Der tollwütige Planet
- Blitz
- Erschienen: April 2024
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Ein-Mann-Wiederaufstieg der Zivilisation
Vor vielen Jahren musste ein Raumschiff von der Erde auf diesem abgelegenen Planeten notlanden. Niemand erschien zur Rettung, die wenigen Überlebenden mussten sich den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Das forderte ihre gesamte Kraft, denn sie strandeten auf einer zwar fruchtbaren, aber wilden Welt. Säugetiere oder Vögel haben sich hier ebenso wenig entwickelt wie Bäume. Gigantische Pilze, Krustentiere, Insekten und vor allem Spinnen prägen Flora und Fauna. Selbst die kleinen Tiere sind giftig und deshalb gefährlich.
Die Menschen sind auf diesem Planeten ständig auf der Flucht. Buchstäblich nur das nackte Leben können sie für einige Lebensjahre retten. Den Gebrauch des Feuers hat man verlernt, auch Werkzeuge kennt man nicht mehr. In kleinen Gruppen huscht man furchtsam durch die Pilzwälder und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen.
Der junge Burl ist anders, denn in seinem Hirn rührt sich etwas. Er stellt Fragen und kann sich ein besseres Leben zumindest vorstellen. Als er eines Tages über das Horn eines Käfers stolpert, rettet ihm dies das Leben, weil er es als Waffe gegen eines der Waldmonster einsetzen kann. Diese Erfahrung lässt Burl erst recht ins Grübeln kommen. Allerdings hat ihn der Kampf weit in die unbekannte Wildnis getrieben. Auf sich allein gestellt, muss er den Rückweg zu seiner Gruppe finden. Der wird lebensgefährlich, denn er führt durch Gebiete, deren hungrige Bewohner dem jungen Mann unbekannt sind. Ein Spießrutenlauf durch den Dschungel beginnt, der noch an Intensität zunimmt, als es sich in der Ferne rührt und nähert: Die gefürchteten Rotameisen sind auf dem Kriegszug, und das Millionenheer frisst sich erbarmungslos durch den Dschungel ...
Unterhaltung einer anderen Epoche
Das „Goldene Zeitalter“ der Science Fiction umfasst etwa die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Es trägt seinen Namen aufgrund einer wahren Flutwelle einschlägiger Kurzgeschichten und Romane, die Monat für Monat zahlreiche „Pulp“-Magazine füllten und zwar in der Zukunft spielen mochten, aber fest in ihrer Gegenwart wurzelten. Prägend ist das Bemühen um Spannung und Unterhaltung. Die Lesergunst war das wichtigste Kriterium dieser Ära. Das soziale und kulturelle Umfeld des Geschehens - heute nicht selten wichtiger als die eigentliche Handlung - spielte dagegen eine Nebenrolle.
Ein Autor wie Murray Leinster (1896-1975) - der eigentlich William Fitzgerald Jenkins hieß - hätte auf den Vorwurf, sich auf heutzutage auf unter Verdikt stehende Klischees zu stützen, mit Unverständnis reagiert. Für ihn und seine schreibenden Kollegen stand der „sense of wonder“ im Vordergrund. Den für die Leser heraufzubeschwören, definierte den Erfolg eines Werkes. Um dieses Ziel zu erreichen, bediente man sich frei der gesamten Klaviatur der trivialen Unterhaltung. Leinster war in dieser Hinsicht offensichtlich erfolgreich, denn seine Karriere währte mehr als fünf Jahrzehnte.
Gab es in einer „Pulp“-Story eine Botschaft, musste sie leicht verständlich sein und zur Handlung beitragen. Für elliptische Nebenstränge, die sich um elementare Problemthemen der Menschheit rankten, war hier weder der Ort oder gab es den zur Verfügung stehende Raum. Auf den Punkt sollte ein „Pulp“-Autor kommen. Das Rütteln an den morschen Fundamenten von Politik und Gesellschaft begann erst in den 1960er Jahren.
Tarzan im Weltall
Leinster frönt trotzdem nicht nur dem reinen Dschungel-Abenteuer. „Der vergessene Planet“ ist eine kurzgefasste 2.0-Version der menschlichen Zivilisation. Was sich auf der Erde über viele Jahrtausende hinzog, kürzt der Autor auf wenige Wochen und einen Mann zusammen. Burl muss diesen Prozess im Alleingang nachvollziehen, weil es durch das Tempo spannender wirkt (und Leinster sich kurz zu fassen hatte). Natürlich sind Leinsters Gedanken über das Wesen der Zivilisation ebenfalls seiner Zeit und deshalb einem aus der Mode gekommenen Fortschrittsdenken verpflichtet, dessen Vertreter neue Welten primär als Schatzkammern betrachteten, die es unter Einsatz von Naturwissenschaft und Technik zu ‚zähmen‘, zu ‚kultivieren‘ und auszubeuten galt.
In der Trivialkultur lässt man sich gern ‚inspirieren‘. Auch Leinster schaute sich danach um, was gerade Leser fand. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Burl nicht sehr lange nach Tarzan das Licht der Druckerpresse erblickte. Edgar Rice Burroughs (1875-1950) schuf diese Figur, die zu einem modernen Mythos aufstieg. 1912 schwang sich Tarzan erstmals durch den Magazin-Dschungel seiner Gegenwart, und an seiner Liane war noch Platz für ähnliche „edle Wilde“. Vor allem im ersten Band widmete Burroughs viele Seiten Tarzans Bemühen, ohne Lehrer lesen und schreiben zu lernen sowie sich vom ‚Affen‘ zum Menschen zu entwickeln, den sein Intellekt über das Tier erhebt, ihn Werkzeuge (und Waffen) erfinden und über sich selbst und seine Art nachdenken lässt; ein Prozess, den Burl ähnlich (und ebenso fesselnd) nachvollzieht, indem Leinster ihm beispielsweise das gesprochene Wort weitgehend entzieht.
Burl denkt, und der Autor weiß plausibel zu machen, wie in seinem Schädel allmählich ein Licht aufglimmt und heller zu leuchten beginnt. (Die ‚himmlische‘ Belohnung bleibt folgerichtig nicht aus.) Unterstützt werden solche Passagen durch ausführliche Landschaftsbeschreibungen, die eine fremde, bizarre, gefährliche, aber auch faszinierende Welt beschreiben (wobei er hin und wieder ins Dozieren gerät). Leinster weiß diese einander scheinbar widersprechenden Adjektive lebendig in Einklang zu bringen. Dank des kompetenten Übersetzers teilt sich dies auch den deutschen Lesern mit. „Der vergessene Planet“ ist sicherlich kein Klassiker, aber etwas ebenso Gutes: sauber strukturierte Abenteuer-Routine, die den Alterungsprozess erfreulich genießbar überstanden hat.
Aus drei mach’ eines
„Der vergessene Planet“ hat eine merkwürdige Entstehungsgeschichte. Der Roman ist eine „Fix-up-Novel“, die Murray aus drei früheren Storys ‚zusammengesetzt‘ hat. „The Mad Planet“ („Argosy“, Juni 1920) und „The Red Dust“ („Argosy“, April 1921) waren bereits Anfang der 1920er Jahre erschienen, während „Nightmare Planet“ („Science Fiction Plus“, Juni 1953) in einem späten, schon mit der ersten Ausgabe gescheiterten „Pulp“-Magazin folgte. Leinster hatte den Handlungsfaden nach mehr als drei Jahrzehnten noch einmal aufgegriffen.
Als gewiefter Routinier gedachte er die Arbeit von 1953 nicht dem Limbus der vergessenen Werke zu überlassen. Gemeinsam mit den beiden Alt-Storys hatte Leinster genug Stoff beisammen, um daraus 1954 einen Roman zu schmieden, dessen ‚Nähte‘ er geschickt kaschierte, bevor er ihn dem trivialliterarischen Verwertungszyklus zuführte. In seinen späten Jahren, als die Inspiration ihn zu meiden begann, recycelte Leinster mehrfach altes Material auf diese Weise.
Fazit:
Zeittypische Science Fiction mit einem tüchtigen Schuss abenteuerlicher Vorgängerliteratur. Obwohl aus drei Storys zum Roman ‚gefixt‘, trägt die simple, aber stringente Handlung über die gesamte Länge. Intensive Beschreibungen einer farbenfroh-lebensgefährlichen Welt runden das altmodische, lesenswert gebliebene Werk ab.

Murray Leinster, Blitz

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