Die Dame in Gelb
- Edition Dornbrunnen
- Erschienen: Mai 2025
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Wie lange noch bis zum Tod und zur Erlösung?
In einem staubigen Antiquitätenladen stößt unser namenlos bleibender Erzähler - immerhin ein gut situierter Graf - unverhofft auf einen echten Schatz: Das Reliquiar stammt offensichtlich aus alter Zeit und wurde von einem Künstler gestaltet. Der Preis liegt niedrig, denn der ehrliche Händler gesteht dem Grafen, dass dieses Stück verflucht ist. Jedenfalls sorgt es für böse Träume, wenn man es in der Nähe seines Bettes aufstellt.
Natürlich lacht der Graf, ein moderner Mann, der über den Glauben an Spuk und Heimsuchung erhaben ist. Das ändert sich, als ihn daheim in seinem Schlafzimmer tatsächlich ein Geist behelligt: Eine edle, in gelben Brokat gekleidete Dame erscheint ihm. Sie bleibt stumm, äußert jedoch reges Interesse an dem Reliquiar. Bei dem erschrockenen Grafen hinterlässt sie keinen guten Eindruck; die Dame wirkt trotz ihrer jugendlichen Schönheit eher bösartig.
Die genaue Untersuchung der Neuerwerbung enthüllt einen Hohlraum. Dort lagert eine Glasphiole mit verdächtigem Inhalt, der sich später als tödliches Gift entpuppt. Ansonsten laufen die Nachforschungen des Grafen zunächst ins Leere, bis eine zufällige Reise ins italienische Pisa sie aufleben lassen: Dort stößt er auf die Spuren einer noch immer stadtbekannten Familie, die im 16. Jahrhundert für ihre Ränken und Bosheiten berüchtigt war. Ihr Wappen taucht auf dem zweckentfremdeten Reliquiar auf, dessen turbulente Geschichte sich allmählich enthüllt.
Die Spur führt nach England, wohin sich eine der Töchter besagter Familie einst verheiratet hat. Dort nahmen die Ereignisse eine dramatische Wende und gipfelten in einer Tragödie, die noch ohne Auflösung ist, weshalb die „Dame in Gelb“ ruhelos umgehen muss...
Strafe über den Tod hinaus
Das Jenseits ist der ideale Ort, um nachzuholen, was aus irgendeinem Grund bis zum Ende eines Lotterlebens unbestraft blieb. Ein solches Entwischen nagt an jenen, die davon überzeugt sind, dass der Mensch sich für begangene Untaten verantworten muss. Wenn das auf Erden nicht gelang, springt eine höhere Macht ein, die in der Regel härter durchgreift als die irdische Gerechtigkeit: Wer im Leben fehlt und ohne Vergebung stirbt, muss nach dem Tod als Geist umgehen.
Damit sich der oder die so Bestrafte dieser Strafe nicht entziehen kann, wird der zumindest potenziell möglichen Kommunikation mit den Lebenden ein Riegel vorgeschoben. Hilfe von dieser Seite ist also nicht zu erwarten bzw. an bestimmte Regeln bzw. Orte und Objekte geknüpft. Hier ist es ein Reliquiar, in dem eigentlich die Überreste von Heiligen aufbewahrt werden. Die Dame in Gelb hat es zu Lebzeiten ketzerisch zweckentfremdet, wofür sie anschließend erst recht büßen muss.
Zu den genannten Einschränkungen gehört auch die Unfähigkeit, sich den Lebenden zu erklären. So muss unser Graf wie viele andere von Spukgestalten belästigte Zeitgenossen lange raten und suchen, bis er (auf die grundsätzlich simple) Lösung des Rätsels kommt. Interessanterweise steht diese und keineswegs die Erlösung der verdammten Seele im Vordergrund; sie ergibt sich im Laufe der Ereignisse quasi nebenbei. Natürlich ist mit ein Grund, dass unser Gespenst nicht besonders freundlich ist. Dem Grafen als modernen, aufgeklärten Menschen fällt es schwer genug, an einen Spuk zu glauben, der doch das Relikt einer abergläubischen, endlich überwundenen Vergangenheit ist. Als diese Hürde genommen ist, steht für ihn die Frage nach der Ursache der Erscheinung im Vordergrund.
Liebe fällt dieses Mal aus
Diese Prämisse lässt hoffen. Oft genug wird eine an sich gute Geistergeschichte in Liebeständeleien förmlich ertränkt. Der bespukte Held will selbstlos (und gern verliebt) einem weiblichen Phantom helfen, oder er muss feststellen, dass eine noch lebendige Frau vor den Heimsuchungen eines Geistes gerettet werden muss. Beides sorgt für emotionale Verwicklungen und Ausbrüche, die sich erst recht schwer auf die übernatürlichen Umtriebe legen, weil sich inzwischen die Darstellung entsprechender Gefühlswallungen verändert (aber nicht wirklich verbessert) hat und langweilig oder sogar peinlich wirkt, was einst an Leserseelen rühren sollte.
Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem (1854-1941) produzierte prinzipiell genau solche Herz-Schmerz-Schwarten, die damals ihr Publikum fanden. Doch die Tochter aus schlesischen Adelsgeschlechts war auch ein Profi und schrieb, was gerade ‚ging‘. Dabei zeigte sie sich ungemein anpassungsfähig, sorgte aber für ‚Ausreißer‘, die sich vom zeitgenössischen Literaturumfeld so weit abhoben, dass sie bis heute lesbar geblieben sind. Also verbirgt sich hinter diesem Spuk keine tragische Liebesgeschichte, sondern ein Drama voller Intrige, Verbrechen und Hinterlist (weshalb die „Dame“ aus Italien, dem Mutterland der Borgias u. a. verruchter, verfluchter Familien stammt). Dieses Gespenst ist durch und durch böse. Es ändert auch angesichts einer möglichen Erlösung keineswegs sein Auftreten, sondern spult sein nächtliches Programm unverändert ab.
Die Autorin erzählt uns eine beinahe archetypische Geistergeschichte. Sie könnte auch in England, dem Mutterland des gediegenen Spukes, entstanden sein. Vor allem bleibt die Handlung einem Plot treu, der eben nicht unentwegt um unerfüllte Liebe und Seelenrettung kreist: Der männliche Erzähler und Geisterjäger ist Junggeselle und bleibt dies auch, und die nächtliche Erscheinung besagter Dame löst keinerlei erotischen Anwandlungen in ihm aus. Er bleibt sachlich und ist eher neugierig.
Das Böse unter der Lupe
Tatsächlich ist der Graf nicht zimperlich, wenn er seine Nachforschungen anstellt, und konfrontiert u. a. seinen ahnungslosen Diener mit dem Nachtspuk. Dessen Schrecken dient als zusätzlicher Nachweis für eine Heimsuchung, die vom genannten Reliquiar ausgeht. Dieses wird daraufhin vorsichtig, aber gründlich auseinandergenommen: Der gebildete Mensch geht den Dingen auf den Grund, auch wenn dieser nicht im Diesseits zu finden ist. Die Entdeckungen geben indes weitere Hinweise, die den Grafen auf eine Recherchereise durch Europa führen.
Aus heutiger Sicht geht es dabei gemächlich zu. Es fehlt jener Spannungsaufbau, den man mit einem Gruselgarn verbindet. Vor allem das Finale verblüfft geradezu: Die nachträgliche Klärung der Vorgeschichte ist wichtiger als der eigentliche Akt der Erlösung. Im Rahmen dieses Romans ist der historische Hintergrund wichtiger als ein dramatischer End- und Höhepunkt, der einer direkten Konfrontation mit dem Spuk bedarf.
So wird auch dieser Band der „Dornbrunnen Taschenschmöker“, in denen lange verschwundene oder hierzulande noch nie erschienene Titel meist phantastischen, auf jeden Fall jedoch spannenden Inhalts erscheinen, zu einer erfreulichen Entdeckung. Herausgeber Lars Dangel lässt es sich außerdem nicht nehmen, ausführlich über Leben und Werk der Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem zu informieren. Das ist hilfreich, denn es hilft, die Besonderheiten - oder Sonderlichkeiten - einer Welt zu verstehen, die seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr existiert und klärt auf (oder tröstet), wenn sich die Figuren völlig anders verhalten, als die Logik des 21. Jahrhunderts es uns lehrt.
Fazit:
Nur beiläufig von Emotionen bestimmte Geistergeschichte, die den Spuk und dessen Untersuchung in den Vordergrund stellt. ‚Rational‘ und ohne besondere Dramatik wird das Rätsel gelüftet, was die Ereignisse deutlich zeitloser wirken lässt als viele der zeitgenössischen Gruselgarne, die ihre Leser eher schreckensarm zurücklassen.

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Edition Dornbrunnen

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