Die Kuratorin

  • Buchheim Verlag
  • Erschienen: Februar 2026
  • 1
Die Kuratorin
Die Kuratorin
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2026

Märchenhaft unheimliche Parallel-Erde

Diese Menschen leben nicht auf ‚unserer‘ Erde, sondern bevölkern eine Parallelwelt, die technisch etwa auf dem Stand des späten 19. Jahrhunderts ist, aber ansonsten eine andere Entwicklung erfuhr. So gibt es kein London an der Themse, sondern eine (nie namentlich genannte) Metropole an der Schöne, wo gerade eine Revolution die herrschenden Klassen abgesetzt und vertrieben hat.

Die Sieger arbeiten an einer Verfassung, die der Ausbeutung der Bürger ein Ende bereiten soll. Die Realität des Regierens ist ernüchternd; schon ringen neue, aber ebenfalls ehrgeizige und skrupellose Kräfte um hohe Ämter, während die Günstlinge des alten Regimes sich unentbehrlich machen wollen. Zudem rückt eine bisher im Ausland kämpfende Armee gegen die Hauptstadt vor, um der Monarchie, dem Adel und dem Klerus zurück in die Sättel zu helfen.

Dora nutzt die Gunst der Stunde. Sie verlässt das Waisen- und Armenhaus und übernimmt das verlassene „Museum der Arbeit“. Dort ernennt sie sich selbst zur Kuratorin und schafft so einen gesellschaftlichen Aufstieg, der ihr, der armen Frau, bisher verschlossen war. Unterstützt wird sie von Robert Barnes, einem ehemaligen Studenten, der sich auf die Seite der Revolutionäre geschlagen hat.

Intrigen und unheimliche Umtriebe charakterisieren die Übergangszeit. Dass in dieser Welt Untote, Gespenster und weitere Kreaturen der Finsternis umgehen, verkompliziert die Situation. Es rühren sich Mächte, die auf übernatürliche Verbündete zurückgreifen können. Obwohl sich Dora möglichst unauffällig verhält, wird auch sie in den Strudel gerissen, als dies- und jenseitige Kräfte aufeinandertreffen: Nicht nur das Leichenschiff zieht durch die Nacht ...

Eine heutzutage empfohlene Entwarnung

Hält man das hier vorgestellte Buch in den Händen, bekommt man als Leser bzw. Freund der Phantastik erst einmal einen Schreck: Das Titelbild zeigt eine junge, quasi-viktorianisch gekleidete junge Frau, und der Buchblock ist an den Papierseiten bedruckt! Dies sind üblicherweise Hinweise auf die (Mach-) Werke des Genres „Romantasy“, die derzeit wie Presswurst produziert, schillernd layoutet und in die Buchverklappungs-Stationen (früher: Buchläden) gekarrt werden.

Dort kaufen sie Scharen von Frauen meist jugendlichen Alters, die sich eher am Rande für die phantastischen Elemente interessieren. Sie dienen nur als Anker, der einer Story um den Hals liegt, in der es entweder um die Jagd nach „Mr. Right“ und/oder das Aufkeimen aufregend ‚verbotener‘, weil südlich des Bauchäquators beheimateter Gefühle geht: Diese Buntbücher bieten „spicy stories“ auf trockenem Papier. Inhaltlich mag die Kulisse = die Schublade wechseln (Grusel, Fantasy, Historienkrimi, Science Fiction ...), doch die Handlung wälzt sich in ihrem engen, von den Leserinnen vorzementierten Bett seitenstark auf ein Ende zu, das in der Regel eine Fortsetzung ankündigt bzw. eine Endlos-Reihe startet.

Glücklicherweise fällt „Die Kuratorin“ nicht in diese Sparte. Autor Owen King (ein Sohn des Bestsellerautors Stephen King, was natürlich in keiner Rezension unerwähnt bleibt) präsentiert stattdessen echte Dark Fantasy, in der die Instrumente dieses Subgenres virtuos zum Einsatz kommen. Zwar steht tatsächlich eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens - die im Titel genannte Kuratorin -, doch Dora fügt sich harmonisch ein in eine bald kopfstarke Gruppe von Figuren, die eine fesselnde Handlung tragen, ohne Stereotypen zu bleiben.

Eine Welt als (Zerr-) Spiegel

Die ‚parallele‘ Vergangenheit ist ein in der Phantastik seit jeher beliebter Schauplatz. Zwar sind die meisten Leser nicht wirklich (= faktenbezogen) an der Historie interessiert. Doch die Realität von Gestern ist ein Steinbruch, der reiche Schätze in Gestalt faszinierender Orte, Ereignisse und Personen birgt. In der (Unterhaltungs-) Literatur muss die Wahrheit nicht berücksichtigt werden. Man darf und muss mit ihr ‚spielen‘, sie variieren, auf die Spitze treiben, neu vernetzen. Auf diese Weise entsteht eine aufregende Anderswelt, die ihre Anziehungskraft auch aus den Verzerrungen zieht, hinter denen wir Leser die gezausten Tatsächlichkeiten erkennen.

Selbstverständlich sollte die erschaffene Welt eine eigene Konsistenz aufweisen und ohne den Parallelfaktor existieren können. Auch in diesem Punkt weiß Owen zu überzeugen: Sein namenlos bleibender Stadtkoloss an der Schöne ist ein bizarr-faszinierender Mikrokosmos, über den (und über uns) King eine Wundertüte bizarrer Ereignisse ausschüttet.

Schon der diesseitige Alltag der Stadt weiß zu fesseln: Ein Bürgerkrieg ist nur scheinbar vorüber, die vermeintlichen Sieger wollen eine neue, für alle Menschen bessere Welt auf den Trümmern einer korrupten, raffgierigen Monarchie errichten. Dieser Start ist allerdings nicht so einfach, wie es den Idealisten unter den neuen Machthabern vorschwebt. Die aktuellen Krisen lassen sich mit Träumen und Visionen nicht lösen. Schon rühren sich die in Politik und Wirtschaft hartnäckig verwurzelten Ex-Autoritäten wieder, rücken Pseudo-Revolutionäre in die oberen Reihen ein - und das ‚befreite‘ Volk murrt und fordert versprochene Gunstgaben ein, die sich realiter nicht beschaffen lassen.

Auferstanden aus Ruinen ...

Dora ist eine unkonventionelle ‚Heldin‘. Sie sieht in der Revolution die Chance, ihrer Unterschichten-Existenz zu entkommen. Zudem ist Dora als Frau in einer maskulin dominierten Gesellschaft doppelt benachteiligt - und fest entschlossen, sich ihren Platz an der Sonne zu sichern! Also kapert sie quasi ein Museum, was im derzeitigen Machtvakuum möglich ist. Dora hat sich ihren Geliebten durchaus zielorientiert ausgesucht: Robert, ein kleiner Adliger, ist leicht lenkbar und vermochte sich in der neuen Regierung dort verankern, wo er einigen Einfluss in die Waagschale legen kann.

Nichtsdestotrotz ist die Stadt ein Ort im Schwebezustand. Der Feind ist keineswegs so endgültig geschlagen, wie die Revolutionsmacht es den Bürgern vorgaukelt. Die Wirtschaft liegt am Boden, das Ausland wartet ab, wer tatsächlich gewinnen wird, Hunger und Krankheiten breiten sich aus. In einem verlassenen Botschaftsgebäude neben ‚Doras‘ Museum hat sich ein irrer Soldat eingenistet, der Bürger anlockt und dann zu Tode foltert.

Die Lage spitzt sich aus jenseitiger Richtung zu: In dieser Welt gibt es Magie und Hexerei, und die Toten können umgehen. Das berüchtigte Leichenschiff steuert durch unbekannte Sphären, an Bord eine stetig wachsende Besatzung toter Mitbürger, die eigene Pläne verfolgen; ein Handeln, das aufgrund der beschriebenen Tagesprobleme unerkannt bleibt. Die Stadt wird zudem unterwandert von einer uralten Sekte, die auf Kräfte aus einer parallelen Welt zugreifen kann. Die Folgen sind erwartungsgemäß unheimlich und sorgen für eine eigentümliche Wendung der Ereignisse.

Erzählung mit eigenen Regeln

Die Story ‚klebt‘ nicht an den Hauptfiguren, sondern löst sich immer wieder vom Primärstrang der Erzählung, erhebt sich ‚über‘ das Geschehen und stößt auf interessante Punkte hinab, ohne sich um den roten Faden zu kümmern: ein Irrtum, denn, denn King hält die Fäden fest in der Hand! Es gibt diverse Rückblenden, in denen die Zeit vor der Revolution auflebt. Dabei treffen wir auf bekannte Personen, die eigentlich nur eines eint: Sie waren stets Opfer, und das werden sie bleiben. Nie kann eine Revolution ihre hehren Ziele verwirklichen.

Geschickt streut King immer wieder Hinweise auf ein Hintergrundgeschehen ein, das nur scheinbar jenseits der Alltagsrealität abläuft. Katzen gelten als übernatürliche Wesen, ungeachtet einer rigiden Staatsreligion gibt es uralte Kulte, Spuk ist keine Theorie. Im Finale bestimmt die Erkenntnis, dass es nicht nur diese, sondern auch andere, ähnliche Welten gibt, man also in einem Multiversum existiert und es Portale gibt, das Geschehen. Dora stößt zufällig in die groteske „Dämmerlichtwelt“ vor, und umgekehrt geraten Artefakte von ‚unserer‘ Erde in die Vergangenheit.

Bemerkenswert ist Kings Talent, die losen Enden einer komplexen Handlung nach und nach zu verknüpfen. Die daraus resultierenden Erkenntnisse müssen wir Leser uns verdienen und dem Verfasser über zahlreiche Schauplätze, Ereignis- und Zeitebenen folgen. Alles fügt sich, aber nichts folgt ausgetretenen Pfaden. Der Tenor ist trügerisch objektiv, der Bodycount beachtlich, und das Ende ist nur „happy“, wenn man die Vorgeschichte als Maßstab nimmt. „Die Kuratorin“ ist ein gelungenes Werk, ein würdiger - und echter! - Vertreter der „Dark Fantasy“, eine Offenbarung in einem Meer vor- und wiedergekäuter Als-ob-Phantastik, zudem gut übersetzt, fein layoutet und einfallsreich illustriert.

Fazit:

Nicht nur seiten-, sondern auch inhaltsstarke Urban Fantasy. Die Geschichte ist originell und folgt einem eigenen Tonfall. Wiedererkennbar gezeichnete Figuren erleben unkonventionelle Abenteuer an meisterhaft konstruierten = verfremdeten Schauplätzen: nicht nur aufgrund der Tatsache, dass dies kein weiterer „Romantasy“-Klon ist, ein Lektürespektakel!

Die Kuratorin

Owen King, Buchheim Verlag

Die Kuratorin

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