Die Letzten der Menschheit

  • Moewig
  • Erschienen: Mai 1981
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2025

Mit einem Wimmern oder mit Babygeschrei

Im Jahre 2467 herrscht weniger Friede als Totenstille auf Erden. Nach und nach hat die Menschheit Verwaltungs- und Versorgungsdienste auf ‚intelligente‘ Roboter übertragen. Auch Regierung, Justiz oder Polizei haben sie übernommen. Der Fortschritt ist ins Stocken gekommen. Alles zerfällt, weil Ersatzteile für beschädigte Maschinen nicht mehr hergestellt werden. Ganze Stadtteile liegen in Trümmern, weil es keine Menschen gibt, die dort leben könnten.

Inzwischen zählt die Bevölkerung der USA nur wenig mehr als zwei Millionen Männer und Frauen. Sie sind die Letzten, denn Kinder werden seit einigen Jahren nicht mehr geboren. Die Überlebenden sind geistig abgestumpft und werden aufgrund einer längst vergessenen Vorschrift von der Roboterverwaltung unter Drogen gesetzt. Bildung ist ein Wort aus der Vergangenheit. Kollektive Selbstmorde sind an der Tagesordnung.

New York City wird von Robert Spofforth ‚regiert‘, dem letzten Roboter der Klasse 9. Er ist beinahe menschlich, leidet unter der allgemeinen Sinnlosigkeit und sehnt sich nach einem ‚Tod‘, der nicht kommen wird, weil ihm seine Programmierung einen ‚Selbstmord‘ unmöglich macht.

Paul Bentley ist ein Mensch und arbeitet an der Katalogisierung uralter Stummfilme. Er hütet ein Geheimnis: Paul hat sich das Lesen beigebracht, das als ‚unnötige‘ und ‚aufregende‘ Tätigkeit verboten ist, und stöbert in den Ruinen nach Büchern. Obwohl ihm vieles unverständlich bleibt, begreift er allmählich, wie es zum Niedergang der Menschheit kam.

Mary Lou Borne verträgt die Drogen nicht und ist deshalb klar im Kopf. Paul lernt in ihr eine verwandte Seele kennen. Er lehrt Mary Lou das Lesen - und begeht damit ein Verbrechen, für das ihn Spofforth gefangensetzen und einsperren lässt. Doch Paul lässt sich vom System nicht mehr vereinnahmen. Er bricht aus und beginnt eine lange Reise, die ihn nach New York zurückführen soll. Dort hat der einsame Spofforth inzwischen die ohne Pauls Wissen schwangere Mary Lou zur ‚Ehefrau‘ genommen ...

Ende ohne Gegenwehr

Dass Walter Tevis (1928-1984) mit „Die Letzten der Menschheit“ keine typische Post-Doomsday-Apokalypse entfesselt, ist keine Überraschung: Mit seinem SF-Erstling „The Man Who Fell to Earth“ (dt. „Der Mann, der vom Himmel fiel“) hatte der Autor bereits deutlich gemacht, dass er Science Fiction anders definierte als die Mehrheit der im Genre tätigen Kollegen. Die (zukünftige) Technik bzw. deren malerischer Verfall inklusive zwischen den Ruinen umherschleichender Monster und Mutanten war Tevis’ Ding nicht. Für ihn stand der Mensch im Mittelpunkt, der sich weniger mit technischen Problemen und Horrorszenarien, sondern mit seinesgleichen auseinandersetzen muss.

Die letzten der Menschheit“ kommt deshalb ohne einschlägige Action aus. Monster und Mutanten gibt es nicht, und auch die aus moderner Streaming-Mystery bekannten Military-Prepper, Warlord-gesteuerten Räuber- und Kannibalenhorden oder sonstigen Buh!-Stereotypen glänzen durch willkommene Abwesenheit. Höchstens religiöse Fanatiker geben sich ein kurzes Stelldichein, zeigen sich letztlich jedoch friedfertig.

Das ist plausibel in einer Welt, die durch Trägheit, Leerlauf und Sinnlosigkeit geprägt wird. Kein dritter Weltkrieg, keine Pandemie, keine außerirdische Invasion wird der Menschheit ein Ende machen. Sie hat sich schon vor langer Zeit selbst ihren Strick gedreht, als sie mit den lästigen Aspekten des Alltagslebens auch ihr Hirn und ihren Ehrgeiz aufgab. Die wenigen letzten Männer und Frauen sind Mündel der Roboter. Alle folgen einprogrammierten Pflichten, die längst keinen Sinn mehr ergeben und hinterfragt sowie neu geregelt werden müssten. Doch es ist niemand mehr da, der diese Aufgabe übernehmen könnte.

Sinnleer und steril

Tevis beschreibt eine zerfallende Welt, die einfach weiterläuft, obwohl sie auf der Stelle tritt. Die Menschen wissen mehrheitlich nicht mehr, wieso sie eigentlich leben. Die gratis ausgeteilten Drogen können die daraus resultierende Leere nicht füllen. Man lebt und gibt vor zu arbeiten, was die maschinellen Kontrollinstanzen als ‚Normalzustand‘ interpretieren und bewahren. Nur Spofforth, der in einer Ära entstand, als der Mensch noch das Sagen hatte, weiß um die Situation, die freilich auch deshalb hoffnungslos ist, nachdem er selbst das Lebenslicht dimmte: Weil er nur sterben ‚darf‘, wenn keine Menschen mehr leben, hat Spofforth für die menschliche Unfruchtbarkeit gesorgt.

Mary Lou kann ihn dafür nicht verurteilen, als sie diese Wahrheit erfährt. Sie sieht in Spofforth keinen Schurken, sondern eine tragische Gestalt, die auf ihre Weise ebenso lebensmüde wie die restlichen Menschen geworden ist. Spofforth bleibt ein ‚Wesen‘ voller Geheimnisse und Rätsel; er weiß nicht einmal selbst, wieso man ihn als schwarzhäutigen ‚Menschen‘ geschaffen hat. Der Rassismus von einst ist zusammen mit den anderen Negativ-Ismen in Vergessenheit geraten: Als Paul Bentley während seiner Reise durch Nordamerika auf eine Gruppe von „Christen“ stößt, folgen diese halbvergessenen und missverstandenen Regeln und können die Bibel, die sie verehren, nicht mehr lesen. Bald wird auch für sie das Ende kommen, wie es Paul in einem uralten Gedicht von T. S. Eliot (1888-1965) beschrieben findet: Nicht mit einem Knall wird die Welt enden, sondern mit Gewimmer.

Überhaupt ist Bentleys Gang zurück nach New York nur deshalb gefährlich, weil er nie gelernt hat, ohne die Versorgung durch Roboter zu leben. Er hungert, friert, wird krank, aber das ist sein persönliches Problem. Die ‚Wildnis‘, die den nordamerikanischen Kontinent zurückerobert hat, ist friedlich. Da kein Krieg die Zivilisation geschüttelt hat, gibt es auch keine tödliche Reststrahlung oder Giftgaswolken, sondern Sonnenaufgänge und Jahreszeiten, die Paul dabei helfen, seinen Gefühlspanzer zu sprengen.

Emotion als Neustarter

Bentley übersteht alles und reift dabei dort, wo es darauf ankommt: Er ist sich nun seiner Gefühle sicher und fürchtet die Roboter nicht mehr. Als er wieder vor Mary Lou steht, erkennt diese sofort, wie sehr er sich verändert hat. Paul und Mary Lou werden den Neustart der Menschheit versuchen. Dies gelingt ihnen, ebenfalls genreuntypisch, aber nur, weil Spofforth hilft, die entsprechenden Veränderungen möglich zu machen. Es gibt in dieser Geschichte weder Helden noch Schurken. Paul und Mary Lou sind keineswegs das ideale Paar. Er trifft auf seiner Odyssee eine andere Frau, und sie richtet sich als Spofforths behütete und privilegierte ‚Gattin‘ problemlos ein.

Als Spannungsboden dient dieser Geschichte die Wiederentdeckung des Gefühls, was Tevis mit beachtlicher Intensität zu schildern weiß. Dafür müssen keine Köpfe rollen. Tatsächlich ist es eine angenehme Abwechslung, dass der (mögliche) Neuanfang nicht auf Gewalt basiert. Das Ende ist bittersüß, nicht eindimensional happy, obwohl sich sowohl die Wünsche von Paul und Mary Lou als auch von Spofforth erfüllen. Bis zuletzt bewahrt Tevis den Grundton eines Romans, dessen Qualitäten nicht unbemerkt blieben: „Die letzten der Menschheit“ wurde für einen „Nebula Award“ für den besten SF-Roman des Jahres 1981 nominiert. (Gewonnen hat - allerdings verdient - „Timescape“, dt. „Zeitschaft“ von Gregory Benford.)

Anmerkung: Um 1980 war die Science Fiction ein Genre im Aufwind. Dies spiegelte sich in den Auflagenzahlen wider, weshalb auch in Deutschland ein frischer Wind durch die Verlage ging: Nachdem man die SF lange eher stiefmütterlich behandelt hatte, bekam sie nun eigene Veröffentlichungsprogramme. Die Pestilenz der Seitennormierung verschwand nach und nach, das Themenspektrum wurde facettenreicher.

Auch die Verlagsunion Pabel-Moewig, die lange für Routine-SF stand, beteiligte sich am allgemeinen Neustart. Gleich mehrere Reihen wurden lanciert und mit interessanten Titeln bestückt. Dazu gehörte 1979 der ehrgeizige Versuch, über die „Bibliothek der Science Fiction“ auch den Hardcovermarkt für die SF zu öffnen. Dass dies misslang, lag nicht nur an einer Fehleinschätzung des Käuferverhaltens, sondern auch an einer eher wirren Titelauswahl sowie an der minderwertigen Qualität dieser recht teuren, klobigen Bücher, die auf billiges, holzhaltiges Papier gedruckt waren und sehr altbacken wirkten. Nach elf Bänden war dieses Experiment 1981 vorbei.

Fazit:

Die Ära der Menschen neigt sich dem Ende zu, was ohne die SF-üblichen Klischees beschrieben wird, sondern eine Handlung in Gang setzt, die ohne Gewaltexzesse auskommt. Der Mensch und die Frage, was ihn Mensch sein lässt, stehen im Zentrum des Geschehens: ein (hierzulande) zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Werk.

Die Letzten der Menschheit

Walter Tevis, Moewig

Die Letzten der Menschheit

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