Die Villa der verlorenen Seelen und andere Geschichten

  • Goldmann
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 0
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
60°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJun 2026

Der schmale Grat zwischen Tod und Leben

11 moderne Horrorgeschichten spielen im Reich zwischen Tod und Leben, lassen aber auch ‚realistische‘ Gruselgestalten über ihre Opfer herfallen:

- Einleitung(Introduction), S. 9-12

- Traumziele(End of the Liner), S. 13-72: Eine Tropenkreuzfahrt nimmt nach der Apokalypse kein Ende mehr und verwandelt sich in eine Diktatur des Schreckens.

- Der Block(The Block), S. 73-111: In der aufgegebenen Hochhausruine lauert etwas, das auf seine Gelegenheit zu Ausbruch und Ausbreitung wartet.

- Herzblues(Runaway Blues), S. S. 112-149: Er findet seinen speziellen Weg, die Geliebte daran zu hindern, ihn jemals zu verlassen.

- Vertragsabschluss(The Completion), S. 150-185: Das Ende der Welt beschert dem skrupellosen Emporkömmling die Chance seines Lebens.

- Der Löwe am Tor(The Lion at the Gate), S. 186-207: Was auf besagtes Tor gemalt wurde, entwickelt ein gefährliches Eigenleben.

- Gloria(Gloria), S. 208-231: Ein Kind weckt in der Auftragsmörderin verschüttete Gefühle und gerade noch rechtzeitig ihren Beschützerinstinkt.

- Ich bin nicht Ted(I'm Not Ted), S. 232-245: Er leugnet störrisch, wer er sein soll, weshalb sein ‚Leben‘ immer wieder bei Null beginnt.

- Letzter Gang(Final Course), S. 246-295: Nachdem die Erde von Dunkelheit und Monstern beherrscht wird, muss jeder Mensch sehen, wie er bzw. auf wessen Kosten er über die Runden kommt.

- Der Copyshop(The Copy Shop), S. 296-309: In diesem Laden kann man buchstäblich alles kopieren, was seinen Glanz (oder seinen Liebreiz) verloren hat.

- Die Villa der verlorenen Seelen(Dust), S. 310-330: Für ihre Taten soll sie büßen, aber sie weigert sich hartnäckig, sich der Schuld zu stellen.

- Butterfly Island(Butterfly Island), S. 331-362: Auf dieser Insel soll man den Weltuntergang überleben können, was sich vor Ort als grausamer Irrtum erweist.

- Danksagung, S. 363-365

Nicht so viel wie erhofft in der Tüte

Caroline Jane Tudor (geb. 1972) konnte scheinbar ansatzlos mit ihrem Debütroman „The Chalk Man“ (dt. „Der Kreidemann“) 2018 die Bestsellerlisten stürmen. Tatsächlich hatte sie da schon lange geschrieben; dies aber eher nebenbei. Um den kargen Lohn in diversen, nur im Rückblick exotisch wirkenden Handlangerjobs (u. a. Hundesitterin) aufzubessern, fabrizierte sie jene Kurzgeschichten, die in sog. „Frauenzeitschriften“ freie Seiten zwischen Kochrezepten, Promi-Klatsch und Modetipps füllen. (Eines dieser Werke präsentiert sie uns in dieser Sammlung: „The Copy Shop“ war wohl ein wenig zu schräg für das angepeilte Publikum und wurde abgelehnt.)

Seitdem ist Tudor sehr aktiv, ohne freilich den Erfolg ihres Erstlings wiederholen zu können. Schon für den „Kreidemann“ monierten Kritiker, dass die Autor zwar äußerst wortgewandt ein spannendes Rätsel konstruiert, es ihr aber im Finale entgleitet und eine Auflösung erfährt, die gegenüber der Vorgeschichte abfällt - ein Problem, das wir in mehr als einer ihrer Kurzgeschichten wiederfinden, wo ein ‚überraschender‘ Finalgag die Ereignisse auf eine weitere Ebene des Schreckens heben soll. Ob und wann Tudor dies gelingt, muss das Publikum entscheiden, das aber die Meinung dieses Rezensenten teilen dürfte: Das Pulver will nicht recht zünden.

Formal leistet Tudor gute Arbeit. Sie weiß, wie eine Story aufgebaut wird, sorgt für einen Hintergrund, in den sich die Geschehnisse einpassen. Gleich viermal haben nicht näher definierte Katastrophen der Zivilisation ein Ende bereitet („Traumziele“, „Vertragsabschluss“, „Letzter Gang“, „Butterfly Island“). In einem ihrer ausführlichen Kommentare, mit denen sie jede Erzählung einleitet, moniert Tudor die Stereotypen, die den Weltuntergang in Literatur, Film und Fernsehen begleiten. Deshalb lässt sie weder schießgeile Prepper noch anderes, abrupt verwildertes Lumpenpack mit Zombies und Mutanten raufen, sondern sorgt für ein langes, am status quo schmerzhaft festhaltendes Ausklingen des Lebens, wie wir es kennen (und trotz aller Klagen mehrheitlich schätzen).

Der überraschende/grauenvolle Moment der Erkenntnis

Die gewollte Zuspitzung auf den Final-Effekt funktioniert auch deshalb nur bedingt, weil Tudor die jeweilige Katze zu früh aus dem Sack lässt: Worauf die Story hinauslaufen wird, kann man entweder relativ einfach erraten oder - und das ist bitter - verpufft. „Der Copyshop“ könnte auch in einem Pulp-Magazin der 1930er Jahre erschienen sein (und ist es auch, u. a. als „The Fourth-Dimensional Demonstrator“, dt. „Der Duplikator“, 1935 verfasst von Murray Leinster), und „Die Villa der verlorenen Seelen“ schleppt sich quälend über die Runden - wozu die aufgesetzte Melodramatik der Protagonistin ihren Teil beiträgt -, bis endlich jemand sich erbarmt und uns darüber in Kenntnis setzt, was wir längst wussten.

Enttäuschend jäh und simpel klingen Storys wie „Der Block“, „Ich bin nicht Ted“ und vor allem „Butterfly Island“ aus. Dies stört vor allem, weil der sorgfältige Aufbau der Geschichte eine Erwartungshaltung geschürt hat, die nicht im Ansatz erfüllt wird. Besser funktionieren deshalb Handlungen, die eine zweite Final-Überraschung aufweisen und der tranigen Vorgeschichte eine unerwartete Wende und somit einen Mehrwert bescheren („Herzblues“, „Vertragsabschluss“, „Der Löwe am Tor“, „Letzter Gang“).

Erst recht planlos liest sich „Gloria“. Tudor schlachtet hier ein schon geschriebenes, aber misslungenes und nie veröffentlichtes Buch aus, lässt zwei bereits bekannte Figuren aus früheren Romanen aufeinandertreffen und verleimt die Übergänge, indem sie dem Stückwerk einen moralisierend-gefühlsduseligen Scheinplot überstülpt. Das ergibt nichts Halbes und nichts Ganzes, weshalb die Autorin in der Einleitung überlegt, den Plot noch einmal aufzugreifen und in eine Novelle zu verwandeln (= für eine echte Geschichte zu sorgen).

Im Grunde trifft es die Richtigen

Ein elementares Manko ist Tudors Schwierigkeit, glaubhafte Charaktere ins literarische Leben zu rufen. Opfer, Täter, Nebenfiguren: Sie alle sind uns herzlos gleichgültig, da sie schon leblos wirken, bevor sie der Schrecken in seine Klauen bekommt. Tudor bemüht sich, ihren Figuren tragische Biografien zu schneidern, um die Ungerechtigkeit dessen zu unterstreichen, was sie trotzdem erleiden müssen. Doch es lässt uns kalt, dass beispielsweise ein Unterschichten-Kid nicht nur vom Übernatürlichen, sondern auch von seiner geisteskranken Mutter gejagt wird („Der Löwe auf der Mauer“).

Tudor vergleicht sich vorsichtig, aber gern mit Stephen King. Stattdessen ist sie höchstens James Herbert. King hätte eine Geschichte wie „Letzter Gang“ sicherlich nicht mit ‚Freunden‘ bevölkert, die sich offensichtlich misstrauen und hassen sowie uns Lesern einschließlich des armen, blinden, kleinen Mädchens absolut unsympathisch sind. Damit entfällt jenes Element, das King so großartig beherrscht: Seine Figuren lieben oder hassen wir, selbst wenn wir merken, dass er uns manipuliert.

So hinterlässt die Lektüre von „Villa der verlorenen Seelen“ einen zwiespältigen Eindruck. Immer wieder startet man mit Vorfreude in eine neue Story, um doch unzufrieden zu enden. Nur selten stellen sich jene Emotionen ein, die Tudor so nachdrücklich wecken will. Diese Geschichten sind gut geschrieben, aber inhaltlich altbacken.

Fazit:

In elf Erzählungen spielt die Autorin mit klassischen bzw. bewährten (und allzu oft ausgelaugten) Horror-Plots, die sie zwar formal elegant, aber inhaltlich träge vorantreibt und in einem recht selten zündenden Final-Schock gipfeln lässt: gelesen, für bedingt unterhaltsam befunden, vergessen.

Die Villa der verlorenen Seelen und andere Geschichten

C. J. Tudor, Goldmann

Die Villa der verlorenen Seelen und andere Geschichten

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Die Villa der verlorenen Seelen und andere Geschichten«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery