Das Große Wenn - Long London 1

  • Carcosa
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 0
Das Große Wenn - Long London 1
Das Große Wenn - Long London 1
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Marcel Scharrenbroich
95°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2026

Dennis im Wunderland

Die Stadt hinter der Stadt

Der achtzehnjährige Waisenjunge Dennis Knuckleyard (ein Name, bei dem selbst ein Guybrush Threepwood vor Neid erblassen würde) lebt und arbeitet unter dem schiefen Dach der kettenrauchenden, fluchenden und auch sonst nicht sehr geselligen Ada Benson, genannt Coffin Ada… weil viele, die sie kennen, sie wohl schon mit einem Bein im Grab sehen. In ihrem heruntergekommenen Antiquariat (welches jenes von Herrn Wilsberg wie die mondäne Admonter Klosterbibliothek erscheinen lassen würde) ist Knuckleyard Mädchen für Alles, Putz-Fee, Prügelknabe und Kurier. Heute, an einem trüben Oktobertag im Shoreditch des Jahres 1949, welches noch immer unter den Nachwehen des Krieges leidet, hat Coffin Ada ihn für Letzteres eingeplant. Er soll rübergehen zu „Harrison’s Books“, einer weiteren abgetakelten Buchhandlung in der Gegend, wo der Besitzer einige alte Schmöker für kleines Geld loswerden will. Es soll sich bei dem Konvolut um Bücher des walisischen Phantastik-Schriftstellers Arthur Machen handeln, der erst zwei Jahre zuvor das Zeitliche segnete. Coffin Ada wittert ein Schnäppchen, denn die Ausgaben sollen signiert sein. Also macht sich der junge Knuckleyard unbedarft auf den Weg… und schlittert ungewollt in die größte Scheiße seines noch jungen Lebens.

Bei Flabby Harrison angekommen, gleicht dieser mit Knuckleyard die Liste von Coffin Ada ab. Dabei fällt dem Burschen ein Buch in die Hand, welches seine Chefin nicht aufgelistet hatte: „A London Walk: Meditations in the Streets of Metropolis“. Nicht aus der Feder von Arthur Machen, sondern geschrieben von einem Reverend Thomas Hampole. Angeblich im Jahr 1853. Hmmm… interessant. Jedenfalls führt der Anblick des Buches bei Harrison dazu, dass dieser das Konvolut fast verschenkt und es plötzlich sehr eilig hat, dass Knuckleyard aus seinen vier Wänden verschwindet.

Gerade noch freudig erregt, den vermeintlichen Schnapper des Jahres gemacht zu haben, fährt die hustende Coffin Ada fast aus der aschfahlen Haut, als sie am nächsten Morgen sieht, was der unfähige Bengel da angeschleppt hat. Bei dem Buch handelt es sich um eines, das überhaupt nicht existieren dürfte! Ein erfundenes Werk, welches von Arthur Machen lediglich in seinen Geschichten eingearbeitet wurde. Nie geschrieben, nie veröffentlicht, rein fiktiv! Knuckleyard befürchtet erst, dass seine Chefin sich jetzt auch noch den letzten Rest ihres Verstandes rausgehustet hat, doch Coffin Ada erklärt ihm, dass jenes besagte Buch aus einem „anderen London“ stammen würde. Ein London, das für den Großteil der Bevölkerung verborgen bleibt. Ferner erläutert sie, dass die Scheiße so richtig, richtig unschön wird, sollte er das Buch nicht dorthin zurückbringen, wo er es herbekommen hat. Es reicht aber nicht, es Harrison unter die Tür zu schieben, nein. Der Dreckskerl, der sich laut Ada wohl den Arsch abfreut, es endlich losgeworden zu sein, muss es aus freien Stücken zurücknehmen. Und das… wird schwierig.

Kaum wieder bei „Harrison’s Books“ angekommen, rollen sie den guten Flabby auch schon raus. Tot. Vermutlich abgemurkst, wenn man nach der Anzahl der Uniformierten vor Ort geht. Jetzt wird es Knuckleyard so richtig flau im Magen, denn scheinbar gibt es noch weitere Akteure, die von der Existenz des Buches, das es nicht geben dürfte, wissen. Und so beginnt ein phantastisches Abenteuer, welches die Grenzen der uns bekannten Realität weit überschreitet, denn „das Große Wenn“ saugt Dennis Knuckleyard in eine Parallel-Welt, die alles Rationale in den Schatten stellt.

Gimme Mo(o)re

Den Autor dieses Werkes, Alan Moore, kennen viele womöglich aus der Welt der Comics. Dort ist der Brite eine wahre Legende und schuf Meisterwerke wie „Watchmen“, „V wie Vendetta“, „From Hell“ und „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. Allesamt verfilmt, doch von Moore selbst äußerst zähneknirschend betrachtet, ließen viele Adaptionen doch den Subtext seiner Vorlagen vermissen. Weitere Must-Reads für Comic-Freunde sind Moores DC-Arbeiten an „Swamp Thing“, über den von ihm erdachten „Hellblazer“ John Constantine und „The Killing Joke“, eine der besten Batman-Stories überhaupt. Damit steht Moore auf einer Stufe mit seinem amerikanischen Kollegen Frank Miller, der 1986 mit „The Dark Knight Returns“ den Superhelden einen düster-realistischen Anstrich verpasste und damit eine Renaissance einläutete. Ziemlich zeitgleich erblickten Moores „Watchmen“ das Licht der Welt. Ein weiterer Meilenstein und zugleich Abgesang auf gealterte Heldenfiguren. Nicht umsonst wird 1986 das Jahr genannt, in dem „Comics erwachsen wurden“. Und Moore und Miller sind die Pioniere dieser Epoche.

Dass Alan Moore, Jahrgang 1953, auch außerhalb der Comic-Landschaft beeindruckend Wuchtiges auf die ansonsten weißen Seiten bringt, hat er mit seinem Epos „Jerusalem“ (ebenfalls bei CARCOSA erschienen) bewiesen. Nun hat er mit dem Start seiner „Long London“-Reihe ein historisch-phantastisches Abenteuer auf den Weg gebracht, dem man sich - sobald man sich an die verschlungen-verschachtelte Blumigkeit seiner ganz eigenen Sprache gewöhnt hat - nur schwer wieder abwenden kann. Trotz der rauen Nachkriegszeit, die noch immer spürbar präsent im London der ausgehenden 1940er-Jahre ist, hat Moore eine grandiose Liebeserklärung an die britische Metropole gezaubert. Mit lebendigen, authentischen Charakteren, denen das harte Leben ins Gesicht geschrieben steht. Mit lebendiger Frische, die der Handlung reichlich Luft gibt, ohne langweilig zu werden. Bildlich beschrieben, wenn Knuckleyard lediglich mit offenen Augen durch die Straßen und Gassen schlendert. Und mit der nötigen Portion Wahnsinn, wenn die Parallelwelt in einer LSD-artigen Wucht über den Leser hereinbricht und Moore mit merklicher Freude an der Sache Skurrilitäten am Fließband aus den Ärmeln schüttelt. Selbst die leisen, intimen Momente haben ihren Reiz, weil einem die Figuren eben nicht egal sind. Hier beweist Moore ein sehr feines Händchen, lässt aber auch immer wieder einen herrlich britischen Humor einfließen.

Fazit:

Ein Buch, das man erst finden muss, über ein Buch, das nicht existieren dürfte. Den CARCOSA-Katalog sollte man als Freund oder Freundin phantastischer Literatur unbedingt im Auge behalten. Alan Moores „Long London“-Auftakt, der mit „Ich höre eine neue Welt“ ab Oktober 2026 in die zweite Runde geht, ist eine uneingeschränkte Empfehlung. Spannend, warmherzig, abenteuerlich, bizarr und vor allem sprachlich (in der starken deutschen Übersetzung von Hannes Riffel) herausragend. Dem „Großen Wenn“ folgt kein kleines „Aber“.

Das Große Wenn - Long London 1

Alan Moore, Carcosa

Das Große Wenn - Long London 1

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