Das Schweigen der Toten
- Festa
- Erschienen: Mai 2025
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Spuk im Haus der wirren Geister
1919 hat der „Große Krieg“ nach vier Jahren endlich sein Ende gefunden. Die Folgen wiegen schwer. Unzählige junge Engländer sind gefallen oder wurden schwer verletzt, sind entstellt oder geistig zerrüttet. Solche „Schwächlinge“ entsprechen nicht dem Bild vom wackeren angelsächsischen Helden. Wer betroffen ist, findet sich oft in einem Irrenhaus wieder, wo er von der peinlich berührten Familie vor der Welt verborgen wird.
Portis House, ein in Küstennähe einsam gelegenes Landhaus, wurde in ein ‚Sanatorium‘ umgewandelt, nachdem die Familie des Bauherrn ihr Anwesen unter sorgfältig vertuschten Umständen ‚verlassen‘ hatte. An Kriegsneurosen erkrankte Männer mit Geld werden hier ‚betreut‘, wobei sie die Einrichtung nur selten wieder verlassen. Portis House ist kein glücklicher Ort, die Fluktuation unter den Bediensteten hoch. Zu allem Überfluss wird die Einrichtung von Geistern heimgesucht. Dies soll natürlich niemand wissen.
In dieses Haus kann sich Katharine „Kitty“ Weekes einschleichen, die ihre Ausbildung als Krankenschwester durch gefälschte Papiere ‚nachgewiesen‘ hat. Die strenge Oberschwester weiß Bescheid, nutzt aber ihr Wissen, um Kitty unter Druck zu setzen: Portis House soll unter allen Umständen ‚funktionieren‘.
Kitty lebt sich mühsam ein, mag sich aber mit der Unterdrückung der Insassen sowie mit dem Spuk nicht abfinden. Ungeachtet der Drohungen, die seitens der Oberschwester ausgestoßen werden, versucht sie das Rätsel von Portis House zu lüften - ein Unternehmen, das ihre (Lebens-) Kräfte bald zu übersteigen droht ...
Hotspot des Schreckens
Das heimgesuchte Haus ist ein zentrales Thema der Phantastik. Selten ist der Horror dem Menschen näher als in seinem eigenen Heim. Hier will er sich entspannen. Stattdessen peinigen ihn unheimliche Phantome mit eigenen Problemen. In der Regel sind sie aufgrund eines Grauens, das sie in Geister verwandelt hat, verständlicherweise unglücklich, rücksichtslos und rachedurstig. Eine Verständigung ist schwierig oder gänzlich unmöglich, und man ist ihnen, die auf buchstäblich übernatürliche Tricks zurückgreifen können, unterlegen.
Der einzige Schlüssel zur Klärung der verfahrenen Situation führt in der „ghost story“ zu einem Hintertürchen. Es öffnet sich zu jenem Ereignis, das den Spuk einst auslöste. Nun gilt es schwierige und meist mit Lebensgefahr verbundene Bedingungen oder Aufgaben zu erfüllen, um entweder den bösen Geist zu vertreiben oder dem in einem Zwischenreich gestrandeten Pechvogel den Weg zum Licht = ins eigentliche Jenseits zu bahnen.
Die Einhaltung dieser und einiger weiterer Ereignisregeln sind für das Genre wichtig, Abweichungen riskant, denn das Publikum ist kritisch: Wer für frischen Wind im Hausspuk sorgen will, sollte sicher sein, dass diese Brise für Auftrieb sorgt! So ist es kein Wunder, dass (moderne) Geistergeschichten nicht nur, aber allzu oft eintönig sind. Das Spukhaus wechselt, aber im Inneren wird gestöhnt und gehuscht, Blut u. a. ekelhafte Substanzen entweichen Wänden oder Wasserhähnen, und schließlich enthüllen sich mehr oder grässlich entstellte Phantome, um die entsetzten Hausbewohner direkt anzugehen.
Kleine Frau vor großer Herausforderung
„Geist“ und „Gaslicht“: Die Spukstory kreuzt gern den Schrecken mit der Liebe. Zwar gilt es heutzutage klarzustellen, dass Heldinnen aus der Vergangenheit - Hausspuk betrifft vor allem Frauen bzw. Mütter - zwar klein, zierlich und hübsch sein dürfen, auf sich gestellt sind und von einem grausamen, primär männlichen Umfeld geknechtet werden, aber dennoch „stark“ und „selbstbewusst“ auftreten müssen. Dies wird erst recht hervorgehoben, sobald sich die genretypische Liebesgeschichte entspinnt, denn nur unter aufwändig verifizierten und jeglichen Chauvinismen entkleideten Umständen darf auch besagter Heldin ein starker Mann zur Seite springen.
Damit haben wir sämtliche Ingredienzien beisammen, ohne bisher direkt über den hier vorgestellten Roman gesprochen zu haben. Das geht in Ordnung, denn er fügt sich völlig ins skizzierte Bild; dies manchmal so offensichtlich, dass sich Grinsen in die Gruselstimmung mischt. Tatsächlich vermeidet Autorin Simone St. James - der platt auf ‚Romantik‘ getrimmte Künstlername verrät, dass sie auch in Serie (Liebes-) Romane mit Grusel- oder Krimiplots produziert - jedes Risiko. So ist die arme „Kitty“ eine wahre Leidensfrau, die in einer von Bösmännern dominierten Höllenwelt überleben muss. Einem brutalen, saufenden, latent übergriffigen Vater ist sie ins reale Elend einer Gegenwart ‚entkommen‘, die für alleinstehende junge Frauen entweder in Arbeitssklaverei oder Prostitution mündet. St. James dreht diesbezüglich mächtig auf, blendet immer wieder auf einschlägige Schreckensszenen zurück und unterstreicht dadurch demonstrativ Kittys Widerstandsgeist in Gegenwart vorwiegend männlicher Drecksäcke. (Für eine solche Holzschnitt-Episode lässt St. James aus dem Nichts ihren besonders vernagelten Bruder auftauchen.) Wie Kitty sonst enden könnte, führt ihr die furchtbare Oberschwester vor Augen, die persönliches Unglück in eine emotional erstarrte Arbeitsmaschine verwandelt hat (und die sich final natürlich als eigentlich ganz Liebe entpuppt).
Männer sind also entweder Täter - oder Opfer; hier als Insassen eines ‚Sanatoriums‘, in dem sie kaum mehr als Gefangene sind. Selbstverständlich gibt es eine knackige Ausnahme: einen gebrochenen Kriegshelden, aufregend gefährlich und gleichzeitig liebevoll sowie ein Adonis, an den sich Kitty gern schmiegen würde, könnte sie nur ihre endlosen inneren Konflikte in Liebesdingen überwinden. (Aber keine Sorge: Die Belohnung folgt als in romantisch-wilde Erotik getränkte Nacht der Erfüllung; sie ist zwar für die Handlung unnötig, wird aber für entsprechend gepolte Leserinnen geliefert.)
Geister und Menschen: doppelter Schrecken
St. James bleibt auch in Sachen Nachtspuk auf bewährten Gleisen. Es dauert ewig, bis sich Kitty in Portis House eingelebt hat. Erst einmal rücken ihr die Oberschwester, fiese Kolleginnen und Kollegen sowie mental marode Patienten zu Leibe. Kitty wird noch härter geschurigelt als Aschenbrödel, muss putzen, nächtelang Bettwäsche zählen und sich vor den Insassen fürchten. Endlich meldet sich das Jenseits. Es murrt in den Wänden, stinkt aus Abflüssen, und immer wieder gerät Kitty in eiskalte Ecken.
Dann manifestieren sich die Phantome. Wie es üblich ist, hüllen sie sich bezüglich ihrer Motive oder Hoffnungen in Schweigen. Erneut vergehen viele Seiten, während Kitty versucht, aus mageren Hinweisen zu rekonstruieren, was in Portis House falsch gelaufen ist. Dies fügt sich zu einer recht wirren, wenig plausiblen und vor allem simplen Story. Bis sich der Plotknoten endlich schürzt, wollen diverse Gespenster Kitty in den verbotenen Westflügel locken, wo einst Grauenvolles geschehen ist. Endlich wagt sie sich dorthin; es dauert auch deshalb eine Weile, weil die Autorin irgendwie den schmucken Jack an ihre Seite dirigieren muss. Das geschieht ebenfalls genretypisch, indem St. James allerlei ‚Probleme‘ zwischen die beiden schiebt, die eine solche Beziehung ‚verbieten‘: Vor allem Leserinnen fordern solche aufgeschäumte Emotionsdramatik, mit der manchmal sogar der Spuk schwer mithalten kann.
Als endlich der Höhepunkt unter Einsatz der üblichen Begleiterscheinungen (Unwetter, unpassierbare Straße, Grippe-Epidemie etc.) kommt, kann dieser der aufwändigen Vorgeschichte in keiner Weise gerecht werden: Das Grauen verpufft im Sommerregen. (Selbstverständlich wird sein ‚Überleben‘ im Epilog ‚angedeutet‘; womöglich lässt sich dem Garn eine Fortsetzung anhängen!) Es folgen noch einmal viele Seiten, in denen die Autorin beschreibt, wie die armen Männer von Portis House befreit werden, Kitty zu einem (reichen) Gatten kommt und auch sonst dafür gesorgt ist, dass alles gut wird, während Portis House (vielleicht - hoffentlich - wer weiß?) menschen-, aber nicht geisterleer zurückbleibt.
Fazit:
Gut geschriebene, aber allzu sehr einschlägigen Klischees folgende Geisterhaus-Mär. Realmenschliche und übernatürliche Konflikte werden nur bedingt stimmig miteinander verknüpft, was außerdem für beachtliche Längen sorgt: Für das typische „Gaslicht“-Publikum dürfte die Autorin jedoch routiniert liefern, was gefordert wird.

Simone St. James, Festa

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