Pagans - Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte Götter
- Lübbe
- Erschienen: August 2025
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Von Göttern, Menschen und Mördern
Ein England, dem, das wir kennen, nicht so unähnlich, und doch vollkommen verschieden: In einer Welt, in welcher es die industrielle Revolution, wie wir sie kennen, nicht gegeben hat, sind Panafrika und das Südeuropäische Kalifat die größten Weltmächte. Was wir Großbritannien nennen, ist dort ein geteiltes Land im Aufruhr: Während der größte Teil des Ostens in angelsächsischer Hand ist, leben im Norden, abgetrennt durch einen Großen Wall, die Norsen. Der Westen wird von zahlreichen keltischen Stämmen beherrscht. Die unzähligen Götter, kulturellen Gebräuche und Riten schaffen zahlreiche gesellschaftliche Konflikte. Regelmäßig stehen Bemühungen im Raum, das Land zu einen, und regelmäßig scheitern diese glorreich.
Der diesjährige Einigungsgipfel steht kurz bevor. Doch diesmal ist alles anders: Der hochrangige keltische Diplomat Gorsedd Angwin wird ermordet aufgefunden. Die angelsächsische Polizistin Aedith aus dem einflussreichen Clan der Mercia beginnt, zu ermitteln. Unterstützung wider Willen erhält sie vom keltischen Kriminalinspektor Drustan, der aufgrund der Abstammung des Opfers zu dem Fall hinzugezogen wird. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten folgen die beiden den ersten Spuren, von denen eine nach der anderen jedoch nur neue Fragen aufwirft: Wollte jemand einen Sprengstoffanschlag auf den Einigungsgipfel verüben? Welche politischen Kräfte sind an der Sache beteiligt, wer profitiert wovon, wer will sich die Hände (nicht) schmutzig machen? Und was hat der an Zulauf gewinnende Fischer-Kult, der eine unbekannte, an ein Stück Holz genagelte Gottheit anbetet, mit allem zu tun? Schnell werden Aediths und Drustans Team verstrickt in ein Komplott, das weitere Kreise zieht, als sie je ahnen konnten …
‚Ich weiß, dass jeder in diesem Raum denkt, unser Land sei am Arsch der Welt und von heulenden, betrunkenen Wilden bevölkert, aber wir haben so etwas wie eine Rechtsordnung‘
James Alistair Henry blickt auf eine illustre Karriere als Buchhändler, Redakteur und Drehbuchautor (z.B. für Smack the Pony und Shaun das Schaf) zurück. Mit Pagans – nun auch auf Deutsch bei Lübbe erschienen – legt er einen ungewöhnlichen Debutroman vor. Beim Kreieren seiner Alternativwelt ist es ihm sicher zugutegekommen, dass es sich bei seiner Ehefrau um eine Mediävistin handelt.
‚Es gibt viele Götter, aber über allen steht Wyrd, die von den Menschen das Schicksal genannt wird. Und hin und wieder bekommt man die Gelegenheit, das Schicksal zu seiner Nutte zu machen‘
Drohnen, Internet, Mobiltelefone – auf den ersten Blick scheint sich diese Welt, wie sie in Pagans entworfen wird, nicht so sehr von unserer zu unterscheiden. Doch spielt die Handlung in einem England, in dem nach wie vor uralte Gepflogenheiten wie Blutfehden sowie urtümliche Gottheiten Bestand haben. Die Menschen sind stolz auf ihre Clan- oder Stammesherkunft, Tätowierungen über wichtige persönliche Lebensmeilensteine sind die Norm, und ab und an werden auch mal die Runen gelesen. Dafür gibt es scheinbar unüberbrückbare sozioökonomische Zwistigkeiten zwischen Norsen, Angelsachsen und Kelten. Ein Land, das trotz aller Versöhnungsbestrebungen nur immer weiter und weiter im Inneren auseinander driftet – das alles wiederum scheint von unserer gegenwärtigen globalen Lage doch gar nicht so weit entfernt. Diese Konflikte spiegeln sich auf der Mikroebene, wenn sich die angelsächsische Aedtih und der keltische Drustan zusammenraufen und ergänzen lernen müssen, um ihren brisanten Fall zu lösen.
‚Was auch immer geschieht, wir stehen am Ende mit weniger Spaten da, um mehr Scheiße zu schaufeln‘
Zugegeben, es dauert eine ganze Weile, bis man sich in der Welt von Pagans zurechtfindet – und in etwa ebenso lange, bis man in den wilden Mix aus Fantasy, History und Crime wirklich hineingezogen wird. Die Story ist eher dünn und nimmt erst spät Fahrt auf, und aufgrund des stellenweise etwas fahrigen Stils bleiben die Charaktere zunächst eher flach und platt. Dennoch entfaltet das Buch einen gewissen Sog, und irgendwann kann man sich der Faszination über dieses alternativhistorische England plötzlich nicht mehr erwehren. Insbesondere ist der auflockernde, sardonische Humor erfrischend und wird zu dem Kitt, der die ganzen unterschiedlichen Genreelemente zusammenhält. Das volle Potenzial der Idee und des Plots werden in diesem Buch nicht ausgeschöpft. Aber ein ziemlich großer Sequel Hook am Ende lässt vermuten, dass James Alistair Henry die Welt von Pagans vielleicht noch weiter erkunden will.
Fazit:
Ein kurzweiliger Mix aus Krimi, Geschichte und Fantasyelementen, der zwar nicht auf ganzer Linie ein Volltreffer, aber durch seine originellen Ideen und teils witzigen Dialoge zumindest äußerst unterhaltsam ist. Das was an Pagans funktioniert, macht es zu einem vielversprechenden Debut mit Luft nach oben.

James Alistair Henry, Lübbe

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