Killerspiel
- Bastei-Lübbe
- Erschienen: Januar 1981
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Tod & Spiele - ein Mordsvergnügen
In den frühen Jahren dieses 21. Jahrhunderts öffnet sich in den USA die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter. Die Ausbeutung und Zerstörung der irdischen Ökologie schreitet ungehindert voran, zynische ‚Eliten‘ sorgen dafür, dass politisch und wirtschaftlich für sie alles läuft. Statt überfällige Reformen zu starten, pumpen gierige Unternehmer große Geldsummen in ‚Sport‘-Spektakel, die aufgrund ihres Spannungsfaktors die manipulierten Massen von der grauen Realität ablenken sollen.
Straßenfootball ist eine Multi-Millionen-Unterhaltungsindustrie. Das bekannte Spiel wurde vom Stadion in reale Stadtviertel verlegt, die sich für die Dauer eines Durchgangs - der 24 Stunden dauert - in Arenen verwandeln. Wie zuvor soll ein Ball über eine bestimmte Distanz in ein Tor befördert werden. Auf dem Weg dorthin ist jedoch beinahe alles erlaubt. Die ‚Spieler‘ sind mit Messern und Totschlägern bewaffnet, und zu jedem Team gehört ein Scharfschütze. Der Tod ist fester Bestandteil der ‚Spiele‘. Hinter den Kulissen wird an einer Verschärfung der Regeln gearbeitet, um den Blutzoll in die Höhe zu treiben. Längst entscheidet man jenseits des Spielfelds über Leben und Tod; die Popularität bestimmt über das Schicksal eines Spielers.
T. K. Mann, Quarterback der „San Francisco Prospectors“, hat mit 34 Jahren den Zenit überschritten. Seine Erfahrung gleicht die schwindenden Kräfte aus - noch, aber den Machern ist er ein Dorn im Auge. Sie würden lieber einen jüngeren Mann an der Spitze vermarkten. Der aggressive, psychopathische Harv Matision ist ihr Kandidat. Sie pushen ihn und bereiten seinen Aufstieg vor.
Fester Bestandteil dieses Plans ist ein möglichst brutaler und tödlicher ‚Sieg‘ über T. K. Mann. Der ist illusionslos, was die wahre Bedeutung seines ‚Sports‘ betrifft, ahnt aber lange nichts von der mörderischen Intrige. Mann muss spielen; seine Finanzlage lässt ihm keine Alternativen. Sein Körper ist angeschlagen, die Falle beginnt zuzuschnappen. Aber Mann ist nicht nur ein gewiefter Spieler, sondern auch ein Kämpfer. Wenn er untergeht, dann nicht ohne Gegenwehr ...
Kommt uns das nicht bekannt vor?
Lag die Idee in der Luft und wurde zufällig von zwei Schriftstellern unabhängig voneinander aufgegriffen? Oder stand Autor B auf dem Standpunkt, dass Autor A das Potenzial der Story nur ansatzweise ausgeschöpft hat, weshalb er, B, nun tiefer schürfen wollte? Die Antwort ist nicht einfach, aber zumindest in einem Punkt eindeutig: Nicht Gary Kenneth Wolf war es, der eine in den USA unglaublich populäre Mannschaftssportart - hier ist es Football - in eine (nahe) Zukunft projizierte, in der die Spielregeln ausgesetzt sind bzw. durch Mord und Todschlag ‚ergänzt‘ werden.
1973 und damit zwei Jahre vor Wolf veröffentlichte William Harrison (1933-2013) seine Kurzgeschichte „Roller Ball Murder“ (hierzulande 1975 erschienen im „Science Fiction Story Reader 5“ des Heyne-Verlags = Heyne SF & Fantasy 06/3473). Der relativ kurzen Story folgte zwei Jahre später das Hollywood-Spektakel „Rollerball“, inszeniert von Norman Jewison nach einem Drehbuch des Verfassers Harrison. (Ein Remake von John McTiernan entstand 2002 und kann getrost ignoriert werden.)
Es gibt deutliche inhaltliche Parallelen. Für Harrison stand nicht nur das brutale Geschehen in der modernen Arena im Mittelpunkt. Noch deutlicher wurde dies im Film herausgearbeitet, der die Gladiatoren der Zukunft als manipulierte Geschöpfe einer Oberschicht charakterisierte, die wie einst die römischen Imperatoren ihre Untertanen mit Brot & Spielen bei Laune halten. Das ist ungeachtet der Kosten immer noch billiger als Reformen, die den Verdienst der Elite tatsächlich schmälern würden. Also wird der Planet weiter zugrunde gerichtet, werden die dumm gehaltenen Bürger in ihrem alltäglichen Stumpfsinn aus Job, Umweltkatastrophen und Als-ob-Demokratie mit blutigen Spielen bespaßt.
Der Ball ist rund, das Messer scharf
Man könnte glauben, dass „Killerspiel“ der Roman zum Film „Rollerball“ ist. Im Roman wie im Film erwacht ein Mann, der seine Redlichkeit nicht mehr länger hinter seinem Zynismus verstecken kann. Es ist der typische „All American Hero“, der die moralischen Werte einer ‚besseren‘ Vergangenheit wiederentdeckt und die Bestrafung der Schurken höchstpersönlich in die Faust nimmt. Selbstverständlich ist T. K. Mann hoffnungslos in der Unterzahl und wird von allgegenwärtigen Feinden umzingelt. Aber im Land der Gerechten kann sich das Böse nur für eine gewisse Zeit behaupten, bevor es der weißblaue Adler vom Himmel holt.
Konterkariert Wolf seine eigene Geschichte, indem er auf einen Mythos zurückgreift, der sich schon 1975 als reiner Hohn entlarvt hatte? Niemand ist wirklich seines Glückes Schmied in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Ellenbogen schwört. Allerdings ist es möglich, dass Wolf genau diese pathetische Dualität ad absurdum führen will, indem er sich ihrer bedient: Der Epilog macht deutlich, dass die Entlarvung der korrupten Spielleitung nichts an der Fortexistenz der tödlichen Spiele ändern wird. Einige Köpfe werden rollen, bevor sich die bekannten Fronten neu formieren. Danach kann das Geschäft weitergehen. Die Befragung der Zuschauer ergibt ohnehin, dass diese sich nur über die Enthüllungen aufregen, weil deshalb Spiele nicht stattfinden können: Auch T. K. Mann hat die Verrohung und den Niedergang der Gesellschaft nicht gestoppt.
Wolf siedelt seine Geschichte in der heute schon wieder vergangenen ‚Zukunft‘ des Jahres 2011 an. Sie mag zu großen Teilen ‚entliehen‘ sein, doch sie wirkt unerfreulich realistisch. Der Autor hat sich darüber hinaus gut in das reale Sportgeschehen seiner Zeit eingelesen. Geändert haben sich höchstens die medientechnischen Mittel. Der (Un-) Geist hinter dem ‚Spiel‘ wirkt dagegen heute so vertraut wie die pseudo-sachliche Sprache der Trainer, Journalisten, Moderatoren und ‚Fachleute‘. Längst wurde der Sport vertrieben und durch das Spektakel ersetzt. Wer die „Netflix“-Serie „WWE: Unreal“ über das Treiben hinter den Kulissen der modernen Wrestling-Industrie kennt, hat einen guten Eindruck davon, wie der Straßenfootball funktioniert: Die Abläufe werden inszeniert, dramatisiert und mit Blut geschmiert. So könnte durchaus die Zukunft des ‚Sports‘ aussehen, denn Wolf lässt an einem keinen Zweifel: Die Menschen werden mehrheitlich manipuliert, aber sie verdienen auch, was sie bekommen, denn sie wollen es!
Fazit:
Obwohl sich der Autor inhaltlich und formal am großen Vorbild „Rollerball“ orientiert, wirkt diese ‚Fallgeschichte‘ der Manipulation einer ohnehin mörderischen Sportart fesselnd und bedrückend einleuchtend: Die Science Fiction der 1970er Jahre widmete sich auch den (scheinbar) nebensächlichen Schwachstellen einer verstörten Gesellschaft.

Gary K. Wolf, Bastei-Lübbe

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