The Will of the Many (Hierarchy, Buch I)
- Adrian & Wimmelbuchverlag
- Erschienen: März 2025
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AUDI. VIDE. TACE.
Ich mache es kurz: James Islington hat mit „The Will of the Many“, erschienen im März 2025, grandios abgeliefert. Dabei muss ich gestehen, ich hatte dieses Buch wahrlich nicht auf dem Radar. Erst als ich im letzten Quartal dieses Jahres durch eine Buchhandlung schlenderte, den Tisch voller „Romantasyfarbschnitte“ eigentlich ignorierend, blieb mein Blick glücklicherweise auf dem schönen Cover dieses Romans hängen, der sich mitten unter den kunterbunten Massen versteckte. Der Klappentext überzeugte, das Buch wurde gekauft und schlussendlich gelesen.
James Islington ist absolutes Neuland für mich. Mal abgesehen von „The Will of the Many“ wurden bislang drei von Islingtons Büchern ins Deutsche übersetzt. Den ersten Band seiner Licanius-Saga habe ich ungelesen im Schrank stehen.
Nach meinem Lesedurchlauf von „The Will of the Many“ war mein Vertrauensvorschuss in den Autor dermaßen hoch, dass ich umgehend auch die anderen beiden Bände der vorgenannten Saga erwerben wollte. Erschreckend musste ich jedoch feststellen, dass diese Romane mittlerweile nicht mehr erhältlich sind. Erschienen sind die Werke in den Jahren 2016–2018. Mitnichten handelt es sich also um alte Schmöker, die langsam vom Buchmarkt entschwinden. Leider ein weiteres Beispiel auf der Liste von Büchern, die nicht mehr vermarktet, nicht weiter übersetzt oder erst gar keine Auflage bei Verlagen erhalten. Mir ist völlig bewusst, die Nachfrage regelt den Markt. Wo kein Käufer, da keine Auflage. Gleichwohl betrübt mich diese Tatsache für alle Fans klassischer Fantasyromane. Umso schöner, dass der Adrian & Wimmelbuchverlag sich Islingtons Neuerscheinung angenommen hat, die Lektüre zeitgemäß mit Farbschnitt ausstattete und ihn auf die Leserschaft losgelassen hat.
Red Rising lässt grüßen
Wer die Bücher des US-amerikanischen Schriftstellers Pierce Brown kennt, wird die signifikanten Ähnlichkeiten zwischen Islingtons Reihenauftakt und den Red-Rising-Romanen erkennen. Beide nehmen sich Strukturen des Römischen Reiches als Vorbild, um ihre Geschichten darin einzubetten. Beide erzählen aus der Ich-Perspektive eine emotionale Rachegeschichte eines Außenseiters, der sich gegen seine Unterdrücker auflehnt. Schlussendlich lassen beide ihre Protagonisten an einer Akademie gegen andere junge Erwachsene antreten, um herauszufinden, wer würdig ist, in die Reihen der Mächtigen aufzusteigen.
Nun das Entscheidende: Sowohl „The Will of the Many“ als auch Red Rising bieten hervorragende Unterhaltung. Dieses Resümee liefert die entscheidende Einordnung im Zusammenhang mit den vorgenannten Vergleichen.
Schlagt mir zehn weitere Bücher mit diesem Szenario um die Ohren – sofern sie spannend skizziert und sprachlich ausgereift daherkommen –, erhalten sie von mir eine herausragende Bewertung. Aufmerksamen Lesern sei nun der Aufschrei erlaubt, ob ich hier nicht mit zweierlei Maß rezensiere, denn habe ich dem Romantasy-Genre nicht immer wieder populistisch vorgeworfen, an seiner Gleichförmigkeit und Vorhersehbarkeit zu ersticken? Touché! Deswegen lautet mein Abschlussplädoyer: Ausgeklügelter Nervenkitzel, gestützt durch vielschichtige und nachvollziehbare Charakterzeichnungen, ergänzt durch ein Fundament aus Ernsthaftigkeit und formvollendeter Inspiration, weist jede Analogie in ihre Schranken zurück.
Außerdem, wer genau hinschaut, erkennt regelmäßig signifikante Unterschiede zwischen gleichgelagerten Werken. Deswegen fahren wir nun damit fort, den Roman auf Herz und Nieren zu testen.
„The Will of the Many“ wird aus der Sicht des 17-jährigen Vis Telimus erzählt. Er lebt zurückgezogen innerhalb der Catenischen Republik, die seine Heimat eroberte und seine Familie, das Königshaus von Suus, zum Tode verurteilte. Als einziger Überlebender ist Vis dazu verdammt, ein Leben unter falschem Namen und falscher Herkunft zu führen.
Die gesellschaftliche Struktur der Catenischen Republik ist pyramidenartig aufgebaut. Das liegt in dem von James Islington erdachten Magiesystem begründet. In diesem Roman können Menschen und Gegenstände durch menschlichen Willen außergewöhnliche Fähigkeiten erlangen. Während die Mächtigen in Caten beispielsweise unermessliche Körperkraft erhalten, können durch mit Willen aufgeladene Holz- und Metallkonstruktionen gewaltige Luftschiffe erschaffen werden.
Je nach Gesellschaftsschicht erhalten die Bürger mehr oder weniger Willen. All die Untertanen mit herkömmlichen Berufen und abseits adliger Abstammung – Überraschung – erhalten keine zusätzlichen Kräfte. Im Gegenteil, sie treten einen Teil ihres eigenen Willens an die nächsthöhere Gesellschaftsschicht ab. Dieses System spitzt sich so weit zu, dass im oberen Teil dieser Gesellschaftspyramide eine Handvoll Sterblicher von mehreren zehntausend Bürgern Willen erhalten.
Vis konnte sich der Abgabe von Willen bislang entziehen. Er schlägt sich mit illegalen Untergrundkämpfen durchs Leben, bis ein mächtiges Senatsmitglied der Republik auf ihn aufmerksam wird und ihn kurzerhand unter seine Fittiche nimmt. Vis soll für ihn an einer berühmten Akademie, an der die Kinder der Mächtigen auf den Staatsdienst vorbereitet werden, spionieren. Als Gegenleistung erhält Vis einen akademischen Abschluss, mit dem er innerhalb der Republik ein unauffälliges Leben führen kann und nicht gezwungen wird, Willen abzugeben.
Sein Ersatzvater – tatsächlich adoptiert das Senatsmitglied den jungen Vis – weiß nichts von dessen Herkunft. Er sieht in ihm nur einen intelligenten und durchsetzungsfähigen Heranwachsenden, den er für seine Vorhaben einspannen kann. Gleichzeitig wird eine aufständische Gruppe, die sich auf die Fahne geschrieben hat, die Catenische Republik zu stürzen, auf Vis aufmerksam. Im Versuch unseren jungen Helden zu rekrutieren appellieren Sie an seinen Hass gegenüber der Republik. Dieser Hass ist in Vis reichlich vorhanden, gleichwohl kann er sich mit dem menschenverachtenden Vorgehen der Rebellen nicht identifizieren. Im Gegensatz zu seinem Adoptivvater wissen die Rebellen jedoch von seiner wahren Herkunft und scheuen nicht davor zurück, den jungen Mann zu erpressen.
So gerät unser Held zwischen die Räder der Rebellion und innerpolitischer Streitigkeiten der Republik und kämpft händeringend darum, beide Seiten vorerst zufriedenzustellen.
Heldenschmiede
Zugegeben, dieser Roman braucht etwas, um in Fahrt zu kommen. Auch das interessante Magiesystem kommt ehrlicherweise nicht wirklich zum Tragen, da sich Vis hauptsächlich an der oben genannten Akademie aufhält und dort der Gebrauch von Willen für die Schülerschaft verboten ist.
Ungeachtet dessen kommt die Handlung mit vielen überraschenden und spannenden Wendungen daher, die die Leserschaft getrost über Vorgenanntes hinwegsehen lässt. Hier ist insbesondere die Ambivalenz unserer Hauptfigur hervorzuheben. Vis befindet sich im ständigen Kampf mit seinen Emotionen. Sein Hass der Catenischen Republik gegenüber schwelt ununterbrochen in seinem Inneren. Liebend gerne würde er die Tyrannei seiner Häscher beenden. Doch Vis weiß seine Situation realistisch einzuschätzen. Ihm fehlen schlicht Mittel und Wege, um seine Abneigung effektiv einzusetzen. Was soll eine einzelne Person schon ausrichten können?
Denn im Gegensatz zu den Aufständischen hält er es für falsch, seinen Groll an der Zivilbevölkerung auszulassen. Da die Bürger der Obrigkeit vermeintlich freiwillig einen Teil ihres Willens abtreten, sind diese aus Sicht der Rebellion ebenso schuldig wie ihre Anführer. Dementsprechend scheuen die Aufständischen nicht davor zurück, wehrlose Frauen und Kinder zu töten. So beginnt Vis‘ Aversion im Laufe der Handlung um eine weitere Facette anzuwachsen, die das Vorgehen der Rebellen miteinschließt.
Ungeachtet dessen gelingt es Vis an der Akademie, gefangen zwischen einem Sturm aus Gefühlen, innige Freundschaften zu schließen, und dass, obwohl die Menschen um ihn herum alles symbolisieren, was er zu verachten gelernt hat. Vis erkennt jedoch, dass sich hinter der Gewitterfront des Catenischen Imperialismus Menschen mit alltäglichen Sorgen und Nöten verbergen, die sich ebenso nach Anerkennung und Freundschaft sehnen wie er. Diese Ambivalenz ist spannend skizziert und hält einen durchweg bei Laune.
Das Leben von Vis an der Akademie ist für erfahrene Fantasyleser strukturell betrachtet nichts bahnbrechend Neues. Natürlich gibt es einen „Draco Malfoy“, der versucht, Vis das Leben schwer zu machen, einen „Professor Snape“, der Vis alles andere als freundlich behandelt, und eine „Ginny Weasley“, die Vis mit ihrem Lächeln verzaubert. Ich könnte diese Liste noch wesentlich länger gestalten, aber ich bin mir sicher, liebe Leser, ihr wisst, worauf ich hinauswill.
Das Ganze ist jedoch so stimmig in das Szenario eingebettet, dass jeder Wettstreit zwischen Vis und seinen Kommilitonen und jede ausgetauschte Zärtlichkeit, ob unter Freunden oder Liebenden, die Lust auf mehr entfacht und die Spannungskurve in ungeahnte Höhen schlagen lässt.
Das Ende des Romans schraubt den Nervenkitzel gekonnt nach oben und schleudert uns Ereignisse entgegen, die unsere Gier und Vorfreude auf den Folgeband zementieren.
Fazit:
Dieser Roman bietet ein breites Spektrum an Fantasyspektakel, dass die Leser frohlocken lässt. James Islington kommt mit einer solch spannungsgeladenen Wucht daher, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt als diesem Roman einen Lorbeerkranz aufzusetzen. Ich schließe diese Buchbesprechung mit Worten: Veni, vidi, vici!

James Islington, Adrian & Wimmelbuchverlag

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