Wylding Hall
- Wandler Verlag
- Erschienen: Juni 2025
- 0


Haus ohne geisterfeste Wände
Im Sommer des Jahres 1971 gönnt sich die Folk-Band „Windhollow Faire“ eine längere Auszeit. Um dem Trubel der Großstadt zu entkommen, beziehen die vier jungen Männer und Sängerin Leslie Wylding Hall. Das imposante, aber heruntergekommene Landhaus liegt isoliert in einem von der Zeit vergessenen Winkel der südenglischen Grafschaft Hampshire und besteht aus einem wirren Ensemble in unterschiedlichen Epochen erbauten Teilen. Einige Räume gehen bis in das 14. Jahrhundert zurück, und vermutlich gibt es noch deutlich ältere Abschnitte.
Bei den wenigen Einheimischen erfreut sich das Haus keines guten Rufes. Sie hüllen sich in Schweigen, warnen aber davor, Spaziergänge zu unternehmen - schon gar nicht nachts! Aberglaube ist in der Region seit jeher präsent. Meist ranken sich entsprechende Geschichten um die vorzeitlichen Gräber und Heiligtümer, die an mehreren Stellen durch uralte Steinsetzungen markiert werden.
Bald leben sich die Musiker ein und beginnen sogar für eine neue Schallplatte zu proben. Die Tage und Wochen vergehen ruhig, man spielt, kifft, streitet und verträgt sich. Doch es gibt Missklänge. Wylding Hall ist nicht immer ein pittoreskes, gemütlich-altmodisches Landhaus. Wagt man einen Streifzug durch die unzähligen verwinkelten Räume, gerät man in Gefahr, sich zu verirren. Innen scheint Wylding Hall deutlich größer zu sein als die Außenmauern es vorgeben. Darüber hinaus kann man in definitiv unheimliche Ecken geraten; so gibt es ein Zimmerchen, in dem unzählige tote Zaunkönige vertrocknen.
Vor allem der hochsensible Julian Blake verändert sich. Er scheint dem Geheimnis des Hauses auf der Spur zu sein. Ihm gelingt es sogar, dass sich dessen seltsame Schatten mehrfach manifestieren. Als ein mysteriöses Mädchen sich zu ihm gesellt, streben die Ereignisse einem abrupten Höhepunkt zu, dessen Rätsel alle Beteiligten noch Jahrzehnte später beschäftigen ...
Goldener Sommer - zu viele Schattenseiten
Wieder einmal geraten Pechvögel in ein Haus, das übernatürlich heimgesucht wird. Allerdings wird daraus nicht das viel zu üblich gewordene, mechanisch ablaufende Spukspektakel, das leise einsetzt, sich stetig steigert und schließlich in einer Art „Outing“ gipfelt, wenn die Geister aus den Wänden springen und nach denen haschen, die bis hierher ausgehalten haben.
Nicht grundlos wurde Elizabeth Hand für „Wylding Hall“ mit einem „Shirley Jackson Award“ für den besten Kurzroman des Jahres 2015 ausgezeichnet. Dieser Preis soll an die US-amerikanische Schriftstellerin Shirley Jackson (1916-1965) erinnern, die als Großmeisterin des „psychologischen“ Horrors gilt. Hand orientiert sich eng an diesem Vorbild und knüpft an deren Meisterwerke „We Have Always Lived in the Castle“ (1962; dt. „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“) und „The Haunting of Hill House“ (1959; dt. „Spuk in Hill House“) an.
Berühmt wurde Jackson durch ihr Talent, das Unheimliche mit einer Realität zu mischen, die Menschen in der Krise ‚schwach‘ bzw. empfänglich für das Übernatürliche werden lässt. Hand greift das u. a. deutlich auf, wenn sie in „Wylding Hall“ eine der Hauptfiguren ein Diagramm zeichnen lässt, in dem sich beide Sphären überlappen; riskant wird es innerhalb der Schnittfläche. Ebenfalls wie Hill House ist auch Wylding Hall gefährlich für jene, die empfänglich sind für die besonderen Schwingungen aus dem Jenseits, wobei offenbleibt, ob damit das Reich der Toten gemeint ist.
Sog der anderen Seite
In dieser Gruppe ist es Julian Blake, dem seine diesbezügliche Sensibilität zum Verhängnis wird. Für Jackson stellte menschliches Außenseitertum stets eine potenzielle Quelle für Scheitern und Verderben dar. Wer sich nicht in die Gesellschaft einpassen will, wird womöglich von seinen Mitmenschen als Störfaktor ausgelöscht. Alternativ kann Eigensinn die Betroffenen auch dorthin tragen, wo übernatürliches Grauen auf sie wartet. Für diesen Weg hat sich Hand entschieden, auch wenn sie sich zunächst bemüht, Zweifel bezüglich eines möglichen Spuks zu säen: Der ‚moderne‘ Mensch - hier repräsentiert durch die fünf Musiker - ist über den Glauben an jenseitige Mächte erhaben.
Dass dies ein verhängnisvoller Irrtum ist, wissen die Einheimischen im Umfeld von Wylding Hall. Sie scheuen vor offenen Worten zurück und beschränken sich auf Andeutungen, die natürlich überhört und verlacht werden. Wie sich zwischen den Zeilen lesen lässt, mussten die Bewohner dieser trügerisch schönen Landschaft üble Erfahrungen machen. Die Erfahrungen von Generationen haben die „Hinterwäldler“ so verinnerlicht, dass sie ihre Warnungen quasi chiffrieren.
Dies lässt die Neuankömmlinge nicht zurückschrecken, sondern weckt eher die Neugier. Julian ist der ideale Ansatzpunkt für das Seltsame von Wylding Hall. Er hat Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen, teilt sich durch seine Musik mit und sucht ansonsten nach Wissen, das jene Welt betrifft, die normalerweise getrennt von der Realität existiert. Julian glaubt an sie, denn er sieht in ihr einen Ausweg. So bietet er sich dem Haus praktisch als Opfer an. Was Julian buchstäblich die Hand reicht, führt ihn allerdings nicht in eine ‚bessere‘ Welt. Jahrzehnte nach den Ereignissen in Wylding Hall weisen bruchstückhafte Indizien auf sein düsteres Schicksal hin.
Wer geht da?
Meisterhaft spielt Hand mit einem Schrecken, der sich nur beiläufig, aber zunehmend bedrohlicher offenbart. Wylding Hall ist nicht die Heimat eines Menschen, der in diesen Mauern starb und nun auf Erlösung (oder Opfer) wartet. Kein ‚richtiger‘ Geist lauert auf neue Mieter. Wer ohne Antenne für das Besondere ist, kann hier gefahrlos wohnen. Deshalb kommen die überlebenden Musiker mit dem Schrecken davon, der sie dennoch lebenslang zeichnet. Nachträglich versuchen sie die Bruchstücke zusammenzusetzen, die ihnen von diesem ganz besonderen Sommer im Gedächtnis geblieben sind. Vordergründig menschliche Konflikte haben ihnen im Gegensatz zu Julian den Blick auf Wylding Hall in seiner gefährlichen Gesamtheit versperrt.
Wer oder was lauert also in diesem Haus, das wiederum Teil eines uralten Netzes ist, das diesem Übernatürlichen einst seinen Tribut zollte? Mehrfach lässt Hand ihre Protagonisten über die Relikte eines urzeitlichen (Aber-) Glaubens stolpern, der in Vergessenheit geraten ist. Die Menschen stellten vor langer Zeit schwere Steine auf, um Mächte zu ehren, die für sie gefährliche, aber selbstverständliche Nachbarn waren. An solchen Stätten geschehen auch heute merkwürdige Dinge. Wylding Hall und die Umgebung sind offensichtlich immer noch empfänglich für entsprechende Einflüsse.
Hand überlässt es ihren Leser zu entscheiden, was im geschickt Verborgenen geschieht. Dass Wylding Hall eine Art Pforte zwischen Zeit und Raum darstellt, steht immerhin fest. Doch wer das ‚Mädchen‘ war, das eher nebenbei demonstriert, dass es ganz sicher kein Mensch ist, bleibt unklar. Weil Hand immer wieder auf lokale Mythen anspielt, liegt eine Verbindung zum „kleinen Volk“ nahe - Feen, Kobolde, Elfen, die jenseits der späteren Disney-Niedlichkeit eher boshafte, sogar bösartige Gesellen waren. Aber dies ist eine Theorie dieses Rezensenten, der sich überaus zufrieden in die Schar der interpretierenden Leser einreiht.
Fazit:
Horror oder besser Mystery prägen diesen Kurzroman, der nur scheinbar von einem ‚verfluchten‘ Haus erzählt. Tatsächlich reichen die Geheimnisse tiefer, was die Autorin ihre Protagonisten und uns Lesern langsam, aber sicher spüren lässt, ohne es jemals wirklich zu erklären: Die eigene Vorstellungskraft soll übernehmen, und dieser Plan geht auf: gelungene Phantastik weit oberhalb des typischen „Buh!“-Spukgrusels.

Elizabeth Hand, Wandler Verlag

Deine Meinung zu »Wylding Hall«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!