Messias

  • Heyne
  • Erschienen: Februar 2026
  • 1
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Marcel Scharrenbroich
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2026

Er kann Berge versetzen, aber auch Kriege entfachen

Wunder gescheh‘n

Reden wir mal über das Thema „Glaube“. Uuuuuuh…, zu heikel? Mag sein. Zumindest hängt es davon ab, wie man ihn auslegt und welchen Stellenwert man ihm einräumt. Es gibt ja da Kandidaten, die im Namen von Irgendwem gerne auch mal Kriege vom Zaun brechen, Menschen mit anderen Lebensmodellen drakonisch bestrafen und knapp 50% der Weltbevölkerung die meisten Rechte absprechen wollten, wenn sie denn könnten. Ich persönlich halte es da lieber gemäßigt und bleibe religiös gelassen. Mit der Kirche habe ich nicht zwingend viel am Hut, finde es aber schön und irgendwie auch beruhigend, gerade in schwierigen Zeiten an etwas „Größeres“ zu glauben. Ob man dies nun überhaupt an einer Gottheit seiner Wahl festmachen muss oder ahnungslos als „höhere Macht“ bezeichnet, mag jeder für sich selbst entscheiden. Uns Menschen als die Krone der Schöpfung zu betiteln, halte ich – gerade in aktuellen Zeiten, wo Teile der Menschheit uns immer wieder das Gegenteil beweisen – dann aber doch für katastrophal vermessen, wo die Zivilisation doch sehenden Auges einen Schritt vor, dafür aber zwei zurückgeht. Technisch leben wir im Schlaraffenland, dafür geht es bildungstechnisch, wirtschaftlich, politisch und auch zwischenmenschlich rapide bergab. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, nur bräuchte es dafür wohl wirklich „göttlichen Beistand“. Und seien wir mal ehrlich, dafür, dass Glaubensgemeinschaften sich allsonntaglich auf knarzende Kirchenbänke hocken oder fünfmal am Tag auf Teppiche schmeißen, ist in den letzten paartausend Jahren erschreckend wenig „Wunderbares“ passiert, dass eine solche Hingabe rechtfertigen würde. Und ganz davon abgesehen, dass die Tageszeitung von gestern heute schon überholt ist, Gläubige aber an Jahrtausende alte Schriften akribisch festhalten, deren vermeintliche Verfasser und Statisten umgehend einen Schlaganfall bekämen, würde ich heute am Tag ein Feuerzeug vor ihrer Nase entzünden, halte ich dieses Konstrukt doch für sehr wackelig. Zumindest zu wackelig, um mein ganzes Leben danach auszurichten.

Was aber wäre, wenn wir plötzlich nicht mehr im religiösen Tal der Ahnungslosen wandern würden? Wenn uns der Beweis, dass Wunder geschehen können, live und in Farbe dargeboten wird? Nicht in Form von Blut weinenden Statuen oder Entertainment-Predigern, die vermeintlich Blinde auf der Bühne mit einem Schlag in den Nacken und einem kräftigen „Halleluja!“ kurieren, nein. Ich spreche von richtigen Wundern, ohne künstlich-kommerziellem Hokuspokus. Dargeboten von jemandem, der sich selbst als Erlöser bezeichnet. Der nicht damit spart, Gutes zu tun. Der die Massen begeistert und die Begriffe „Glaube“ und „Hoffnung“ im Alleingang in ganz neue Sphären hebt. Würde so etwas nicht die Welt, wie wir sie kennen, komplett aus den Angeln heben?

Simon sagt…

Er kam quasi aus dem Nichts. Der unscheinbare Mann, der sich schlicht und einfach Simon nennt, erschien zuerst einem Typen namens Eric Hoffman, der sich in Italien mit einer Kugel das Leben nahm. Dieser Zustand blieb nicht von langer Dauer, denn Simon holte ihn ins Leben zurück. Mehr noch, er machte ihn zu seinem ersten Jünger, der die frohe Botschaft in die Welt tragen sollte. Der spirituelle Führer ist angekommen und schart eine immer größer werdende Gefolgschaft hinter sich und seine Taten. An diesen wird Simon gemessen, was für eine gewaltige Mehrheit nur den einen Schluss zulässt: Simon ist Gott.

Das mag überwältigend sein, und wer würde jemandem widersprechen, der mit einem Fingerschnipp Kriege beendet, Tote ins Leben zurückholt und sämtliche Krankheiten heilt? Doch es gibt auch kritische Stimmen. Diese stammen freilich aus den Reihen der Mächtigen, sehen diese doch ihre Positionen bedroht. Auch die Stühle der Weltreligionen wackeln gewaltig, denn wann haben diese zuletzt „geliefert“? Dessen ist sich auch Simon bewusst und holt charmant zum Rundumschlag aus. Derart, dass sein gütiger Ersteindruck mit steigendem Machtgewinn langsam aber sicher Risse bekommt. Widersprüche werden nicht länger geduldet. So will man mit Hilfe des Auftragskillers Nathan zum Äußersten greifen: den selbsternannten Erlöser töten.

Großer Gott!

Schon in der kurzen Zusammenfassung ein überaus interessantes Gedankenspiel. In ausgebreiteter Form – besser gesagt auf 572 Seiten – ein umso fesselnderes Erlebnis, was den neuen Roman von Andreas Brandhorst mit seinen knackigen Kapiteln zum mysteriösen Pageturner macht, dessen Ende man gar nicht abwarten kann. Der Weg zu besagtem Ende ist dann aber auch das Spannendste, denn alle hohen Erwartungen, die bei der Hatz über mehrere Kontinente geweckt werden, wird die Auflösung mit Sicherheit nicht befriedigen können. Ich selbst ertappte mich mehrfach dabei, wie ich beim Lesen abdriftete und nach Möglichkeiten suchte, Simons Existenz plausibel erklären zu können. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wie Brandhorst den Kahn in den Hafen lotsen wollte. Es blieb etwas unspektakulärer als erhofft, doch das ist nur ein kleiner Wehrmutstropfen. „Messias“ hat seine Stärken nämlich nicht im Finale, sondern in der folgenschweren Handlung, die einen sich immer wieder „Was wäre, wenn?“-Fragen stellen lässt.

Fazit:

Würde ich morgen die Nachrichten einschalten und es würde berichtet, dass ein neuer „Messias“ aufgetaucht wäre und die Menschheit mit Wundern beglückt, bin ich mir sicher, dass mindestens 90% der Nachwehen, die Andreas Brandhorst in seinem Roman beschreibt, auch so eintreten würden. Eher erschreckend als „göttlich“, als packender Lese-Blockbuster, der viele Sichtweisen zulässt, aber wärmstens zu empfehlen.

Messias

Andreas Brandhorst, Heyne

Messias

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