Das Lied der Tiefe

  • Heyne
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 1
Das Lied der Tiefe
Das Lied der Tiefe
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20°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMär 2026

Weder romantisch noch fantastisch

Imogen ist eine Sirene – das weiß aber niemand, denn in ihrem Königreich werden Sirenen gejagt und ausgerottet, und das ausgerechnet auf den Befehl ihres Ziehvaters, König Nemeas. Der möchte sein magisches Mündel gern mit seinem Kommandanten verheiraten, um Imogens Kraft für seine Jagdflotte einsetzen zu können. Um diesem Schicksal zu entkommen, bindet Imogen sich während eines Staatsbesuchs per Blutsband an den jungen König Theodor, der damit zu ihrem Schutz verpflichtet ist und sie auf seinem Schiff mitnimmt. Nun muss die junge Sirene sich nicht nur mit ihren erwachenden Kräften, ihrer geheimnisvollen Herkunft und den durch ihre Flucht ausgelösten politischen Wirren auseinandersetzen, sondern auch mit ihren Gefühlen für Theodor.

Klischee, aber mit Flügeln

Die Inhaltsangabe von „Das Lied der Tiefe“ lässt auf einen soliden Debütroman der amerikanischen Autorin Kalie Cassidy hoffen: eine düstere Neuinterpretation des Sirenen-Mythos! Götter, Königreiche, Magie! Dramatische Romantik! Nicht völlig umsonst führen Romantasy-Titel in den letzten Jahren immer wieder die entsprechenden Bestseller-Listen an. Leider stellt sich während der Lektüre sehr schnell heraus, dass keine dieser Hoffnungen wirklich erfüllt werden kann, und wir es hier mit einer großen Ansammlung typischer Romantasy-Klischees zu tun haben. Diese sogenannten Tropes lassen sich leicht auflisten, und geübte Genre-Leser*innen dürften sich hier wie zuhause fühlen: slow burn, fake dating, forced proximity, fated mates, royal romance, forbidden love… Jedes einzelne funktioniert für sich (teilweise sogar sehr gut), zusammen ergeben sie allerdings keine kohärente Geschichte.

So krankt „Lied der Tiefe“ bereits am grundlegenden Worldbuilding, das für den Fantasy-Anteil der Romantasy die Basis bilden sollte. Im Gegensatz zu vielen anderen Genre-Büchern gibt es leider keine Karte, die die Welt der Geschichte etwas verdeutlichen würde, aber auch dann müsste der Text deutlich mehr liefern, als er es tatsächlich tut. Wir erfahren wenig bis nichts über die Geschichte der verschiedenen Inselreiche und ihrer Monarchien, die verschiedenen Religionen bleiben ebenso vage wie die magischen Kräfte diverser Figuren, Sirenen oder Menschen. Die Welt bleibt lediglich Stichwortgeber für das individuelle und desinteressierte Erleben der Protagonistin.

Diese wird von der Geschichte allerdings ebenfalls auf ihre Funktion reduziert. Zunächst als Mündel des Königs und Wertanlage für seine Flotte, dann als sicherer Auslöser eines Kriegs zwischen den Inselreichen, dann als Zentrum der großen Verschwörung rund um ihre Herkunft, die Götter und die Zukunft ihrer Welt – Imogen ist weder informiert noch interessiert an dem, was um sie herum passiert, und lässt sich von einer erratischen Handlung zur nächsten treiben. Ihr Charakter schwankt zwischen extremer Passivität zur typischen Romantasy-Sassyness, unterbrochen von irritierend sexualisierter Sprache. Die Insta-Love zwischen ihr und Theodor, der sich wiederum hauptsächlich durch seine Abkehr von hedonistischen Genüssen hin zu absoluter Pflichterfüllung sowie seinen muskulösen Körper auszeichnet, ist vor dem dünnen Hintergrund der Geschichte ebenfalls nicht überzeugend – abgesehen vom Blutband zwischen ihnen, das praktischerweise in seiner Kultur auch eine Eheschließung bedeutet, gibt es einfach keine Motivation für ihre Beziehung. Die flachen Charaktere kennt man sonst aus der Fanfiction, wo sie als Projektionsfläche für die Leser*innen allerdings auch explizit gewünscht sind.

Enttäuschende Umsetzung einer guten Idee

Es ist enttäuschend, dass der Roman seine spannende Grundidee so schlecht umsetzt. Sowohl der Fantasy-Anteil mit Sirenen und Zombie-Sirenen, flottenstarrenden Inselkönigreichen und Göttern, die einst auf der Erde wandelten, als auch der Romance-Teil mit einer klassischen Entführung als Auslöser eines Kriegs und der Navigation dieser Beziehung würden bei entsprechend gründlicher Arbeit sehr gut funktionieren. In „Lied der Tiefe“ geht durch die Kombination, aber auch durch den teils überkandidelten, teils irritierend modernisierten Stil leider beides unter.

Fazit:

“Das Lied der Tiefe“ hält leider nicht, was es verspricht. Leser*innen können hier spannende Ansätze sowohl für Fantasy als auch für Romance finden, eine erfolgreiche Romantasy-Erzählung sieht aber anders aus. Die unsympathischen, flachbleibenden Charaktere machen ein Mitfiebern sehr schwer, und das große Geheimnis ist weniger Imogens mysteriöse Herkunft als die Frage, warum nicht genug Arbeit in dieses Buch gesteckt wurde, um eine wirklich gute Geschichte daraus zu machen.

Das Lied der Tiefe

Kalie Cassidy, Heyne

Das Lied der Tiefe

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