Raumschiff schleicht, ist zwar ebenfalls nur ein Destillat des Schrecklichen, erfüllt aber in diesem Garn seinen Zweck; dies auch, weil Barnes sich für den Höhepunkt von den Klassikern „Alien“ (1979) und „Aliens“ (1986) ‚inspirieren‘ lässt.
Fazit:
Stromlinienförmig geplottetes und ökonomisch erzähltes, also anspruchslos unterhaltsames SF-Horror-Abenteuer, das unter einer blassen Heldin und einem überbordenden Drang zum kalkuliert entfesselten Grauen leidet.

S. A. Barnes, Heyne


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