Das Labyrinth

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 1991
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Das Labyrinth
Das Labyrinth
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2025

Was des Nachts im Schloss umgeht

Das schottische Craven Castle steht 1905 seit sechs Jahrhunderten, und so lange residieren dort die Barone von McTeam als lebenslustig-ausbeuterische Edelherren, wobei vor nun zweihundert Jahren eine dramatische Veränderung eintrat. Der Besitz wird seither nicht mehr an die erstgeborenen Söhne, sondern nur noch an die Neffen vererbt, die sich keinesfalls verheiraten dürfen! Frauen werden auf dem Schloss nur geduldet, wenn sie verwitwet oder alleinstehend sind. Bauliche Veränderungen oder gar Modernisierungen im Inneren des riesigen, verwinkelten Gebäudes sind nur dort erfolgt, wo man Fenster vermauerte oder Mauern so erhöhte, dass niemand von außen in das Haus hineinsehen kann.

Selten werden Gäste eingeladen. Wenn sie kommen, müssen sie sich an seltsame Hausregeln halten und u. a. des Nachts in ihren Zimmern einschließen. Bestimmte Räume und Gänge des Schlosses bleiben sorgfältig abgesperrt. Dies gilt auch für das zum Anwesen gehörende Labyrinth, von dem niemand weiß, was sich in seinem Zentrum befindet.

Eigentlich wollte Gerald, der aktuelle Erbe des Schlosses, diese alten Zöpfe abschneiden, zumal er sich in die junge Kitty verliebt hat. Doch nachdem er allein nach Schottland gereist ist, um sich seinen Besitz anzuschauen, löst er brieflich die Verlobung; nicht nennbare Gründe würden die Heirat verhindern. Kitty ist in Tränen aufgelöst, ihre Tante Edith empört. Sie reist in den Norden und quartiert sich im Schloss ein, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Dass es auf Craven nicht mit rechten Dingen zugeht, merkt Edith schnell. Gerald weiß Bescheid; dies verrät sein von Nervosität und Angst geprägtes Verhalten. Seltsame Geräusche in der Nacht lassen in Edith die Frage aufkeimen, ob sich womöglich jemand im Schloss aufhält, der verborgen gehalten werden will - oder muss ...

Rätsel über Rätsel

Maurice Sandoz (1892-1958) gehört zu den weitgehend vergessenen Autoren nicht nur der Phantastik. Sein Werk und dessen Qualitäten kennen wenige Eingeweihte, die sich in der mitteleuropäischen Literaturgeschichte der 1920er bis 1950er Jahre auskennen. Selbst in seiner Heimat, der Schweiz, erinnert man sich selten an diesen Mann. Wenn er Erwähnung findet, dann als einer von drei Brüdern, die den Chemie-Konzern „Sandoz“ erbten, was Maurice jenen angenehmen Reichtum garantierte, der ihm ein Dasein als Künstler, Weltenbummler und Lebemann ermöglichte.

Begabt war er zweifellos. Seit den 1930er Jahren ließ Sandoz ein Faible für die Phantastik erkennen. Er schrieb nicht für das Honorar, weshalb er seine Werke lange nur in geringen Auflagen drucken, aber bibliophil-hochwertig ausstatten ließ; so schuf Salvatore Dalí mehrere Titelbilder. Stattdessen war Sandoz bemüht, seiner Sicht auf das Übernatürliche Ausdruck zu verleihen. Jacques Michel-Pittier, selbst Schriftsteller und seit vielen Jahren fasziniert von Sandoz, erläutert in einem ausführlichen Nachwort, das dankenswerterweise dieser Neuausgabe des Romans angefügt wurde, dessen Eigenheiten.

Sandoz bedient sich der Sprache des klassischen Horrors, den er auch in „Das Labyrinth“ immer wieder anklingen lässt. Was geht vor auf Schloss Craven? Viele Seiten füllt der Autor mit Zitaten, die Seltsames aus der Vergangenheit des Hauses nicht berichten, sondern andeuten. Auch die wenigen Zeitzeugen, die selbst zu Gast auf Craven waren, tragen keine echten Informationen bei, sondern erweitern das Rätsel durch eigene, rätselhafte Erlebnisse, die sich nie zu einem plausiblen Erklärungsgefüge zusammensetzen lassen.

Der Druck der Konventionen

Wir Leser werden mit Puzzleteilen förmlich bombardiert. Stellvertretend entwirft Edith Murray, die diese Geschichte erzählt, zahlreiche Lösungsansätze. Ihr fehlen indes lange die Beweise, wofür ein Verfasser sorgt, der den Schleier selbstverständlich erst in einem nur bedingt aufregenden, sondern vor allem erklärenden Finale hebt.

Bis es soweit ist, werden nicht nur die Mysterien von Craven dramatisch; eine Dramatik allerdings, die heute schwer verständlich ist. „Das Labyrinth“ ist ein doppeldeutiger Titel. Er weist zum einen auf das Schloss der Rätsel hin, thematisiert aber zum anderen sehr reale Probleme, die das Leben einst selbst oder gerade dann beeinträchtigten, wenn man zu den Reichen und Mächtigen gehörte. Sie waren zwar den Beschwernissen des Alltagslebens enthoben, doch diese wurden ersetzt durch meist ungeschriebene, aber eherne Regeln, die das Gesellschaftsleben diktierten. Riten und Traditionen bestimmten den Alltag, der sich in ein erstickendes Korsett verwandelte.

Schon bevor Gerald McTeam nach Schottland reist, ist er in solchen Konventionen gefangen. Die geliebte Kitty bittet er nicht etwa selbst um deren Hand, sondern überlässt dies der Tante. Der ‚Antrag‘ wird akzeptiert; anschließend kommt heraus, dass Gerald und Kitty schon seit Jahren verliebt sind, aber wortlos umeinander schleichen. Als Gerald aus Craven eintrifft, gibt er wie sämtliche Hausherren seit zwei Jahrhunderten sofort sein Leben auf, als er mit dem Schlossgeheimnis vertraut gemacht wird. Würde es öffentlich, wäre die Familie McTeam buchstäblich erledigt. Es gehört zu den Pflichten eines wahren Edelmanns, das eigene Glück zum Wohle des guten Familienrufes zu vernachlässigen.

Schritt für Schritt, Stück für Stück

Tante Edith reist zwar mit dem Willen zur Aufklärung nach Schottland, vermag aber nie wirklich über ihren Schatten zu springen: Sie ist fest in die Gesellschaft eingebunden und gedenkt nicht, dieses für sie elementare Netzwerk aufzugeben. Deshalb führt Sandoz einen männlichen Gast ein, der Craven ebenfalls besucht, um das Rätsel zu klären. Er ist wesentlich freier in seinen Nachforschungen, deshalb bald im Bilde über die Wahrheit - und nun selbst nicht mehr bereit zu reden, um Edith, die „schwache Frau“, zu „schonen“!

Letztlich erfährt sie nur, was gespielt wird, weil Gerald sie in Kenntnis setzt. Er ist nun frei und umgehend wieder an einer Heirat mit Kitty interessiert; Edith soll erneut für ihn sprechen. Die Auflösung des über viele, viele Seiten mit Fragezeichen förmlich aufgepumpten Rätsel erfolgt eher nebenbei. Es kann der geschürten Erwartung nicht gerecht werden. Die Literaturkritik urteilt anders: Demnach erschafft Sandoz eine „verfremdete Realität“, die selbst das heraufbeschworene Grauen in den Schatten stellt, weil es dem Leser jegliche Sicherheit raubt. Das kann man so hinnehmen, muss es aber nicht, was einen jedoch als ignoranten Blindfisch im Reich der literarisch wertvollen Phantastik brandmarkt. Nichtsdestotrotz liest sich „Das Labyrinth“ kurzweilig. Die Story wirkt wie eine Mustervorlage für die Inszenierung spannender Rätsel. Sandoz zieht seine Geschichte darüber hinaus nicht in die Länge, was ein weiterer Grund ist, antiquarisch nach dieser kleinen, klassischen Perle zu fahnden.

„Das Labyrinth“ ist der dritte Band einer „Bibliothek des Phantastischen“, in der ab 1990 der DuMont-Verlag klassische und moderne Meisterwerke des Unheimlichen neu oder sogar zum ersten Mal veröffentlichte. Die Reihe wurde parallel zur „Kriminalbibliothek“ des Verlags, die ebenso Verdienstvolles für den Kriminalroman leistete, ins Leben gerufen. Leider war der „Bibliothek des Phantastischen“ kein Erfolg beschieden. Zu anspruchsvoll war wohl das Programm, zu klein der Kreis der Leser, die sich dafür begeisterten. Nur zwölf Ausgaben erschienen, bevor die Reihe eingestellt wurde.

Fazit:

Rätselhaftes geht in einem alten Schloss vor, dem lange vergeblich, aber spannend auf den Grund gegangen wird, bevor enthüllt wird, was vorging: Ist man bereit, sich auf eine sehr spezifische Art der Handlungsführung einzulassen, wird man mit einem nostalgisch altmodischen oder besser: zeitlosen Grusel- und Mystery-Garn belohnt.

Das Labyrinth

Maurice Sandoz, DuMont

Das Labyrinth

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