Ich warte auf dich
- Heyne
- Erschienen: September 2025
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Liebe ist relativ
Zwei Menschen wollen heiraten; einfacher gesagt als getan, reisen sie doch beide durch Zeit und Raum und müssen am selben Tag in der Kirche erscheinen. Verschiedene Katastrophen auf der Erde und ihren Raumschiffen verhindern allerdings wieder und wieder ihr Zusammentreffen – viele Jahrhunderte lang.
Briefroman im All
Die Geschichte der Liebenden, die durch die Relativität der Weltraumreise auseinandergerissen werden und sich unbedingt rechtzeitig wiederfinden wollen, ist natürlich bekannt, zum Beispiel aus der Twilight Zone-Episode „The Long Morrow“ oder dem Manga samt Anime-Verfilmung „Voices of a Distant Star“. Während letzterer ebenfalls als Brief konzipiert ist, lesen wir in „Ich warte auf dich“ die Briefe sowohl des Bräutigams als auch der Braut und erleben die Ereignisse so aus beiden Perspektiven. Das ist stellenweise spannend, beispielsweise wenn der Bräutigam sein eigenes Mini-Raumschiff betreibt oder die Crew auf dem Raumschiff der Braut eine darwinistische Gesellschaft errichten will, allerdings wird diese doppelte Sicht schnell auch repetitiv.
Interessanter als die eigentliche Handlung des durch Zeit und Raum mäandernden Liebespaars sind die philosophischen Fragen, die Kim in den Raum stellt: ab wann identifizieren sich Raumfahrende auch als Zeitreisende? Welche psychologischen Folgen hat der ständig beschleunigte Zeitfluss, welche hat der Verlust der Erde als Heimat, mit deren Untergang man regelmäßig konfrontiert wird?
Erzählung als Kulisse
Leider gehen diese Themen sehr in der Liebesgeschichte unter. Im Nachwort wird auch klar, warum: Kim hat „Ich warte auf dich“ auf Bitten eines Fans geschrieben, der damit seiner Freundin (ebenfalls Fan) einen Heiratsantrag machen wollte. Und die Romantik kommt auch im positiven Sinne tatsächlich nicht zu kurz: der Roman bietet viele wunderschöne Zitate („Wir reisten bereits zusammen, bevor wir uns begegnet sind. Nur das Schiff war größer.“) und liebevolle Überlegungen. So denkt die Braut über den Sinn ihres weiteren Lebens nach, sollte der Bräutigam die Katastrophen auf der Erde und die Wirren der Raumfahrt nicht überstanden haben, und entscheidet sich, auch für ihn beziehungsweise seine Erinnerung in ihr weiterzuleben; ihre Freunde auf der Erde feiern den eigentlich angesetzten Hochzeitstag zusammen in der ausgewählten Kirche und hinterlassen Nachrichten fürs Brautpaar, die dieses erst in vielen Jahrhunderten lesen wird. Allerdings wird es dabei teilweise auch arg gefühlig und natürlich auch vorhersehbar, trotz der verschiedenen Hindernisse auf dem Weg zum gemeinsamen Glück.
Auch der Aufbau des Romans ist irritierend. Während die englische Übersetzung ihn als Sammlung von Kurzgeschichten handhabt, die laut der Autorin auch unabhängig voneinander gelesen werden können, hat HEYNE sich für die Zusammenstellung als Roman entschieden. Damit stehen nicht nur die Briefe von Braut („Auf dem Weg zu dir“) und Bräutigam („Ich warte auf dich“) direkt miteinander im Kontext, die immerhin den gleichen Zeitraum aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und sich entsprechend ergänzen, sondern auch die beiden nachfolgenden Geschichten, die unter dem Titel „Die in die Zukunft gehen“ als gemeinsamer dritter Teil zusammengefasst werden. Dieser handelt von Erlebnissen des Sohns des Paares, Sungha (dessen Name auch der Name des mittlerweile verheirateten auftraggebenden Ehepaars ist), in der fernen Zukunft. Dieser Zusammenhang lässt sich zwar erahnen, wird aber nicht sofort deutlich, und der Bruch der Erzählperspektive sowie die plötzlichen Voraussetzungen des worldbuildings führen zu einem deutlichen Störgefühl.
Fazit:
Mehr Liebe als Science Fiction, und mehr Schönheit der Sprache und der Details als Handlung – mit diesen Voraussetzungen im Hinterkopf ist „Ich warte auf dich“ eine durchaus schöne und unterhaltsame Geschichte mit spannenden wissenschaftlichen und philosophischen Ideen.

Kim Bo-Young, Heyne
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