Alchemised

  • Forever Verlag (by Ullstein)
  • Erschienen: September 2025
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Alchemised
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Sebastian Fischer
30°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2026

Weniger ist mehr

„Der weltweite #1-Bestseller“, „Das internationale Phänomen“, „eine düstere Fantasy mit einer epischen Liebesgeschichte“. Dieser Roman kommt mit einer ganzen Armada an Lobpreisungen und Vorschusslorbeeren um die Ecke, dass man als Bücherwurm gar nicht anders kann, als mit großen Erwartungen und Vorfreude diesem vermeintlichen Meisterwerk entgegenzutreten.

Veröffentlicht wurde der Roman in Deutschland im September 2025. Dementsprechend schade ist es, dass diese Rezension wahrscheinlich für den ein oder anderen zu spät erscheint, um den gehypten und mit Freude beladenen Lesern Folgendes mit auf den Weg zu geben:

Das leider einzig phänomenale an diesem Roman ist, dass sich dieser literarische Fehlschlag vermeintlich so gut verkauft.

So, die Katze lasse ich also ziemlich schnell aus dem Sack. An jeden dort draußen, der auch nur halbwegs an niveauvoller Unterhaltung interessiert ist, lasst die Finger davon! Normalerweise würde ich jedem raten, sich trotz massenhafter Rezensionen im Netz und insbesondere ausführlicher Buchbesprechungen der Literatur-Couch selbst ein Bild von der Lage zu machen. Himmel, Herrgott, hier nicht. Erspart euch den Kampf, diesen Berg von Buch zu besteigen. Nutzt eure kostbare Zeit und widmet euch anderen Geschichten. „Alchemised“ ist wie ein Theaterstück, bestehend aus nur zwei halbwegs ernstzunehmenden Protagonisten, die sich mit brotlosen Dialogen duellieren. Doch sobald der Zuschauerschaft ein Niesen entfleucht, bricht das Bühnenbild wegen seines instabilen Fundaments in seine Einzelteile zusammen.

„Alchemised“ ist das perfekte Beispiel, um offenzulegen, an welcher Krankheit große Teile des Romantasy-Genres leiden. An der charakterlichen Überfrachtung von Attributen und schemenhaften Kulissen. Gleichwohl scheint sich die Krankheit nicht in den Verkaufszahlen widerzuspiegeln. Woran das liegt, mag ich nicht zu beantworten, warum dieser Roman sich zu einem Fiasko entwickelt hingegen schon.

Die Nekromanten sind los

Fangen wir mal ganz nüchtern an. Das Buch lässt sich in zwei Erzählstränge einteilen. Da wären zum einen der Beginn und das Ende, die in der erzählerischen Gegenwart angesiedelt sind und bereits vom Klappentext als Wesensmerkmal des Romans angedeutet werden. Hier soll an das Interesse der Leserschaft appelliert werden. Zum anderen erhalten wir im Mittelteil des Romans einen ellenlangen Rückblick in die Geschehnisse, die zur Gefangenschaft der weiblichen Hauptfigur geführt haben.

SenLinYu skizziert in „Alchemised“ eine Welt, in der die Anwendung von Alchemie die Grundlage zu vermeintlich magischem Wirken birgt. Mithilfe sogenannter Resonanz, einer Art magischen Tastsinns, sind manche Menschen in der Lage, Metalle zu beeinflussen und zu verändern (Metallurgie), zu heilen (Vivimantie), Flammen zu kontrollieren (Pyromantie) oder sogar Tote zum Leben zu erwecken (Nekromantie). Aus diesen Fähigkeiten wird auch der Grundkonflikt dieses Romans geboren, nämlich der Kampf gegen die Anwendung der Nekromantie. Epochal lässt sich das Buch schwer einordnen, was insbesondere daran liegt, dass die Autorin ihre fiktive Welt mit so wenigen Details wie irgend möglich ausgestattet hat. Hierzu später mehr.

Geografisch fokussiert sich das Buch fast ausschließlich auf den Stadtstaat Paladia. Hier regiert die Familie Holdfast, deren männliche Mitglieder im Rahmen der Erbfolge als eine Art religiöses Staatsoberhaupt herhalten. Um ihre Gesetzgebung durchzusetzen, wird die Herrscherfamilie zusätzlich durch den Rat der Ewigen Flamme unterstützt. Tatsächlich liegt hier die eigentliche politische Macht Paladias verwurzelt. Gleichwohl gehören auch Familienmitglieder der Holdfasts diesem Rat an. Wie eingangs erwähnt, ist das Staatsoberhaupt, der sogenannte Prinzipat, mehr eine strahlende Galionsfigur, zu der die Bevölkerung in guten und schlechten Zeiten aufsehen kann, als ein Alleinherrscher.

Die Legitimation zu herrschen liegt in dem religiösen Kult begründet, der in Paladia sein Unwesen treibt. Die Holdfasts herrschen gottgewollt über die Bevölkerung des Stadtstaates, ähnlich wie die Könige des mittelalterlichen Europas.

Außerdem sind die Holdfasts in der Lage, unter Zuhilfenahme ihrer Resonanzfähigkeiten Gold zu erschaffen. Sicherlich keine schlechte Eigenschaft, um kontinuierlich Kontrolle über den Staat Paladia auszuüben. Als Gegenpol zu den oben beschriebenen Institutionen sind Familiengilden zu nennen, die ebenfalls durch ihre speziellen Fähigkeiten innerhalb des alchemistischen Spektrums zu den Leitsäulen Paladias gehören.

Diese Dynastien sind es leid, sich der Autorität und den spirituellen Leitlinien der Ewigen Flamme zu beugen, und verbünden sich deshalb mit dem mächtigen Nekromanten Fürst Morrough. Politische Eigenständigkeit und das Versprechen der Unsterblichkeit treiben einen Großteil der Bevölkerung in die lockenden Arme des Nekromanten. Ohne viel Federlesens stürzen sich die Gilden in einen Krieg gegen die Holdfasts. Dieser Krieg scheint unausweichlich, da die Ewige Flamme das Anwenden der Nekromantie nicht dulden kann. Ihre Religion sieht darin einen unwiderruflichen Verstoß gegen die Unveränderbarkeit des menschlichen Lebens. Die Ewige Flamme sieht sich als Bollwerk, das gegen jedwede Durchführung von Nekromantie mit voller Härte vorzugehen hat.

In diesem politischen und kriegerischen Beben präsentiert uns die Autorin zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Da wäre zum einen Helena, die in jungen Jahren nach Paladia gekommen ist, um am berühmten Institut der Alchemie zu studieren, und zum anderen Kaine Ferron, Sohn einer mächtigen Familie aus Eisenalchemisten und Anhänger Morroughs. Helena dagegen ist bekennende Anhängerin der Ewigen Flamme und dem Prinzipaten Luc Holdfast loyal ergeben.

Neben unseren beiden Hauptfiguren gibt uns der Roman eine Reihe weiterer Figuren an die Hand. Erwähnenswert sind hier insbesondere die Familienmitglieder der Holdfasts und weitere Anhänger des Widerstandes, die emsig die toten Schergen der Nekromanten bekämpfen. Hierzu später mehr.

Zu Beginn des Romans ist der von mir beschriebene Krieg bereits entschieden. Morrough und seine Verbündeten haben ihren Staatsstreich erfolgreich beenden können und die Ewige Flamme vernichtet. Der Leser steigt in die Handlung ein, als Helena aus einer Art künstlichem Schlaf erwacht und sich als Gefangene des neuen Herrschers wiederfindet. Es hat den Anschein, als sei sie das letzte lebende Mitglied des Widerstandes. Ihre Erinnerungen an den Ausgang des Krieges wurden jedoch manipuliert. Kaine Ferron, mittlerweile ein gefürchtetes Mitglied der nun herrschenden Elite, wird beauftragt, die verborgene Erinnerung zutage zu fördern, um mögliche Gefahren für Morrough im Keim zu ersticken. Dafür soll er mit seinen speziellen Fähigkeiten in Helenas Geist eindringen.

Um es also auf den Punkt zu bringen, das ist nämlich mitnichten eine Überraschung (wer diese Art von Buch kauft, weiß, worauf er sich einlässt): Wir bekommen ein Szenario vorgesetzt, in dem unsere Protagonistin vom Feind gefoltert wird, sich obgleich dieser markerschütternden Umstände ihrem Peiniger annähert und zwar nicht, um nett zu plaudern und Kindheitserinnerungen auszutauschen oder dem Sonnenuntergang entgegen zu flanieren, sondern um den Gelüsten der Lenden zu frönen.

Nach gut einem Drittel des Buches macht der Handlungsstrang dann eine Rolle rückwärts und versetzt uns mithilfe einer Rückblende in die Zeiten der letzten Kriegsmonate, die schlussendlich zur Niederlage der Ewigen Flamme geführt haben. Diese Rückblende macht einen großen Teil des Romans aus, bevor die Geschehnisse gegen Ende des Romans wieder in die Gegenwart springen. Ich werde versuchen, die Bewertung der Rückblende inhaltlich offen zu gestalten, um nicht zu viel von den Geschehnissen zu verraten, falls es tatsächlich doch noch jemanden gibt, der den Mut und das Durchhaltevermögen besitzt, sich mit diesem Roman auseinanderzusetzen.

Gegenwart

Die Ausgangslage ist klar. Die grundlegende Idee, die als Fan-Fiction zu Harry Potter begann (eine Art Paralleluniversum, in dem Voldemort gewinnt und Hermine sich mit Draco Malfoy die Zeit vertreibt), jedoch massiv umgeschrieben worden ist, um als eigenständiges Werk zu fungieren, entfacht das Feuer der Neugierde in uns. So weit, so gut. Die Autorin möchte den Lesenden in diesem ersten Abschnitt die innere Zerrissenheit der Protagonistin offenlegen, sodass wir Leser alle Werkzeuge an die Hand bekommen, um Helenas Leiden zu sezieren. Wir sollen teilhaben, mitfühlen und verstehen. Helenas Gewissenskonflikt, sich nach Nähe zu ihrem Peiniger zu sehnen, der alles symbolisiert, was sie verachtet, ihre Prinzipien und Loyalität gegenüber der Ewigen Flamme, werden zur Zerreißprobe. Tatsächlich gelingt der Autorin zu einem gewissen Grad das Kunststück, eine morbide Faszination für das Geschehen auszulösen. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher wird, dass das Handlungskonstrukt, das die beiden Turteltäubchen umgibt, blasser daherkommt als die Haut eines Nekromanten. Wer diese Art von Emotionen transportieren möchte, braucht einen gesicherten Rahmen, der die Masse an Empfindungen tragen kann. Der Konflikt, das Worldbuilding, allein die fiktiv historische Struktur des Romans bleiben derart vage und unzureichend skizziert, dass jedwede Spannung und Neugierde, die zu keimen begann, unter der Substanz an gleichförmigen und detailfremden Kapiteln begraben wird. Um zu verdeutlichen, was mit meinen Ausführungen gemeint ist, fokussieren wir uns nun auf die Rückblende des Buches.

Vergangenheit

Sobald der Leser in die Kapitel der letzten Kriegsmonate eintaucht, wird die Hoffnung auf mehr Handlungstiefe überdeutlich. Die Enttäuschung ist dementsprechend umso größer, sobald die Leserschaft zu merken beginnt, dass auch in diesem Teil des Buches nicht viel zu holen ist.

Fangen wir mal einfach an. Im Laufe der Handlung erfahren wir, dass es in Paladia Elektrizität und Automobile gibt. Weitere Informationen über den technischen Fortschritt Paladias sind kaum zu finden. Da Krieg in diesem Roman eine zentrale Rolle spielt, wäre es ja interessant zu wissen, wie sich die Kriegsparteien bekämpfen. Da das Buch aus Helenas Sicht verfasst worden ist, dient allein sie uns als Informationsquelle. Wenn sie also ihre kämpfenden Mitmenschen beschreibt – sie selbst ist Vivimantin und dementsprechend Heilerin –, ist lediglich von „Rüstungen“ und „Waffen“ die Rede. Mehr nicht. Ob es sich hierbei um Kochlöffel, Schwerter oder Schusswaffen handelt, bleibt völlig offen. Ist das Durchhaltevermögen groß, erfahren wir irgendwann dann doch, dass die meisten Alchemisten mit Schwertern und Dolchen unterwegs sind. Angeblich sind diese Waffen gegen Untote wohl zielführender. Warum, fragt ihr mich? Ich habe keinen Schimmer. Womit Soldaten, die keine alchemistischen Fähigkeiten besitzen, kämpfen – keine Ahnung. In diesem Fall tippe ich auf Kochlöffel. Wobei gar nicht wirklich deutlich wird, in welcher Form die Kämpfe der Kriegsparteien stattfinden. Ob nun nur Untote und Alchemisten kämpfen oder auch normalsterbliche Bürger, wird nicht wirklich erwähnt. Auch ist völlig unklar, ob es Schusswaffen gibt, was grundsätzlich innerhalb der Fiktion naheliegend wäre. Bomben scheint es jedenfalls zu geben. Auch die alchemistischen Vorgänge wirken lückenhaft oder werden im Laufe der Handlung so angepasst, dass vermeintlich spannende Momente erzeugt werden können, beispielsweise als wir erfahren, dass die Untoten nur Bewegungen wahrnehmen können (dann sollte es ja ein Leichtes sein, sie zu bekämpfen oder auszutricksen).

Dieser Roman will düster sein, schreibt sich dieses Attribut dick und fett auf seine Fahne. Nur leider bekommen wir davon nicht wirklich viel mit. Die Zivilbevölkerung Paladias bleibt völlig außen vor. Durch Helenas Augen lernen wir lediglich die Abläufe des Krankenhauses kennen, in dem als Patienten regelmäßig immer dieselben überzeichneten Figuren landen. Die Rede ist von Luc Holdfast und seinen engsten Verbündeten. Im Grunde ein Haufen religiöser Fanatiker, die den Krieg als eine Art Prüfung betrachten, um durch hervorgerufenes Leid zu göttlicher Reinheit zu gelangen. Luc und sein Leibwächter stürzen sich regelmäßig mit Freude und eifernder Pflicht in den Kampf. Dabei ist der kriegerische und patriotistische Pathos, mit dem die Autorin diesen Kreis an Figuren umgibt, schier übelkeitserregend. Dagegen wirken Hollywoodproduktionen über die berühmt-berüchtigten Navy Seals oder die Jungs der Delta Force schon fast zurückhaltend.

Umso schwerer ist nachzuvollziehen, dass sich Helena bis zur letzten Faser ihres Seins dem gutaussehenden Kriegshelden und Anführer Luc verpflichtet fühlt. Er ist zugegebenermaßen fast der Einzige der Ewigen Flamme, der Helena respektvoll behandelt. Für die meisten anderen ist sie aufgrund ihrer Vivimantie ein Dorn im Auge. Denn die religiösen Hardliner der Ewigen Flamme sehen in der Vivimantie lediglich einen Vorboten zur Nekromantie. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass im Grunde nur Helena diese Abneigung wegen ihrer Fähigkeiten entgegengebracht wird. Als dem Widerstand andere Vivimanten in den Schoß fallen, werden diese von den mir erwähnten Hardlinern mit Kusshand aufgenommen. Deswegen ist es schlicht unverständlich, wieso Helena mit einer derartigen Hingabe, der Ewigen Flamme dient. Ein paar nette Worte und ein Lächeln aus Lucs schönem Gesicht scheinen hierfür auszureichen. Ihr merkt, liebe Leser und Leserinnen, dieses Buch ist ein Traum an nachvollziehbaren Strukturen.

Apropos Nachvollziehbarkeit. Durch die Rückblende wird deutlich, so viel sei verraten, dass sich Helena und Kaine sehr wohl bereits vor Kriegsende kannten. Diese Tatsache schien zu Anfang des Buches ausgeschlossen zu sein. Eine der wenigen spannenden Wendungen des Romans.

Der Leser erkennt, dass Kaine Morrough nicht so loyal ergeben ist, wie es den Anschein hatte. Unsere männliche Hauptfigur bietet dem Widerstand an, Informationen zur Verfügung zu stellen, die dabei helfen sollen, den Krieg zu gewinnen. Seine einzige Bedingung ist, er will Helena – nennen wir es mal – besitzen. Als der Widerstand Helena diese Offerte eröffnet, scheint sie sich zu keiner Sekunde zu fragen, warum Kaine ausgerechnet sie angefordert hat. Im Gegenteil, sie scheint eine Möglichkeit zu sehen, sich insbesondere für Luc, aber auch für die Ewige Flamme aufzuopfern, und geht den Handel ein. Na klar, würde jeder so machen. Gegen Ende des Romans erfahren wir dann von Kaine noch mehr über dessen Beweggründe, aber da ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, ertrunken unter Massen von genretypischen und generisch wirkenden Kapiteln, in denen Helena sich mit Kaine trifft, plumpere Dialoge als aus einem Baukasten für Klischees führt oder sich fürs Kämpfen ausbilden lässt. Das ist meist das Einzige, was Kaine interessiert: Helenas Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Also hangeln wir uns von Treffen zu Treffen, bei denen Helena die Ausbildung mal ablehnt oder ihr zustimmt. Natürlich führt das gemeinsame Kämpfen zu körperlicher Nähe, die sich ähnlich charmant anfühlt wie die Annäherungsversuche eines aufdringlichen Golflehrers. Diese Ödnis zieht sich über Hunderte von Seiten und erstickt jegliche Gefühle, die die beiden Hauptfiguren füreinander entwickeln. Wenn Helena mal nicht bei Kaine ist, erleben wir die immer gleichen Szenen im Krankenhaus, wo sie einem patriotischen Kämpfer nach dem anderen das Leben rettet.

Gegen Ende des Handlungsbogens, als die Geschichte endlich Fahrt aufnimmt, das gilt sowohl für das Ende der Rückblende als auch für das Finale des Gegenwartparts, ist jedwedes Spannungsgefühl bereits klinisch tot. Gleichwohl wird die Leserschaft weiterhin mit nicht zu ertragenden Dialogen malträtiert. Folgendes Beispiel halte ich aus Spoilergründen bewusst vage. Als Helena einen wichtigen Krieger der Ewigen Flamme während eines Himmelfahrtskommandos aus der Gefangenschaft befreit, wird sie mit den Worten begrüßt, dass sie für solch eine Befreiungsaktion doch gar nicht ausgebildet sei und das doch lieber den Profis überlassen solle (wahrscheinlich meint er mit Profis die Kochlöffelspezialeinheit). Was eine Darbietung von Finesse und Originalität. Ich muss leider darauf hinweisen, dass die von mir aufgeführten Kritikpunkte nicht abschließend sind. Ich könnte noch mehr Beispiele aufzählen, doch möchte ich nicht ebenfalls in die Falle der Gleichförmigkeit tappen.

Dieser Roman hat einen gewaltigen Umfang. Leider verschwendet die Autorin unsere Zeit damit, uns mit Monotonie und lückenhaften Strukturen zu langweilen. Dabei schmerzt am meisten, dass die Grundidee, also die verbotene Liebe zwischen Helena und Kaine, viel zu kurz kommt. Sowohl in der Rückblende als auch in der Gegenwart, der Funke der Emotionen kann wegen Sauerstoffmangel nicht zur lodernden Flamme heranwachsen.

Eingangs erwähnte ich eine Krankheit, mit der das Romantasy-Genre meiner Meinung nach zu kämpfen hat. Dementsprechend möchte ich abschließend noch kurz auf die charakterliche Überfrachtung zu sprechen kommen, mit der viele Protagonisten zu kämpfen haben. Egal ob Kaine oder Luc, man wird das Gefühl nicht los, dass diese Art von Figuren in eine bestimmte Schublade gesteckt werden sollen, um den vorherrschenden und allseits beliebten „Lovetropes“ zu dienen. Denn hiermit lässt sich aktuell verdammt viel Geld verdienen. Die Protagonisten (meist männlich) müssen entweder besonders böse oder besonders strahlend daherkommen. Am besten sollen sie in all ihren Eigenschaften die Genre-Konkurrenz noch übertreffen. Gleichzeitig werden sie aber mit einer Ambivalenz ausgestattet, die die Vielschichtigkeit des Charakters hervorheben soll. In diesem Prozess wird jedoch oft über das Ziel hinausgeschossen und zu grobschlächtig vorgegangen. Die Hauptfigur ist bösartig und furchterregend, arrogant und gutaussehend, gleichzeitig aber auch einfühlsam und verletzlich. Jeder dieser Aspekte wird energisch ausgestaltet. Eine Gratwanderung, die leider nicht jedem gelingt. Schießt man, wie in „Alchemised“, über das Ziel hinaus, verkommen die Protagonisten zu nicht nachvollziehbaren Witzfiguren, die genau das Gegenteil bewirken von dem, was eigentlich gewollt war. Weniger ist eben manchmal mehr.

Fazit:

Diese Rezension ist mir wahrlich nicht leichtgefallen. Meine durchaus angeschärften Kritikpunkte, stehen im Kontrast zu der Arbeit und dem Herzblut, die sich hinter der Veröffentlichung eines Romans dieser Größenordnung verbergen. Gleichwohl ist es angebracht, unter Berücksichtigung der schillernden Werbetrommel, die dieses Buch begleitet wie ein unbesiegbares Artilleriefeuer, den Finger in die Wunde zu legen.

Sein signifikantestes Hindernis bekommt der Roman ab dem Moment ans Revers geheftet, als er sich dem kriegerischen Konflikt und dem Weltenbau öffnet. Durch überspitzte Charakterzeichnungen, fehlende Nachvollziehbarkeiten und einer Kulisse mit mehr offenen Fragen, als ein Schweizer Käse Löcher hat, fällt die spannende Grundidee in sich zusammen. Übrig bleibt ein Scherbenhaufen, von dem man die Finger lassen sollte.

Alchemised

SenLinYu, Forever Verlag (by Ullstein)

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