Ein alter Bekannter, aber weniger gallertig
Zunächst vorweg: Natürlich warten Moers-Leser*innen schon so lange auf Das Schloss der Träumenden Bücher, dass diese Erwartungshaltung bei jeder Neuankündigung eines Zamonien-Romans die Kommentarspalten auf ungute Weise verstopft. Bekommen haben wir allerdings lediglich Das Labyrinth der Träumenden Bücher und einige weitere Romane, die sich keineswegs in die Brillanz der Frühwerke einreihen. Dass Walter Moers mit Qwert ein beinahe schon uralt zu nennendes Kapitel wieder aufschlägt (der Blaubär erschien immerhin bereits 1999) war also eine wahre Überraschung – und endlich im positiven Sinne.
In Qwert treffen wir nämlich das erste Mal seit Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär den Gallertprinzen Qwert Zuiopü wieder, den es im ersten Zamonienroman nach einem Dimensionslochsturz in Professor Nachtigallers Nachtschule verschlagen hatte. Nach seinem Schulabschluss wollte er sich eigentlich wieder ins nächste Dimensionsloch stürzen, um nach Hause zurückzufinden, allerdings begegnet sein ehemaliger Klassenkamerad Blaubär ihm ein ums andere Mal immer noch im Dimensionslochraum schwebend.
Wiedersehen mit dem Gallertprinzen
Sein letzter Sturz bringt Qwert dann nach Orméa – zwar weniger gallertig, aber immer noch royal, denn nun steckt er im Körper des draufgängerischen Prinz Kaltbluth. Dieser ist eigentlich der Held unzähliger Groschenromane, erdacht von Graf Zamoniak Klanthu zu Kainomaz, die in Zamonien zwar „in monströser Zahl verlegt und gelesen“ werden, allerdings „nur die niedrigsten Bedürfnisse“ ansprechen, „als da sind: Romantik, Spannungssucht und wirklichkeitsfremder Eskapismus“ (nach Prof. Dr. Abdul Nachtigallers Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung). Nun mit einem festen Körper ausgestattet, verfällt Qwert auch direkt der Funktion des klassischen Ritterromans: er befreit eine Jungfrau in Nöten und erlegt das Monster, das sie bewacht. Die Jungfrau stellt sich allerdings als Janusmeduse heraus, die liebend gern ganz Orméa versteinern will – dabei aber gleichzeitig eine ausgesprochene Anziehung auf unseren Helden ausübt. Qwerts Versuche, die Meduse wahlweise aufzuhalten oder vor anderen Fraktionen zu retten, tragen ihn durch diese neue Welt, die Moers auf seine bekannte Art fantastisch und absurd ausschmückt.
Romantik, Spannungssucht, Eskapismus, das alles kommt in Qwert tatsächlich nicht zu kurz, während der Titelheld sich durch seine Abenteuer schlägt, beziehungsweise Aventiuren, nach den auf Zufall beruhenden Bewährungsproben der hochmittelalterlichen Literatur. Deren Episodenhaftigkeit ist zunächst ungewohnt, sorgt aber auch für ein schnelles Tempo und kurzweilige Unterhaltung. Außerdem – wie anders sollte man eine Rittergeschichte erzählen? Nicht nur die klassischen Erzählungen sind hier Vorbild, in Struktur, Stil und Sprache finden sich angemessenerweise auch deren Ironisierungen wieder, bspw. Don Quijote und Twains Ein Yankee an König Artus‘ Hof. Dieser ironische, aber weniger selbstverliebte Stil wurde in den letzten Zamonien-Romanen doch sehr vermisst; Qwert soll tatsächlich zum ersten Mal seit Rumo & Die Wunder im Dunkeln – immerhin ebenfalls ein Helden- und Abenteuerroman – nicht vom hypochondrischen und egomanischen Hildegunst von Mythenmetz verfasst und von Moers lediglich übersetzt worden sein, stattdessen zeigt Moers sich hier wieder direkt als Autor.
Die Liebesgeschichte zwischen Qwert und Jadusa bleibt zwar oberflächlich, funktioniert aber auf ihre teils kindlich-naive Weise überraschend gut im Kontext dieser Struktur. Zudem übernimmt die Janusmeduse ein ums andere Mal die Rolle des Deus ex Machina (im Blaubären bereits besetzt von Deus X. Machina, dem Rettungssaurier) und treibt auch ihre eigene Geschichte mit Qwerts Hilfe voran.
In Orméa trifft Qwert auch auf Figuren, die die Leser*innen bereits aus verschiedenen Zamonien-Romanen kennen; so spielen die Rostigen Gnome, die das Labyrinth unter Buchhaim ingenieurstechnisch so stark geprägt haben, eine wichtige Rolle, und Kaltbluths Knappe Oyo stellt sich ebenfalls als Dimensionslochopfer heraus (ist er doch eigentlich ein aus der Insel bekannter Küstengnom mit dem Namen einer Melville-Figur – und dem Namen von Agent Scullys Hund aus Akte X). Weitere Begegnungen würden sich zu sehr in Spoilergebiet begeben. Der Einsatz eines Buchs als Unterstützung der Handlung ist ebenfalls bereits bekannt; während das oben bereits genannte Lexikon Blaubär (und dem Leser) den wichtigsten Kontext und Hintergrundinformationen einflüstert, zitieren die diversen Ritter in Qwert stets aus dem Handbuch des Edelmännischen Ritterstandes – die Stimme im Kopf von Qwert, so viel sei verraten, ist dieses Mal nicht von Nachtigaller.
Auch einige Gegenden der Landkarte Orméas und ihre Bewohner erinnern an frühere Geschichten, und diese Amalgamierung des manchmal irritierend Bekannten und des Neuen führt zu kreativen Reibereien und Aha-Effekten.
Das Orm ist noch nicht ganz zurück
Allerdings bleibt festzuhalten: Qwert ist zwar nicht Das Labyrinth der Träumenden Bücher, aber es ist auch nicht die Stadt. Während die Prinz Kaltbluth-Romane selbst in der Bibliothek des Orms des Schattenkönigs stehen, bleiben in Moers‘ neuem Roman noch ein paar Wünsche offen.
So hat der Autor bereits 2004 in einem Interview kundgetan, dass die jeweiligen Zamonien-Bücher für sich selbst stehen sollen. Dennoch irritieren einige schriftstellerische Entscheidungen beim Lesen; so ist Qwerts eigentliche Gallertigkeit kaum ein Thema, mit seiner neuen Körperlichkeit findet er sich erstaunlich schnell ab. Da in Orméa, wie es sich für eine richtige Heldengeschichte gehört, weder geschlafen noch gegessen wird, stellen Qwerts eigentliche Essensgewohnheiten kein Problem dar, aber seine Indifferenz gegenüber den Teppichen der Kamelianer ist angesichts seiner Herkunft aus der teppichfixierten 2364. Dimension doch überraschend, hatte er im Blaubären doch noch sehr unter dem Verlust seines „Lebensteppichs“ gelitten. Die Entscheidung des Autors oder des Verlags, gerade diese Szenen aus dem Blaubären nochmals ans Ende von Qwert zu setzen, Altleser*innen so in Erinnerung zu rufen und neue erst darauf zu stoßen, erscheint damit umso seltsamer.
Andere Dinge, wie die Existenz der Rostigen Gnome, die in Zamonien schließlich ausgestorben sind, werden wiederum durch den großen Twist des Romans erklärt. Dieser ist leider zu einem recht frühen Zeitpunkt absehbar und nimmt wieder etwas von der vorigen Begeisterung.
Und wie viele Moers-Romane hat auch Qwert ein sich durchziehendes Thema, das sehr schnell sehr nervig wird. In Die Insel der Tausend Leuchttürme ist es das Kraakenfieken, in Ensel & Krete sind es die Mythenmetzschen Abschweifungen, man munkelt sogar, dass es für viele Blaubär-Leser*innen das Nachtigallersche Lexikon sein soll. Qwert schenkt uns nun den andauernden Einsatz von Kofferwörtern wie Imuprikafi („Ich muss Prinz Kaltbluth finden“), die für die Figuren wie magisches Denken funktionieren, beim Lesen aber schnell ihren Reiz verlieren.
Allerdings sind diese Unwahrscheinlichen Zufälle (oder UnwahrZus, wie sollte es anders sein) auch ein Hinweis auf das eigentliche Thema des Romans. Das ist nämlich gar nicht die Ritterromanze, nicht die Buddykomödie in Rüstung, nicht der Roadtrip durch einen spannenden neuen Kontinent; stattdessen geht es um schöpferische Kraft und die Kreativität selbst. Worte und Ideen haben Macht in Orméa, und das wissen nicht nur die Bewohner, auch den Leser*innen werden einige Dinge bereits aus den Zamonien-Romanen verdächtig bekannt vorkommen – diese werden hier Wirklichkeit und werden zur Brotkrumenspur auf der Suche nach der Geschichte hinter der Geschichte.
Fazit:
Eigentlich ist es schade, dass man Qwert so sehr mit seinen Vorgängern vergleicht. Allerdings muss ein Walter Moers mit sowohl wundervollen als auch schlechterdings nur noch abnickbaren Titeln sich diesem Vergleich wohl stellen. Und dieser geht für seine Neuerscheinung durchaus zu seinen Gunsten aus: Qwert ist ein unterhaltsamer, sich selbst nicht ernst nehmender Roman mit vielen tollen Charakteren, kurzweiligen Handlungsepisoden und ganz viel Kreativität, der auch neuen Moers-Leser*innen viel Spaß machen kann.

Walter Moers, Penguin

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