Das Ende der Welt wie wir sie kennen: Neue Geschichten aus Stephen Kings THE STAND

  • Buchheim Verlag
  • Erschienen: Dezember 2025
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Das Ende der Welt wie wir sie kennen: Neue Geschichten aus Stephen Kings THE STAND
Das Ende der Welt wie wir sie kennen: Neue Geschichten aus Stephen Kings THE STAND
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2026

Die Seuche, der Dämon und die Apokalypse

Zum ersten Mal ließ Stephen King die Welt im Jahre 1978 untergehen; dies jedoch nur mit jener gedämpften Wucht, die ihm der Verlag Doubleday zugestand. King hatte seinem Ehrgeiz die Sporen gegeben und eine Geschichte erzählt, ohne sich von ökonomischen Zwängen bremsen zu lassen: „The Stand“ hätte als gedrucktes Buch die 1000-Seiten-Grenze weit hinter sich gelassen. Dies war zum genannten Zeitpunkt aus Verlagssicht unmöglich: Kein Leser phantastischer Romane würde so ein dickes Buch kaufen/bezahlen wollen - da war ‚man‘ sich sicher!

Dass J. R. R. Tolkien mit dem „Herrn der Ringe“ das Gegenteil bewiesen hatte, spielte keine Rolle. Stephan King war schließlich nicht Tolkien - noch nicht, was sich in den 1980er Jahren ändern sollte. Der nicht nur einfallsreiche, sondern auch fleißige Autor stürmte mit jedem neuen Werk die Bestsellerlisten. Kein Wunder, dass King irgendwann (= 1990) doch „Das letzte Gefecht“ so über sein Publikum hereinbrechen lassen konnte, wie er es geplant hatte. Etwa 400 Seiten hatte die Erstveröffentlichung Federn lassen müssen. Diese Passagen ließ King zurückkehren und überarbeitete das Gesamtwerk außerdem. Nun spielte die Geschichte in der Gegenwart (des Jahres 1990).

Die Leser waren begeistert, und „The Stand“ startete noch einmal bzw. erst recht durch. Wenig überraschend folgten das Publikum gern einer Geschichte, die ihm gefiel. „Das letzte Gefecht“ hätte sich sogar über deutlich mehr Buchseiten erstrecken dürfen. Die Fans waren süchtig, liebten die komplexe, oft weite Exkurse einschlagende Story und die Figuren - die ‚Guten‘ wie die ‚Bösen‘. King trug dem auf seine Weise Rechnung, indem er Teile seines Epos’ vom „Dunklen Turm“ nicht nur in jener Welt spielen ließ, die „Captain Trips“ entvölkert hatte, sondern auch den Primär-Bösewicht Randall Flagg in neuer Gestalt wiederkehren ließ.

Der Wunsch nach weiteren Infernos

„The Stand“ blieb auch im 21. Jahrhundert ein beliebtes und buchmarktpräsentes Werk. Zwei Umsetzungen als Mini-Serien (1994 und 2020/21) konnten ungeachtet ihrer suboptimalen Qualität daran nichts ändern. Längst sind neue Generationen herangewachsen, die nicht nur lesend, sondern auch schreibend dem Meister und seinem Werk ihre Reverenz erweisen.

Dies nutzten Christopher Golden und Brian Keene, die selbst schriftstellerisch bzw. phantastisch aktiv sind. Sie wollten Autorenkollegen und -kolleginnen bitten, in die Welt von „The Stand“ zurückzukehren und diese mit eigenen Beiträgen zu erweitern. Das Konzept war kein Debüt; 2024 hatte das Duo „The Drive-In Multiplex“ veröffentlicht. Hier spielen die Beiträge in dem von Joe R. Lansdale (der in dieser Kollektion vertreten ist) geschaffenen „Drive-In“-Mikrokosmos, der ebenfalls Kultstatus erreicht hat.

In einem Vorwort erinnert sich Golden daran, wie er Stephen King eine ‚Rückkehr‘ in die Welt von Captain Trips, Abagail Freemantle und Randall Flagg vorschlug - und von dessen Zustimmung (angeblich) überrascht wurde. Also schrieben Golden und Keene das Projekt aus. Die Resonanz war offensichtlich enorm, denn „Das Ende der Welt wie wir sie kennen“ kann vom Umfang mit dem Originalroman gut mithalten. 34 Autor/innen siedelten ihre Geschichten in den unzähligen Nischen an, die „The Stand“ ihnen bot.

Zwischen Mehrwert und getretenem Quark

Das Ergebnis dürfte nicht überraschen: Wie in jeder einem bestimmten Thema gewidmeten Anthologie finden wir Geschichten, die mehr oder weniger der Vorlage folgen. Ungeachtet der erzählerischen Qualität überwiegen deshalb Beiträge, die dem Originalwerk eher oberflächlich ihren Tribut zollen. Tatsächlich legen viele Autoren einfach eine ‚typische‘ Post-Doomsday-Story vor, die nur dank einiger nebensächlich eingeflochtener Anmerkungen „The-Stand“-Relevanz bekommen. In einigen Sätzen tauchen Mutter Abagail oder Randall Flagg auf, die im Hintergrund munkeln, bevor die Figuren zu eigenen Problemen zurückkehren.

Deshalb ist ebenfalls nicht verwunderlich, dass die meisten Storys im ersten von fünf Großkapiteln („Niedergestreckt von der Seuche“) an jenen Ereignisstrang anknüpfen, der dem eigentlichen „Letzten Gefecht“ vorausgeht: „Captain Trips“ kommt über das Land und über die Menschen. Die Zivilisation bricht zusammen, und in ihren Trümmern regt sich Hässliches, bisher durch Recht und Moral in Zaum Gehaltenes. Übergeschnappte Prepper jagen Frauen, die sie nicht nur schänden, sondern auch fressen, Warlords und Möchtegern-Hitlers bauen sich auf Gewalt gründende Miniaturreiche auf. (Wer wissen möchte, was sonst noch in dieser Richtung möglich ist, schaue sich eine Staffel der Serien „The Walking Dead“ oder „The Last of Us“ an.)

Solche Geschichten sind durchaus spannend, aber ihre Erzähler bieten keine Überraschungen oder betreten gar Neuland. (Wobei die Frage im Raum steht, ob dies von der „The-Stand“-Gemeinde überhaupt gewünscht ist: Was man mag, möchte man in möglichst ‚reiner‘ Form vorgesetzt bekommen.) Das ändert sich nur bedingt, wenn tatsächlich Figuren der Vorlage aufgegriffen werden; so sorgt eine Story wie „Abagails Gethsemane“ (von Wayne Brady und Maurice Broaddus), die prägende Erfahrungen einer noch jungen Abagail Freemantle darstellt, nicht wirklich für jenen Mehrwert, den man sich von dieser Sammlung erhofft.

Die Welt ist größer als die USA

In „The Stand“ deutete King nur an, dass die von ihm inszenierte Apokalypse die gesamte Erde traf. Sein Argument dafür, sich auf die USA zu beschränken, war jenseits der ‚Ortskenntnis‘, die ihm sein Opus erleichtern würde, der Hinweis darauf, dass der Kampf mit dem leibhaftigen Bösen, also mit Randall Flagg, tatsächlich in den USA stattfand. Der Rest der Welt lag im Sterben, musste aber nicht zusätzlich mit einem Dämonen und seinen Schergen raufen.

Dass dies der ‚Wirklichkeit‘ entspricht, unterstreicht Usman T. Malik in „Die Moschee am Ende der Welt“. Diese Geschichte spielt in Pakistan und in einem muslimisch geprägten Milieu. Malik lässt Flagg, aber auch Mutter Abagail in den Träumen auftauchen, die auch in Südostasien die Menschen heimsuchen, wo sie als seltsam, aber nicht als bedrohlich oder relevant aufgefasst werden. Stattdessen beschwört Malik die genretypische Konfrontation zwischen friedlichen Überlebenden und machtgierigen, brutalen Vertretern der untergegangenen Weltordnung herauf, bettet sie jedoch in das  Umfeld ein und sorgt so für eine neue Perspektive. Ähnlich nutzt Cynthia Pelayo in „Milagros“ die Insel Puerto Rico als Schauplatz, und in Tim Lebbons „Im letzten Orbit“ beobachten wir Pechvögel, die in ihrer Raumstation um die Erde kreisen und erleben müssen, wie ‚unter‘ ihnen die Lichter ausgehen.

„Captain Trips“ verändert die Welt. Das betrifft nicht nur die Menschen. Catriona Ward schildert in „Der afrikanische Wildhund“ die Apokalypse aus der Sicht zweier Wildhunde, die ihrem Zoo entkommen können, aber auf dem Weg in die Freiheit ähnlich desillusionierende und traumatisierende Erfahrungen machen müssen wie die Menschen: eine interessante Variante!

Ausbleibende Paradiese

King hatte vor allzu hochgesteckten Hoffnungen gewarnt: Der Mensch fiel bereits wieder in alte, falsche Verhaltensmuster zurück, sodass die ‚neue‘ der ‚alten‘ Welt stärker zu gleichen begann, als ihren Bewohnern guttun konnte. Zudem gab es einen Epilog, in dem Randall Flagg zwar machtlos, aber quicklebendig und so böse und unternehmungslustig wie eh’ und je den nächsten Anlauf zur Welteroberung nahm.

In zwei Großkapiteln („Das Leben ist ein Rad“ und „Andere als diese Welten“) lassen uns die Autoren in mögliche Zukünfte nach dem Ende der Flagg-Episode schauen. Er mag zwar (vorläufig) verschwunden sein, doch die Welt liegt weiterhin in Trümmern. Der Neubeginn ist folglich schwer und wird von zahlreichen Rückschlägen begleitet. „Captain Trips“ kehrt in neuen Varianten zurück; die nach der Apokalypse irgendwann explodierenden Atomkraftwerke lassen neue Seuchen sowie Mutanten entstehen, die von den ‚normalen‘ Menschen gefürchtet und bekämpft werden. Die Zivilisation kann sich nicht durchsetzen, und die Restmenschheit zerfällt in primitive Stämme, die unschönen Riten frönen.

David J. Schow beschreibt in „Walk on Gilded Splinters“ den schwierigen Versuch, aus ferner Zukunft auf die Ära des „Letzten Gefechts“ zurückzublicken. Aus dieser Zeit haben sich kaum Quellen erhalten. Historiker bemühen sich verzweifelt, die wenigen Informationsfetzen zu begreifen und in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Die Ergebnisse sind ebenso komisch wie tragisch: Ein wichtiger Teil der Menschheitschronik ist mitsamt der einst aus den Ereignissen gezogenen Lehren verloren.

So bieten 34 Storys „Stand“-Grusel genug, um diverse inhaltliche Wiederholungen zu kompensieren. Stilistisch orientieren die Autoren sich mehrheitlich an Stephen King; den Herausgebern dürfte dies ebenso gefallen wie den meisten Lesern, da das wirklich freie Spiel mit der Vorlage wie bereits angesprochen gar nicht angestrebt wird. Wir freuen uns über einen 1,2 kg schwerer Horror-Brocken, wie er uns hierzulande selten vorgesetzt wird. Das Layout ist schlicht, das Buchhandwerk solide: Der Inhalt steht im Mittelpunkt! Solche prall gefüllten Wundertüten sollten öfter verteilt werden, und dem Buchheim-Verlag gebührt Respekt für das Risiko, das ein Kleinverlag mit einem Projekt solchen Umfangs eingeht!

Fazit:

In 34 Storys wird in bekannte, aber auch unbekannte Winkel einer Erde geleuchtet, deren Bewohner nicht nur den Zusammenbruch der Zivilisation, sondern auch die Attacken eines machthungrigen Dämons überstehen müssen. Thematisch werden meist vorlagenbekannten Bretter gebohrt, aber die Buchvorlage erfährt auch überraschende Erweiterungen und wird zu einem Band, den sich nicht nur Stephen-King-Fans (gelesen) ins Regal stellen sollten.

Das Ende der Welt wie wir sie kennen: Neue Geschichten aus Stephen Kings THE STAND

Christopher Golden, Brian Keene, Buchheim Verlag

Das Ende der Welt wie wir sie kennen: Neue Geschichten aus Stephen Kings THE STAND

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