Carmilla, die Vampirin (Diogenes Deluxe)
- Diogenes
- Erschienen: September 2025
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Der Prototyp für eine das Horrorgenre prägende ikonische Schauergestalt
Auf einem stattlichen Gut in der tiefsten Steiermark lebt ein englischstämmiger, ehemals im österreichischen Staatsdienst stehender hochrangiger Beamter im Ruhestand mit seiner Tochter Laura und einigen wenigen Bediensteten. Es ist kein luxuriöses, aber ein angenehmes, ein beschauliches Leben. Doch die Ruhe währt nicht ewig: Eines Tages beginnen sich Berichte aus den umliegenden Dörfern zu häufen von einer seltsamen Krankheit, welche die Menschen befällt. Nach einer längeren Zeit immer größer werdender Schwäche und Siechtums sterben die Betroffenen schließlich unter unerklärlichen Umständen. Allen gemein sind zwei winzig kleine Wundmale an Brust oder Hals. Mit Bedauern muss die Familie schließlich erfahren, dass die Nichte von General Spielsdorf, eines guten Freundes, die Laura eine liebgewonnene Spielgefährtin war, derselben Krankheit zum Opfer gefallen ist, weswegen der General voller Trauer seinen angekündigten Besuch absagt.
Da scheint es eine glückliche Fügung, dass ein Kutschenunfall eine geheimnisvolle Frau auf das Grundstück der Familie verschlägt, die aus ungenannten Gründen hastig weiterreisen muss und daher ihre Tochter Carmilla für einige Monate in die Obhut des Haushalts übergeben möchte. Lauras Vater willigt großzügig ein, gerade weil er hofft, dass die Gesellschaft der jungen Dame seiner Tochter guttun wird. Carmilla und Laura entwickeln tatsächlich ein inniges Verhältnis – doch die Fremde ist ein eigentümliches Mädchen voller Stimmungsschwankungen mit Hang zur Morbidität, das gelegentlich verschwindet und häufig erst zur Mittagszeit das Zimmer verlässt. Schon bald glaubt Laura immer öfter, nachts eine Gestalt um ihr Bett huschen zu sehen, und plötzlich zeigen sich auch bei ihr die zwei Wundmale, welche die Dahingerafften zierten. Was geht hier vor sich? Wer ist Carmilla wirklich? Und wieso sieht sie dem Porträt der Gräfin Karnstein, deren Geschlecht doch längst ausgestorben ist, so überaus ähnlich ..?
‚Doch ich wollte mich nicht beruhigen, denn ich wusste, der Besuch der fremden Frau war kein Traum gewesen, und ich hatte schreckliche Angst‘
Der irische Schriftsteller Sheridan Le Fanu wurde 1814 als Sohn eines Geistlichen in Dublin geboren. Nach einem Jurastudium am Trinity College begann er ein Interesse für Journalismus zu entwickeln und zu schreiben, worauf seine ersten Erzählungen folgten. Ein höchst einschneidendes Ereignis in seinem Leben war der plötzliche Tod seiner Ehefrau nach jahrelangen Depressionen und hysterischen Ausbrüchen. Die Krise sollte er erst nach einer zehnjährigen Schreibpause überwunden haben. Vielleicht hielt deshalb so oft der Tod Einzug in seine Geschichten: Le Fanu gilt als einer der größten Vertreter der klassischen Schauerliteratur und hat die Gespenstergeschichte entscheidend mitgeprägt. Mit Abstand am bekanntesten ist seine Novelle Carmilla, die 1872 – wie viele andere seiner Werke – ursprünglich in einem Magazin veröffentlicht wurde und nun in schmuckvoller Neuauflage bei Diogenes Deluxe erschienen ist.
„Leben und Tod sind rätselhaft und unergründlich, und wir wissen nur wenig über die letzten Dinge“
Bekanntermaßen hat sich Bram Stoker für seinen Dracula stark von Carmilla inspirieren lassen, wollte den bahnbrechenden Roman sogar ursprünglich ebenfalls in der Steiermark ansiedeln. Somit ist Carmilla eine prototypische Vorfahrin des berühmtesten aller Vampire und hat die Vorstellung von diesem Wesen, zumindest in der westlichen Literatur, eingehend geprägt, auch wenn sie nicht alle Anzeichen des Vampirismus zeigt, die wir damit verbinden. Zwar nicht so häufig wie der transsilvanische Graf, aber doch nennenswert oft wurde der Stoff verfilmt oder adaptiert und ist so in unser kollektives kulturelles Gedächtnis eingeflossen, steckt noch in der DNA des Vampirs, wie wir ihn heute kennen. Bemerkenswert, vor allem für die Zeit der Entstehung der Novelle, ist die intime Anziehung zwischen Carmilla und Laura, die zwar nicht explizit als lesbisches Verhältnis benannt, aber doch unverkennbar als solches angedeutet ist. Damit ist auch der Grundstein für die erotisierenden und queeren Komponenten gelegt, die sich nicht selten in zeitgenössischen Vampirerzählungen finden.
„Liebe fordert ihre Opfer. Und kein Opfer gibt es ohne Blut“
Zugegeben, die Zutaten der Handlung vermögen heute wohl keine Lesenden mehr erschrecken, was natürlich den Jahrhunderten an Genreevolution und –imitation geschuldet ist, die seitdem vor sich gegangen sind. Auch dürften die Auflösungen der in der Handlung zentral postulierten Rätsel um Carmillas seltsame Erscheinung und Verhalten für die meisten Lesenden von Anfang an auf der Hand liegen und stellen somit kaum noch eine Spannungskurve dar. Woraus die Novelle ungeachtet dessen ihre soghafte Anziehungskraft bezieht, ist die Atmosphäre, die Le Fanu in elegantem und doch eingängigem Stil zu erschaffen vermag. Die Wurzeln des „Gothic“ ziehen sich durch die gesamte Geschichte, von den mysteriösen Todesfällen über die Beschreibungen der einsamen, kargen Dörfer und Burgen sowie wilden Landschaften, bis hin zum gruseligen Schluss. Allein das macht die flott zu lesende, nur 140 Seiten umfassende Novelle zu einem Vergnügen für Genrekenner.
Fazit:
Carmilla beleuchtet die Faszination des Vergänglichen und das Verhältnis zwischen den einander so nahestehenden Extremen von Begierde und Tod. Als Klassiker der Vampirliteratur ein Muss für jeden Horrorfan.

Joseph Sheridan Le Fanu, Diogenes

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