Die Gesellschaft für magische Objekte

  • Heyne
  • Erschienen: Oktober 2025
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Die Gesellschaft für magische Objekte
Die Gesellschaft für magische Objekte
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Marcel Scharrenbroich
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2026

Wendungsreiche Schnitzeljagd mit Charme

Büchse der Pandora

Insgeheim hoffen wir doch alle, dass Magie existiert. Keine Taschenspielertricks, die einen rätseln lassen, wie der „Magier“ auf der Bühne nun jenen oder welchen Trick vollführt hat. Keine Illusionen mit Spiegeln, doppelten Böden, Falltüren oder geschickt getimten Handgriffen aus dem Effeff, nein. Richtige Magie! Nichts, was sich rational erklären ließe. Nichts, was man erlernen könnte. Nichts, was irgendwelchen einengenden Regeln folgen würde. Nun… die gibt es. Und sie geht nicht von bestimmten Personen aus, sondern von magischen Objekten unbekannter Herkunft. Nur ein überschaubarer Kreis von Menschen ist sich deren Existenz bewusst. Doch sie zu kontrollieren, sofern das überhaupt möglich ist, ist schwer. Denn Magie fragt nicht was sie darf, sie lässt ihrer Kraft freien Lauf. So kann sie, einmal entfesselt, nicht nur für Staunen sorgen, sondern durchaus zur Gefahr werden. Vor allem, sollte ein solches Objekt in die falschen Hände geraten…

Magic Friends

Zweimal im Jahr kommt im Keller des Londoner Antiquariats „Bell Street Books“ ein kleiner Kreis von Personen zusammen, die augenscheinlich – bis auf ihre Liebe zu Büchern – nicht viel gemeinsam haben. Bei Tee und Keksen werden in gemütlich-uriger Atmosphäre Neuigkeiten ausgetauscht, denn dem ursprünglichen Grund ihrer regelmäßigen Zusammenkünfte gibt es schon seit längerer Zeit nichts Nennenswertes hinzuzufügen. Sie sind „Die Gesellschaft für magische Objekte“, die Bewahrer genannter Gegenstände, die vor Ort in einem speziell angefertigten Schrank gelagert werden. Sicher vor der Außenwelt… und vor allem vor den besagten falschen Händen. Ihr jüngstes Mitglied ist die Schriftstellerin Magda Sparks, die die Gemeinschaft und ihrer Leiter Frank Simpson bereits seit Kindheitstagen kennt. Seit zehn Jahren ist Magda aktiver Teil dieser Gemeinschaft und nahm den Platz ihrer Mutter Imelda ein, nachdem diese auf tragische Weise ums Leben kam. Die Routine der Treffen wird aber unterbrochen, als Frank, der gleichzeitig auch der Besitzer des Antiquariats ist, ein außerplanmäßiges Meeting einberuft. Denn es gibt Neuigkeiten. Nach Jahren gibt es einen Hinweis auf ein weiteres magisches Objekt. Scheinbar aufgetaucht aus dem Nichts.

Neben Magda und Frank gehören noch der introvertierte Uhrmacher Will und die charismatisch-forsche Henrietta „Henry“ Wiseman zur Gesellschaft. Letztere glänzt jedoch seit drei Jahren durch Abwesenheit. So teilt Frank nur Magda und Will mit, dass es sich bei dem Objekt um eine Schachfigur handeln soll. Klingt erstmal unspektakulär, ist aber für Eingeweihte eine Sensation. Seit gut vierzig Jahren, und damit vor Magdas und Wills Geburt, wurde kein neues magisches Objekt mehr gesichtet. Was es bewirkt und wie sich seine Macht auf den Besitzer auswirkt, ist bislang noch völlig unklar. Sicher ist nur, dass es sich in Honkong befinden soll. Wills verstorbener Vater hatte während seiner aktiven Zeit offenbar Kontakte dort. Und der Sohn dieses Kontakts, ein Mann namens James Wei, hat Frank nun informiert, dass er auf etwas Außergewöhnliches gestoßen sein könnte. Grund genug, der Sache nachzugehen. Und die abenteuerlustige Thriller-Schreiberin fackelt nicht lange und ergreift die Chance. Magda will unbedingt nach Hongkong reisen, um mehr über diese mysteriöse Schachfigur in Erfahrung zu bringen.

Vor Ort wird sie aber nicht nur von James überrascht, der sich als äußerst charmant und sympathisch entpuppt, sondern auch von jemandem, der für das magische Objekt über Leichen gehen würde. Die bis dato entspannte Reise wird zum Abenteuer-Trip und führt Magda noch an gänzlich ungeahnte Orte. Zudem wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, was ihr bisheriges Weltbild komplett auf den Kopf stellt.

Ein urbaner Mystery-Thriller… mit einer Portion Wohlfühl-Gemütlichkeit

Autor Gareth Brown legte mit seinem Debüt „Das Buch der tausend Türen“ (ebenfalls bei HEYNE) einen Überraschungserfolg hin. Sowohl bei den Leserinnen und Lesern, wie auch bei uns, konnte der gebürtige Schotte durch zugängliche Sprache, knackige Cliffhanger-Kapitel und eine spannend-unterhaltsame Erzählweise punkten. Mit „Die Gesellschaft für magische Objekte“ bleibt Brown der urbanen Fantasy treu, lässt seine Hauptfigur aber diesmal nicht durch Zeit und Raum springen, dafür aber an zahlreiche Orte reisen, wo die Gefahr auf Schritt und Tritt im Nacken sitzt. Dabei ist die Idee, Magie von alltäglichen Objekten ausgehen zu lassen, gar nicht mal neu. TV-Serien wie „Erben des Fluchs“, „Warehouse 13“ oder der Mehrteiler „Das verschwundene Zimmer“ nahmen die Thematik bereits in unterschiedlichen Jahrzehnten auf. Schriftsteller wie Stephen King, Joe Hill, Kōji Suzuki, Scott Leeds, Darcy Coates, Grady Hendrix, H. P. Lovecraft und Oscar Wilde bedienten sich ebenfalls Alltagsgegenständen, um Unbehagen von ihnen ausgehen zu lassen. Dass Brown in ein ähnliches Horn bläst, ist aber weder ideenlos noch abgekupfert, denn seine Story entwickelt eine ganz eigene Dynamik. Das liegt nicht nur an der interessanten Story selbst, sondern vor allem an ihren Charakteren.

Mit Magda Sparks haben wir eine möglichst nahbare Bezugsperson, der man beim Lesen sämtliche Daumen drückt. Mit dem tragischen Verlust ihrer Mutter, der uns im Prolog sehr deutlich beschrieben wird, stehen wir direkt bei Magdas Vorstellung dicht hinter ihr, ohne sie eigentlich näher zu kennen. Ein guter Kniff des Autors. Selbst die Nebenfiguren sind mit ihren Eigenheiten und Schrullen sehr schön ausgearbeitet und greifbar beschrieben. Lediglich Love-Interest James bleibt etwas blass, denn romantische Anflüge zwischen ihm und Magda wirken schon sehr klischeehaft und konstruiert. Das hätte „Die Gesellschaft für magische Objekte“ überhaupt nicht nötig gehabt, da Mystery, Action und Cozy-Elemente hier durchaus ausreichen, um vielfältige Abwechslung zu bieten. Das wäre aber schon mein einziger Kritikpunkt, denn der kurzweilige Roman macht unheimlich viel Spaß und eignet sich perfekt für gemütliche Stunden auf der Couch.

Fazit:

Wer es wendungsreich, spannend und gerne auch mal mit charmant eingestreuten Verschnaufpausen mag, kommt an Gareth Brown nur schwer vorbei. Der im Genre gern mal mit dem Holzhammer reingedroschene Kitsch beschränkt sich auf ein Mindestmaß und trübt den positiven Gesamteindruck kaum nennenswert. Sollte der Autor in dieser Welt weitere Wurzeln schlagen, wäre ich sofort wieder an Bord.

Die Gesellschaft für magische Objekte

Gareth Brown, Heyne

Die Gesellschaft für magische Objekte

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