Das Todeskind
- Edition Dornbrunnen
- Erschienen: September 2025
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12 Reisen durch ein Imperium der Angst
Zwölf gruselige Geschichten aus den Jahren 1882 bis 1936 führen durch das schier endlose britische Kolonialreich:
- Reinhard Klein-Arendt: Vorwort, S. 7-13
- Alice Perrin: Die Biscobra (The Biscobra; 1894), S. 15-30: Ein junges britisches Ehepaar wird in Indien von Pech, Tod, Spuk und Wahnsinn heimgesucht.
- Charles Augustus Kinkaid: Panthermenschen (Panther People; 1936), S. 31-48: Sind es Menschen, die sich in Raubkatzen verwandeln, oder ist es umgekehrt? Buchan, dem gerade eine solche Kreatur im Nacken sitzt, interessiert diese Frage nicht.
- Oscar Cook: Die heiligen Krüge (The Sacred Jars; 1927), S. 49-72: Sie hat einst wider die Gesetze ihres Volkes einen Briten geheiratet, obwohl sie bereits mit einem bösen Geist vermählt war, der nun seine Ansprüche anmeldet.
- Guy Boothby: Das Todeskind (The Death Child; 1898), S. 73-86: Die arme, schwarze Waise wird durchaus freundlich behandelt, ist jedoch verflucht und bringt Unglück und Tod in die Welt der Weißen.
- Francis Adams: Die Hütte bei den Wasserbassins (The Hut by the Tanks; 1892), S. 87-105: Der Unterschlupf in stürmischer Nacht entpuppt sich als Schauplatz eines Mordes, der zur Geisterstunde unheimlich auflebt.
- Hume Nisbet: Die heimgesuchte Farm (The Haunted Station; 1894), S. 106-134: Der flüchtige Sträfling wird nicht nur vom Gesetz verfolgt, sondern landet auch auf einer Farm, deren toter, aber nächtlich aktiver Eigentümer buchstäblich seinen Körper fordert.
- Ernest Favenc: Geführt von einem Geist (Spirit-led; 1890), S. 135-153: Er reist mit zwei Freunden zu einer versteckten Goldmine, von der er einst träumte, wobei diese Vision endete, bevor er erfahren konnte, was dort tatsächlich geschah.
- Henry Brereton Marriott Watson: Point Despair (Point Despair; 1899), S. 154-167: Die Bewohner seines Heimatortes fielen einem Angriff feindlicher ‚Eingeborener‘ zum Opfer, und er - ein Kind - bleibt zwischen den Leichen allein zurück.
- Hugh Hastings Romilly: Ein Weihnachtsgespenst auf der Rotuma-Insel (A Christmas Ghost on Rotuma), S. 168-173: Kimueli ist definitiv tot, aber ein Jahr später spukt er auf seiner Heimatinsel umher.
- Grant Allen: Meine Silvesternacht bei den Mumien (My New Year's Eve at the Mummies; 1884), S. 174-193: In Ägypten gerät er des Nachts in eine Versammlung kurzfristig ins Leben zurückgekehrter Mumien, was ihm jedoch niemand glauben will.
- Marquess of Lorne: Wer waren sie? Eine maltesische Erscheinung (Who Were They? A Maltese Apparition; 1887), S. 194-215: Während eines Erholungsurlaubs auf der Insel Malta wird ein junger Soldat von zwei Damen eingeladen, die sich am nächsten Morgen in Luft (oder Staub) aufgelöst haben.
- Thomas Burke: Der hohle Mann (The Hollow Man; 1933), S. 216-234: Gopak ist tot, muss zu seinem Missfallen aber umgehen, weshalb er sich hilfesuchend an seinen Mörder wendet.
- Erläuterungen zu den Geschichten, S. 235-253
- Begleitwort: Weltreich in Angst, S. 254-276
- Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren, S. 277-291
- Quellenangaben zu den Geschichten, S. 292-294
Reise ins Herz gleich mehrerer Finsternisse
Gott schütze nicht nur den König, sondern auch jene, die sich tief hinab in staubige Magazine und Archive wagen, um dort in obskuren Publikationen („Indian Christmas Stories“! „By Creek and Gully - Stories and Sketches Mostly of Bush Life“!) nach Gespenstergeschichten zu suchen, die längst in Vergessenheit geraten sind, ein solches Schicksal jedoch nicht verdienen. Talent war (und ist) keine Garantie für literarische Unsterblichkeit, weshalb viel Gutes = Unheimliches auch außerhalb der britischen Inseln, die als Heimat der klassischen Gruselgeschichte gelten, erschienen ist.
Wen wundert’s, denn um 1900 trug das Land den Namen „Großbritannien“ zu Recht! Über viele Jahrzehnte hatten sich zunächst private Handelsgesellschaften und dann der Staat selbst ein Viertel der irdischen Landfläche angeeignet. Zahlreiche Kolonien auf sämtlichen bekannten Kontinenten unterstanden einer Regierung, die so weit entfernt war, dass sie auch auf einem anderen Planeten hätte residieren können. Die meisten „Untertanen“ des englischen Königs sahen ihren nominellen Herrn (plus Queen Victoria) nie. Dazu blieb ihnen auch keine Zeit, denn sie mussten rund um die Uhr schuften, um der Kolonialmacht zu helfen, die eigenen Ressourcen zu plündern.
So viele ‚echte‘ Briten gab es nie, dass sie sich dort, wo sie mit harter Hand herrschten, wirklich sicher fühlen konnten. Reinhard Klein-Arendt, Herausgeber der hier vorgestellten Kollektion, stellt uns im Vorwort und dann in einem Essay („Weltreich in Angst“) das historische Umfeld der Erzählungen ausführlich vor. Er rekonstruiert eine Welt, die von Angst auf beiden Seiten geprägt war. Die Bevölkerung vor Ort fürchtete und hasste die Eroberer, die darauf nervös und oft übertrieben reagierten. Militärischer Druck sorgte für widerwilligen Gehorsam, doch Wut und Freiheitswillen brachen sich oft Bahn und sorgten für Aufstände, denen die „Herren“ grausam zum Opfer fielen, was wiederum für Rache-Massaker sorgte.
Die Illusion der Macht
Auch sonst war das offizielle Bild einer kolonialen Oberschicht, die in jedem Winkel des Weltreichs die britische Allmacht verkörperte, weit von der Realität entfernt. Junge Männer wurden mit der Aussicht auf eine Karriere in die Kolonien gelockt. In der Ferne boten sich Chancen, die aufgrund eines niederen Standes daheim unmöglich zu realisieren waren. Vor allem eine militärische Laufbahn schien aussichtsreich; ein entscheidender Sieg über „Rebellen“ ebnete womöglich den Weg zu Beförderung, Adelstitel und Reichtum.
Allerdings war das Risiko hoch. Alice Perrin (1867-1934) thematisiert die lange unterschlagene Rolle der britischen Frau, die ihrem Gemahl selbstverständlich in die Tropen folgte. Vor Ort war der Gatte meist außer Haus, um die Einheimischen zu knechten. Sie fand sich dort wieder, wo es brütend heiß war, grässliche Krankheiten lauerten, seltsame Tiere raschelten und giftige Pflanzen wucherten. Umgeben von ‚fremden‘ Menschen, über die man zwar herrschen mochte, denen man aber misstraute, wurde die Frau womöglich schwanger, was die Lebensgefahr noch einmal steigerte. Spuk ist dann nur ein zusätzlicher Faktor. Natürlich blieb auch dabei die Sicht auf die „Herren“ fokussiert; die Kolonisierten kehrten als böse Geister und Ungeheuer wieder, ansonsten blieben die typischen Nebenrollen: treuer Diener, feindselig-mordlustiger Arbeiter, schöne, aber gefährliche Frau, tückischer Magier, dämonisch beseelter, Grenzen überschreitender Amokläufer ...
Die „Herren“ waren gehalten, vornehm unter sich zu bleiben. Natürlich konnte dies nicht funktionieren: Einsame Männer trafen auf Frauen, die sie sich im schlimmsten Fall ‚nahmen‘, in die sie sich aber durchaus auch verliebten. Die Strafe (Karriereende, Ausgrenzung) folgte prompt, und exotische, (christen-) gottlose Flüche sorgten für zusätzliche Komplikationen. „Heidnische“ Gottheiten meldeten fundamentale Ansprüche an deshalb handgranatengefährlichen Frauen an (Oscar Cook, 1888-1952), wobei mit Nachsicht aufgrund guten Willens keineswegs gerechnet werden durfte (Guy Newell Boothby, 1867-1905). Überhaupt bot fremdartige Magie ebensolchen Dämonen ein Einfallstor. Im übelsten Fall mischten sie sich in Menschengestalt unter die Kolonialherren, wie Charles Augustus Kinkaid (1870-1954) es beschreibt.
Die Furcht vor dem leeren Raum
Die britischen Inseln sind übersichtlich und mit Menschen bevölkert, vor denen man sich nicht fürchtet. Dagegen wirkten die Kolonien oft grenzenlos. Der Horizont war ein Strich, jenseits dessen nur weitere Einöden warteten. Vor allem in Australien machte sich diese Furcht selbstständig, da die Fremde die (nur scheinbaren) Herren zu belauern schien. Hume Nisbet (1849-1923), Francis Adams (1862-1893) und Ernest Favenc (1845-1908) arbeiten diesen Aspekt als zusätzlichen Angstfaktor in ihre Gruselgeschichten ein, die ansonsten klassischen Vorgaben folgen, um auch in der kolonialen Ferne ihre Wirkung zu entfalten.
Eine großartige, zeitlose Variante des Grauens präsentiert Henry Brereton Marriott Watson (1863-1921). Er thematisiert zum einen die Realität gewordene Furcht vor einem Angriff der eben nicht ‚befriedeten‘ Kolonialvölker, während er andererseits ein Kind mit dem daraus resultierenden Schrecken konfrontiert. Ob diese real sind oder im kindlichen Geist unheimlich Gestalt annehmen, lässt Watson offen. Ihm gelingt eine noch heute eindrucksvolle Erzählung, die in ihrer Wucht an die Geschichten erinnert, die Ambrose Bierce (1842-1913/14) über den US-Bürgerkrieg (1861-1865) schrieb; wie in der Story „Chickamauga“ (1889) spiegelt sich auch in Watsons Erzählung das Grauen des von Menschen verursachten Todes in der Ahnungslosigkeit eines unschuldigen Kindes wider.
Großartig beschreibt Thomas Burke (1886-1945) eine Heimsuchung der seltsamen, aber dennoch schrecklichen Art. Üblicherweise verfolgt ein Gespenst seinen Mörder, um sich zu rächen. Hier fordert das zombieähnliche Phantom ‚nur‘ Erlösung - und setzt damit den Täter einem unüblichen Spuk-Stress aus, weil es erst weichen will, wenn diese erfolgt ist. Die friedliche Unerbittlichkeit ist Strafe genug für den Mörder!
Die Leichtigkeit des kolonialen Seins
Nicht alle Autoren nutzen ‚koloniale‘ Ängste, um ihre Leser in Angst und Schrecken zu versetzen. Einige setzen auf die Exotik der Fremde, ohne ihre Helden in ernsthafte Seelenkrisen zu stürzen. Hugh Hastings Romilly (1856-1892) erzählt geradezu dokumentarisch ein simples Geister-Garn, das nur durch das Südsee-Ambiente aus unzähligen ähnlichen Geschichten heraussticht.
Der „Marquess of Lorne“ (d. i. John George Campbell, 9. Duke of Argyll, 1845-1914) schwelgt ausführlich in den Privilegien des kolonialen Militärs, das sich zwischen ‚abenteuerlichen‘, den ‚Mann‘ fordernden Attacken monatelang in hier mittelmeer-insularen Idyllen erholt und amüsiert. Das übernatürliche Erlebnis ist hier eher ein Ärgernis, weil es sich der rationalen Erklärung des flachgeistigen Protagonisten entzieht.
Grant Allen (1848-1899) erinnert daran, dass Spuk auch eine komische Seite besitzen kann. Ohne jede Ambition, seine Leser zu erschrecken, entwirft er eine Parodie, indem er einen ohnehin nicht gerade ehrenwerten „Gentleman“, der sich als Windbeutel und Heiratsschwindler erweist, in die Gesellschaft altägyptischer Würdenträger versetzt, die in dem konsternierten Besucher - sonst der „Herrenmensch“ - den „Barbaren“ sehen. Der Witz hält sich heutzutage in Grenzen, aber die Absicht des Verfassers wird weiterhin deutlich.
Fazit:
Die Kolonien des britischen Empires waren ideale, weil mit realen Ängsten verbundene Heimstätten eines Schreckens, der die Realität quasi unfreiwillig aufgriff. Die Erzählungen sind von hoher Qualität; sie wurden in mehr als vierjähriger Arbeit zusammengetragen und sind fachkundig in ihr (kultur-) historisches Umfeld eingebunden. Eine zweite Sammlung wird angekündigt.

Reinhard Klein-Arendt, Edition Dornbrunnen

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