Katabasis

  • Eichborn
  • Erschienen: August 2025
  • 1
Katabasis
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Phantastik-Couch Rezension vonSep 2025

Alter, die Hölle ist ein Campus.

Die Katabasis, der Abstieg des lebenden Helden in die Unterwelt als Teil seiner Heldenreise, beruht stets auf einer wichtigen Motivation: Orpheus will Eurydike zurückholen, Odysseus und Aeneas suchen Rat bei verstorbenen Vertrauten. In R. F. Kuangs lang erwartetem Roman ist die Motivation der Protagonisten Alice und Peter zunächst rein akademischer Natur – sie wollen ihren verstorbenen Professor aus der Hölle zurückholen, damit sie planmäßig ihren Abschluss in Analytischer Magie erreichen können. Während ihrer Höllenfahrt entdecken sie nicht nur die verschiedenen Konzepte der Unterwelt und testen die Grenzen ihres Wissens und Könnens, sondern müssen sich auch fragen, ob ein Doktortitel das alles eigentlich wert ist.

Die Leseliste wächst mal wieder

Das Konzept von Kuangs Hölle ist so einfach wie genial: die Unterwelt erscheint als Spiegel des Besuchers, für Alice und Peter entsprechend als Campus mit größtenteils akademischen Seelen, die ihre jeweiligen Sünden verbüßen und verarbeiten;  Studierende und Absolvent*innen finden sich hier definitiv wieder. Die Hölle ist zudem zeitlos und international zugleich: statt den bekannten zehn Kreisen nach Dante wandern die Protagonisten durch die acht Höfe der Hölle, die aus der chinesischen Mythologie bekannt sind, und auch andere Konzepte aus verschiedenen Zeiten und Kulturen sind gleichzeitig wahr. Zusammen mit den ganzen Verweisen auf Rätsel und Paradoxa, die die Grundlage für die Magie in Katabasis bilden, füllt sich dann auch die Leseliste wieder. Dazu tragen auch einige Zitate bei, die Kuang in den Text eingestreut hat, darunter die Dracula-Verfilmung von 1992 und natürlich Tolkien – auch Freunde klassischer Abenteuer- und Horrorliteratur haben sicherlich Freude am Text.

Allerdings ist das auch die Kehrseite der Medaille: Während die mannigfaltigen Hintergrundinformationen, die Kuang in Babel untergebracht hat, sehr ausufernd kontextualisiert wurden, bietet Katabasis in dieser Hinsicht gleichzeitig zu viel und zu wenig. Viele Ideen werden nur in den Raum geworfen, viele Namen nur genannt, andererseits erklären die Charaktere sich gegenseitig ihnen offensichtlich bereits bekannte Konzepte zum vermeintlichen Wohl des Lesers. Zurück bleibt ein unbefriedigendes Gefühl des Nicht-Verstehens.

Die Hölle, das ist Trivialität

Auch andere Punkte schränken die Lesefreude an Katabasis leider etwas ein. So verhindert die Textstruktur mit ihren leicht ungeordneten Rückblenden aus mehreren Perspektiven ein ordentliches Tempo, das bereits an der Geschwindigkeit der Protagonisten krankt; mit der wechselnden Motivation von Alice und Peter, ihren Professor zu finden, sinkt auch ihr Fortschritt durch die Höfe der Hölle. Diese werden zudem zunehmend profilloser – während die ersten Stationen noch sehr inspiriert und individuell sind, zeigen sich die weiteren „Sünden“ als übergangslose Wüste mit wenigen definierenden Eigenschaften. Da diese aber auch nur der Reihe nach abgearbeitet werden, mit zunächst minimalen Risiken und mehr oder weniger interessanten Ablenkungen, wäre eine stärkere Ausarbeitung dieser Kulisse auch Verschwendung gewesen. Die überraschende Brutalität einzelner Szenen reißt einen dann auch nur kurz aus der Abstumpfung gegenüber den Ereignissen. Die Hölle, das ist Trivialität.

Trivial ist tatsächlich auch die Beziehung der Protagonisten zueinander, die beim Lesen immer wieder neu eingeordnet werden muss. Wie gut Alice und Peter sich tatsächlich kennen, wie sie zueinander stehen, was sie füreinander empfinden – auch am Ende des Romans bleibt hier einiges unklar, wohl auch den Figuren selbst. „Rivals/enemies to lovers“ funktioniert als trope in vielen Büchern gut, Katabasis gehört allerdings nicht dazu.

Auch insgesamt ist Alice eine schwierige Figur. Nach Yellowface hätten viele Kuang-Leser*innen sich wohl eine etwas sympathischere Protagonistin gewünscht; erhalten haben sie stattdessen ein pick-me-girl, dessen einziges Lebensziel akademischer Erfolg ist und das dafür jeden Schaden in Kauf nimmt, zugegeben auch bei sich selbst. Alices ehrliche Motivation, ihren Professor aus der Hölle zu holen, ist zwar interessant, aber noch weniger nachvollziehbar als der ursprüngliche Wunsch, bloß sein Empfehlungsschreiben zum Abschluss nicht zu verlieren. In Leigh Bardugos Wer die Hölle kennt, das ebenfalls von der Suche nach dem Mentor in der Unterwelt erzählt, wird vorher eine glaubhafte Grundlage gelegt – Loyalität, Trauma, Freundschaft und Liebe. Alice nimmt man davon wenig ab, außer ihren unbedingten Willen nach dem Doktortitel.

Fazit:

Kuang schreibt exzellent – das gilt für Katabasis wie für ihre bisherigen Bücher. Die teils sehr umgangssprachlichen Ausdrücke, die die deutsche Übersetzung dem akademischen Milieu des Buchs unterschiebt, sollen einen von der reinen Freude am Lesen nicht abhalten. Die Wanderung durch die Geschichte der Höllenvorstellungen der Welt ist interessant und inspirierend zugleich, man möchte gleich in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln versinken. Allerdings reichen weder sprachliche und akademische Exzellenz, um die holprige Handlung und die sperrigen Figuren über das Buch hinaus mitzutragen.

Katabasis

Rebecca F. Kuang, Eichborn

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