Navola - Das Erwachen des Drachen
- Fischer
- Erschienen: September 2025
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Un romanzo di intrighi
Nachdem ich den neuen besten Freund des Menschen, die KI, gebeten habe, mir den Titel dieser Buchbesprechung (Ein Roman der Intrigen) ins Italienische zu übersetzen, ist der Einstieg in die inhaltliche Auseinandersetzung mit „Navola“ bestens vorbereitet. Beworben wird der Schmöker unter anderem als Fest für alle Leser George R. R. Martins. Warum ich dem grundsätzlich zustimmen würde und warum Cersei Lannister sich in Navola wohler fühlen würde als in den Armen ihres Bruders, erfahrt ihr mit etwas Geduld beim Lesen der folgenden Analyse.
di Regulai
Navola ist ein Stadtstaat, der in seiner Gestaltung und Bevölkerung stark an eine italienische Stadt der Renaissance erinnert. Diese Inszenierung gelingt dem Autor Paolo Bacigalupi hervorragend. Die Seiten des Romans sprühen nur so vor italienisch angehauchten Sprichwörtern oder Flüchen. Was insbesondere zu Anfang den Lesefluss noch etwas erzittern lässt, gestaltet sich mit der Zeit zu einem wahren Fest der Immersion.
Bacigalupi beschenkt seine Leserschaft jedoch nicht nur mit einem fiktiven Florenz, er zaubert gleich einen ganzen Kontinent mit verschiedenen Kulturen und Machenschaften aus dem Hut, sodass sein Roman mit genug Tiefgang durch die phantastischen Gefilde gesegelt kommt, damit wir es uns in seinem Kielwasser gemütlich machen können.
Erzählt wird der Roman aus Sicht des jungen Davico di Regulai. Er ist der Erbe einer mächtigen Bankiersfamilie, die mit ihrem Geld und Einfluss nicht nur in Navola die Ereignisse lenkt, sondern ihren langen Arm des Geldes auf den gesamten Kontinent ausstreckt.
Wir lernen Davico als Bambino kennen, der bereits in frühen Kindheitstagen lernt, in die Welt der Macht und Intrigen einzutauchen. Davico erhält die besten Lehrer, um im jungen Erwachsenenalter offiziell als Erbe seines gefürchteten Vaters hervorzutreten. Di Regulai Senior ist mitnichten so ein blutrünstiger Intrigant wie Cersei Lannister, mit ihrer Hinterlist kann er es gleichwohl mit Leichtigkeit aufnehmen. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass sein Sohn zwar ein pfiffiges Kerlchen ist und seine Lehrer durchaus zufriedenstellt, jedoch als Erbe des Hauses di Regulai völlig fehl am Platze erscheint. Der Junge ist schlicht zu ehrlich und wohlwollend. Er verachtet die Lüge und fühlt sich vielmehr der Natur und ihrer Geradlinigkeit verbunden als den hinterlistigen Machenschaften der Navoleser Elite.
Als Leser und Leserin des Romans dürfen wir Davicos Entwicklung hautnah miterleben. Vom aufregenden ersten Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht bis hin zu harten Verhandlungen mit Staatsoberhäuptern – uns entgeht nichts. So kann die Leserschaft nachempfinden, warum es unserem Protagonisten schwerfällt, sich seinem Erbe zu stellen.
Im Gegensatz zu seinem Vater weiß Davico genau, dass er für das Leben als Familienpatron nicht geeignet ist.
Von väterlicher Liebe geblendet, läuft di Regulai Senior in sein Verderben, denn neben seinem Sohn haben auch seine zahlreichen Feinde längst erkannt, was er nicht wahrhaben will: Davico ist der Untergang der Institution di Regulai.
Das Feuer der Leidenschaft
Hat man diesen Roman erst einmal zur Hand genommen, wird schnell deutlich, dass einem hier wohl kein Feuerwerk an Ereignissen entgegenbrandet. Der Autor nimmt sich ausführlich Zeit, seine Hauptfigur in die verworrenen Intrigen und Konflikte Navolas einzubetten. Die Stärke des Romans liegt hierbei vielmehr in seiner Liebe zum Detail und in interessant geschriebenen Dialogen. Größere Spannungsmomente erwarten uns tatsächlich erst im letzten Drittel des Buches. Bis dahin flaniert der Leser durch die Seiten des Romans und verfolgt mit einer Prise Leichtigkeit die Entwicklung des jungen Davico. Die Anziehungskraft des Buches ist über weite Teile des Romans ein heikles Thema. Wie bereits skizziert, gelingt es dem Autor auf der einen Seite, die Entwicklung von de Regulai junior auch ohne größere Spannungsmomente interessant zu halten. Davicos Unterricht, seine Gespräche mit Freunden und seine Interaktionen mit seiner Schwester, die in jungen Jahren als Geisel einer befeindeten Familie zu den de Regulais stieß und seitdem als Familienmitglied aufgezogen wird, sind humorvoll und aufreizend präsentiert. Auf der anderen Seite stellt sich immer mehr die Frage, wo die Reise nun hinführen soll. Was hat es mit dem Drachen auf sich, der erwachen soll (Anspielung auf den Titel des Buches), und wann erwarten uns endlich spannende Wendungen und ein Hauch von Nervenkitzel? Mit diesen Fragen lässt uns der Autor lange grübelnd zurück, bis eine Vielzahl dunkler Geheimnisse das Licht der Bühne trübt und dem Roten Faden der Geschichte eine solide Spannung verleiht.
Von jetzt auf gleich verändert sich die Dramatik des Romans. Von liebevollem dahinplätschernde wechselt der Kurs zu herzzerreißenden Verheißungen. Das liegt nicht daran, dass die Drachenthematik exorbitant in den Fokus rückt, dieser Aspekt der Geschichte ist eher ein Randthema, gleichwohl er für das Überleben Davicos von immenser Bedeutung ist. Auch die zunehmende Spannung sorgt nicht dafür, dass dieser Roman von nun an eine gänzlich andere Anziehungskraft versprüht. Es ist die Hilflosigkeit der Hauptfigur, die, gefangen in einem Netz der Intrigen, die Leserschaft mit aufgerissenen Augen an die Seiten fesselt. Unerwartet werden Ereignisse in Gang gesetzt, die Cersei Lannister frohlocken lassen und stark an die Rote Hochzeit aus Game of Thrones erinnern.
Dem Autor gelingt es hervorragend, die Hilflosigkeit seiner Hauptfigur auf die Lesenden zu projizieren, sodass man an mancher Stelle aus reiner Verzweiflung das Buch in der Luft zerreißen will.
Mit diesem Finale glättet Paolo Bacigalupi die Wogen und entfacht in uns ein Feuer der Leidenschaft, wie einst George R. R. Martin durch sein Feindbild der Lannisters.
Fazit:
Dieser Roman ist eine gelungene Abwechslung zu dem übermächtigen Einheitsbrei der romantischen Fantasy, die den Buchmarkt mit ihrer schieren Masse fest im Griff hat. „Navola“ bietet wie einst die Bücher über Westeros ein großartiges Netz aus Intrigen, eingebettet in ein Szenario, das mehr aus Handel und Bankgeschäften besteht als aus Schlachten und Drachenfeuer. Das Ende des Romans schürt eine tiefe Vorfreude auf einen Folgenband, der das Potenzial hat, eine grandiose Rachegeschichte zu werden.
Dieses Buch zahlt seinen Lesern genug Zinsen in Form von Lesevergnügen zurück, dass sich die Investition der Anschaffung mit Sicherheit lohnt.

Paolo Bacigalupi, Fischer

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