Wir haben keine Antimemetik-Abteilung

  • Heyne
  • Erschienen: November 2025
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Wir haben keine Antimemetik-Abteilung
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Alena Schmitz
95°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2026

Ein wilder Fiebertraum

Sam Hughes’ SciFi-Horror Wir haben keine Antimemetik-Abteilung macht es Leser*innen in vielerlei Hinsicht schwer: es gibt keine durchgängige Handlung, sondern eine nicht immer chronologische Aneinanderreihung einzelner Kurzgeschichten und Dokumente. Die Geschichten sind – in etwas anderer Form und mit anderen Figurennamen – schon vor Jahren veröffentlicht und rezipiert worden. Und nicht zuletzt ist es auch den titelgebenden Phänomenen, den sogenannten Antimemes, inhärent, gar nicht verstanden werden zu wollen. Für jeden, der diese Widersprüche aushalten kann, ist die herausfordernde Lektüre aber absolut lohnenswert.

Aus den einzelnen Geschichten, Fragmenten und teils geschwärzten Dokumenten ergibt sich nämlich nach und nach eine ungeheuer spannende Erzählung: Die Spezialabteilung einer Geheimorganisation kämpft seit vielen Jahren gegen die genannten Antimemes – Wesen, Ideen und Phänomene, die sich dem Erkannt- und Bewusstwerden rigoros widersetzen und ihre Anonymität mit allen Mitteln durchsetzen. Dazu gehört Mr. Grey, der sich in der Abteilung selbst eingenistet hat, immer wieder einzelne Agenten von jeglichem Informationsaustausch isoliert (digital, sozial, biografisch) und diese in ihrer Gesamtheit verschlingt; dazu gehört aber auch die Wesenheit U-3125, die deutlich umfassendere Pläne verfolgt und die Welt seit vielen, vielen Jahren immer wieder an den Rand einer schrecklichen Katastrophe führt. Und der Kampf gegen einen Feind, der das Erinnern an ihn unmöglich macht, stellt sich als noch viel gefährlicher heraus, als man ahnt.

Editionsevolution

Dem einen oder anderen fleißigen Online-Leser dürfte Wir haben keine Antimemetik-Abteilung sehr bekannt vorkommen: unter dem Namen QNTM veröffentlicht Hughes seit vielen Jahren Beiträge bei der SCP-Foundation, einem kollaborativen Schreibprojekt, in dem im Namen einer Geheimorganisation Artikel und andere Dokumente über sogenannte SCPs („Secure. Contain. Protect.“) veröffentlicht werden. Diese Lebewesen und Phänomene entziehen sich dem Wissen der Öffentlichkeit und werden von der Organisation beobachtet, studiert, verwahrt oder vernichtet.

Unter der Nummer SCP-055 erschienen die ersten Geschichten von QNTM bereits ab 2008 und wurden 2020 gesammelt und redigiert herausgegeben. Wie es bei einigen bereits im Selbstverlag erschienenen Romanen derzeit Usus ist (allerdings vor allem im Romance-/Romantasy-Bereich, siehe Hazelwoods The Love Hypothesis oder SenLinYus Alchemised), wurden Verlage auf die Veröffentlichung aufmerksam und erwarben 2024 die Rechte für die englische und US-amerikanische Ausgabe. Dafür mussten allerdings viele Details, die unter SCP-Lizenz standen, vom Autor nochmals angepasst werden – so ist die ursprüngliche SCP Foundation im Buch einfach nur „die Organisation“, SCPs sind „Unbekannte“ und die Protagonistin Marie Quinn heißt im Original Marion.

Ansteckende Ideen

Die zwischen die einzelnen Geschichten gesetzten Dokumente, in klassischer Geheimorganisationsmanier teils stark geschwärzt, bauen den Hintergrund der Welt des Buchs ohne Infodumps aus und bieten dringend nötigen Kontext. Zu diesem trägt auch Mr. Grey bei, dessen Erzählung von der Haupthandlung abgespalten ist und zu einem unbekannten Zeitpunkt spielt, die schwer greifbaren Eigenheiten des Umgangs mit den Antimemes aber ausgezeichnet veranschaulicht – und den Horror des Vergessens und Vergessenwerdens angesichts des Grauens gegenständlich macht. Denn wie geht man gegen ein Wesen vor, das die eigenen Erinnerungen oder die von anderen vernichtet, oder aber das eigene Vergessen zum Schutz der Welt voraussetzt, weil es sich unbedingt verbreiten will? In einer Welt der Viralität, der Propaganda und Falschinformationen ist diese Frage wichtiger denn je und macht den kosmischen Horror sehr weltlich.

Dabei haben diese Konzepte aus Wir haben keine Antimemetik-Abteilung interessante Grundlagen. 2011 prägte Nick Bostrom den Begriff des Infohazards, der Wissen bezeichnet, das dem Träger gefährlich werden kann; das kann eine Information sein, die nicht bekannt sein sollte (bspw. zur Herstellung von gefährlichen Gegenständen oder Substanzen) oder „ansteckende“ Ideen (wie der sog. Werther-Effekt, die Nachahmung von Suiziden bei detaillierter Berichterstattung). Natürlich gibt es in der Literatur viele lesenswerte Beispiele dazu, am ehesten kommen aber vermutlich David Langfords BLIT (über ein Graffiti, dessen Wahrnehmung die Verarbeitungsfähigkeit des menschlichen Gehirns überfordert und zum Tod führt) und die Laundry Files-Reihe von Charles Stross (über eine Geheimorganisation, die sich okkulten Phänomenen widmet) an Hughes’ Geschichte heran.

Fazit:

Hughes schafft es, den kosmischen Horror der Antimemes furchteinflößend, tragisch, beeindruckend und faszinierend zugleich darzustellen. Ein herausforderndes Buch, das zum Nachdenken anregt – durch seine Herkunft aus dem SCP-Universum aber auch zum direkten Weiterlesen einlädt.

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Sam Hughes, Heyne

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