Der Affe, der Idiot und andere Leute (Untote Klassiker 2)
- Jojomedia Verlag
- Erschienen: Mai 2020
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Es kommt immer anders, aber selten besser
14 Geschichten über Menschen, deren Leben meist grausige Wendungen nehmen:
- Jo Piccol: Vorwort: Von grausamen Schicksalen, Tod und Erlösung: William Chambers Morrow: Der große Unbekannte der klassischen Weird Fiction, S. 7-24
- Die Auferstehung der kleinen Wang Tai (The Ape and the Idiot; 1891), S. 25-38: Was der entflohene Affe und der flüchtige Irrsinnige auf dem Friedhof anstellten, lässt das Wunder völlig in den Hintergrund geraten.
- Der Held der Seuche (The Man from Georgia; 1880), S. 39-60: Sein verpfuschtes Leben endet in Anerkennung und Erfüllung.
- Sein unbesiegbarer Feind (His Unconquerable Enemy; 1889), S. 61-78: Auch ohne Arme und Beine weiß sich der Gefangene an seinem Peiniger zu rächen.
- Das feststeckende Stilett (The Permanent Stiletto; 1889), S. 79-100: Der geniale Doktor rettet ihm das Leben, aber die Hand des Schicksals schwebt von nun an buchstäblich über seinem Herzen.
- Bei einer Flasche Absinth (Over an Absinthe Bottle; 1893), S. 101-118: Ein Würfelspiel nimmt für beide Beteiligten ein bizarres Ende.
- Der Kerkerinsasse (The Inmate of the Dungeon; 1897), S. 119-142: Sein Rachedurst ließ ihn alle Qualen überleben, doch dann behandelt man ihn plötzlich freundlich.
- Ein ehrenhaftes Spiel (A Game of Honor; 1897), S. 143-154: In der Diskussion mit einem hungrigen Haifisch findet er seine verlorene Ehre wieder.
- Der heimtückische Velasco (A Tragedy on the Ranch; 1892), S. 155-174: Seiner eigentlichen Strafe entgeht er, aber das Schicksal übersieht ihn nicht.
- Eine ungewöhnliche Sicht der Dinge (An Unusual Conclusion; 1890), S. 175-192: Wie kann sich der gehörnte Ehemann am grausamsten an seiner Gattin und ihrem Liebhaber rächen?
- Ein Hilferuf aus dem Meer (A Story Told by the Sea; 1890), S. 193-216: Sie stranden auf einer einsamen Insel, aber die Einheimischen sind sehr, sehr gastfreundlich.
- Der Monstermacher (The Surgeon's Experiment; 1887), S. 217-244: Für den irren Forscher erfüllt sich ein Lebenstraum, als ihm das ideale Versuchssubjekt ins einsame Haus schneit.
- Originelle Rache (An Original Revenge; 1897), S. 245-254: Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern lässt auch Herzen stillstehen.
- Zwei außergewöhnliche Männer (Two Singular Men; 1897), S. 255-272: Ein Zirkusfreak und ein Buchhalter kämpfen ebenso eifersüchtig wie einfallsreich (bzw. hinterlistig) um eine Frau.
- Das anhängliche Amulett (The Faithful Amulet; 1897); S. 273-288: Der Dieb unterschätzt die Kraft, mit der es den Glücksbringer zu seinem eigentlichen Besitzer zieht, was beträchtlichen Sach- und Personenschaden nach sich zieht.
- Originaltitel und Erscheinungsjahr der Geschichten, S. 289/90
Eine erfreuliche (Wieder-) Entdeckung
Das Bild des klassischen Horrors wird allgemein von den Texten geprägt, die ihren Weg in einschlägige Anthologien finden. In der Regel wird ziemlich eindeutig gespukt, wobei Geistergrimm und Opferangst anschaulich beschrieben werden und die erwünschte Publikumswirkung erzielen. Hintergründig wird es höchstens, wenn die „Psychologie“ ins Spiel kommt, d. h. der übernatürliche Grusel mit dem realen Schaden im Dach bzw. Menschenhirn konkurrieren muss, wobei dieses Rennen im Finale möglichst kopfgleich enden muss, um literarisch anerkannt zu werden: Der wahre Schrecken liegt demnach in der stetigen Irritation; eine Theorie, die angezweifelt werden muss.
Dies zeigt eindrucksvoll diese Sammlung, die bereits mit ihrem Titel für Aufmerksamkeit sorgt (da der Begriff „Idiot“ moralische Bedenken der bedeutungsscheinschwangeren Art hervorruft, heutzutage erst recht). Tatsächlich muss man sich während der Lektüre mehr als einmal ins Gedächtnis zurückrufen, dass diese Erzählungen bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie wirken einfach zu modern für eine Ära, die wir mit hundertfach berockten Frauen und zylinderbehüteten Männern gleichsetzen, die stocksteif durchs Leben stolzierten und in ihren Häusern schalldichte Kellerräume einrichteten, um etwaige Gefühlsausbrüche privat zu halten.
William Chambers Morrow (1854 -1923) war ein Journalist und Schriftsteller, dessen literarisches Talent oft mit dem seines Zeitgenossen (und Freundes) Ambrose Bierce (1842-1913/14) verglichen wird. Dessen Werk wurde von Bewunderern bewahrt und festigte seinen Ruf als Meister der modernen US-amerikanischen Literatur. Morrow hatte Pech: Er geriet in Vergessenheit, was er keineswegs verdient hat. Zu seinen Lebzeiten erschienen seine Kurzgeschichten in Zeitungen und anderen kurzlebigen Publikationen. „Der Affe, der Idiot und andere Leute“ war der einzige Band, in dem Morrow 14 seiner Storys sammelte. Nachdem hierzulande nur vereinzelt und verstreut einzelne Texte erschienen sind, ist dies der erste Band, der seinen Verfassernamen trägt.
Es kann jederzeit schlimmer kommen
Das Wenige, was man (noch) über Morrow weiß, fasst Herausgeber Jo Piccol in seinem ausführlichen, informationsreichen Vorwort zusammen. (Von ihm stammt außerdem die vorzügliche Übersetzung, und schließlich ist er verantwortlich für die ausgezeichnete handwerkliche Qualität dieses Buches, dessen Lektüre auch deshalb die Laune hebt!) Wir erfahren, dass die Erzählungen dem eingangs skizzierte Horror-Klassik nur zum Teil entsprechen: Morrow schrieb „Contes Cruels“ = „grausame Geschichten“, die eine prominente Position in der Ahnenreihe späterer Blut- und Gekrösespritzereien à la „Splatter“ und „Gore“ einnehmen.
So derb geht Morrow nicht zu Werke, aber das sorgt nicht für Erleichterung, denn an gemeinen Zwangssituationen mit hässlichen Folgen spart er keineswegs. Dazu passt ein schwarzhumoriger Unterton, dem dem Ganzen eine zynische Leichtigkeit gibt. Schon die Auftaktstory bringt es perfekt unter einen Hut: „Die Auferstehung der kleinen Wang Tai“ findet unter Umständen statt, die den Leser stets hoffen lassen, dass es der Autor gut sein lässt. Stattdessen sorgt Morrow für einen gänzlich unerwarteten Twist, der sich jedoch perfekt in die ebenso schaurige wie traurige Handlung einfügt.
Ähnlich bizarr ist die weniger böse als bizarre Auflösung des Duells zwischen einem gewaltbereiten Räuber und einer entschlossenen Pionierfrau („Der heimtückische Velasco“). Als alle Protagonisten (und der Leser) sich zum glücklichen Ausgang des Dramas gratulieren, greift das Schicksal ein, weil es offenbar unzufrieden über die Schonung des Strolches ist. Die Ereignisse gipfeln im eigentlichen, turbulent-schmerzhaften Höhepunkt, der an Wahnwitz und Spektakel freilich von „Das anhängliche Amulett“ weit in den Schatten gestellt wird! Die Abfolge sich stetig steigernder, schräger Katastrophen lädt in beiden Fällen zu Grausen & Gelächter ein.
Der Mensch ist des Menschen Monster
„Echter“ Spuk kommt nicht vor, und wenn er doch suggeriert wird, versteckt sich dahinter eine besonders raffinierte = hinterhältige Täuschung, die einen perfekten Mord („Originelle Rache“) oder den abseitigen ‚Triumph‘ einer reinen, skrupellosen Wissenschaft verbirgt („Der Monstermacher“; fast eine Persiflage auf den genretypischen „mad scientist“). Ohnehin könnte kein Phantom mit dem Schrecken konkurrieren, den Morrow in den Köpfen seiner Protagonisten weckt und der durchaus töten kann („Das feststeckende Stilett“, „Bei einer Flasche Absinth“). Der Wahnsinn spiegelt sich quasi in einem Vergrößerungsglas wider, wobei Morrow darauf achtet, die absurden Konsequenzen mit einem alltäglichen Ereignis beginnen zu lassen, das er dann schrittweise und völlig plausibel eskalieren lässt („Ein ehrenhaftes Spiel“ und ganz besonders heimtückisch: „Sein unbesiegbarer Feind“ und „Eine ungewöhnliche Sicht der Dinge“).
Nicht immer jagt Morrow seine Protagonisten kompromisslos in die Hölle („Ein Hilferuf aus dem Meer“). Das bedeutet keineswegs, dass es ihnen besser ergeht. In „Der Held der Seuche“ ist die ersehnte Erlösung identisch mit dem Tod, während in „Der Kerkerinsasse“ die scheinbar unwiderstehliche, Sisu-hafte Widerstandskraft des durch grausame Strafen abgehärteten und grimmig zur Rache entschlossenen Gefangene verpufft, als ihn sein Feind plötzlich als Mensch behandelt. Ohne Opfer, aber mit einem ironischen Hohelied auf die US-amerikanische Ellbogenmentalität endet die überhaupt groteske Brautschau im Milieu der zeitgenössischen Freakshows („Zwei außergewöhnliche Männer“).
„Der Affe, der Idiot und andere Leute“ ist der zweite Band einer Reihe, in der Jo Piccol unter dem Titel „Untote Klassiker“ vergessene Story-Schätze ebensolcher Autoren präsentiert, die zu schade für den Literatur-Limbo sind. Die Reihe wurde bereits fortgesetzt, und man muss dem Projekt einfach ein gutes Gelingen wünschen!
Fazit:
Aus 14 mehr als ein Jahrhundert alten Storys ergießt sich in wohlgesetzten Worten trügerisch sacht ein Füllhorn bizarrer Schrecken, die den Menschen als Täter und Opfer in den Mittelpunkt stellen: eine beispielhafte Sammlung, die nicht nur inhaltlich, sondern auch durch Übersetzung, Layout und Buchhandwerk überzeugt.

William Chambers Morrow, Jojomedia Verlag




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