In Fire and Rain (1) - Sturmkuss

  • Piper
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 0
In Fire and Rain (1) - Sturmkuss
In Fire and Rain (1) - Sturmkuss
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Sebastian Fischer
40°1001

Phantastik-Couch Rezension vonApr 2026

Schade um die Drachen

Gesa Schwarz’ „In Fire and Rain“ ist eine komplett überarbeitete und erweiterte Neufassung ihres Romans „Ära der Drachen“ aus dem Jahr 2016. In einem kurzen Vorwort erklärt sie der Leserschaft, dass sie dank des Piper Verlags die Chance erhielt, ihren Roman noch einmal so zu erzählen, wie eigentlich gedacht. Tatsächlich steht der Roman aus 2016 bei mir seit Ewigkeiten im Bücherregal. Dort fristet er zu meiner Schande sein ungelesenes Dasein. Als dann mit „In Fire and Rain“ eine Neufassung auf dem Markt erschien, war das die Gelegenheit für mich, mit diesem Versäumnis aufzuräumen.

Postapokalypse mit Drachen

Die Autorin wählt für ihren Roman eine postapokalyptische Zukunft, in der unsere Zivilisation nach einem verheerenden globalen Krieg am Scheideweg steht. Die gewohnte Weltordnung existiert nicht mehr. Gleichzeitig dringen Drachen in die Gefilde der Menschen vor und mit ihnen verschiedene Formen von Magie. Zu Beginn koexistieren Menschen und Drachen oder gehen als Reiter und Drache symbiotische Beziehungen ein. Der Lauf der Zeit scheint sich in ruhigere Fahrwasser begeben zu haben. Dann jedoch wendet sich ein besonders mächtiger Drachenreiter von der vorherrschenden Weltordnung ab, erklärt sich zum König und überzieht die Menschheit mit Tyrannei.

In diese Realität wird unsere Protagonistin Sira hineingeboren. Sie lebt mit ihrem kleinen Bruder in den New Yorker U-Bahn-Tunneln. Ihre Lebensumstände bedeuten einen täglichen Kampf ums Überleben. Sira gehört zu den wenigen mutigen Zeitgenossen, die für Raubzüge an der Oberfläche die vermeintliche Sicherheit der New Yorker Tunnel aufgeben. Mit dem gefundenen Diebesgut gelingt es Sira, sich und ihren jüngeren Bruder zu versorgen.

Als der tyrannische König seine Schergen entsendet, um die Überlebenden in den Tunneln auszumerzen, ändert sich Siras Leben schlagartig. Zum einen trifft unsere Protagonistin auf den Anführer einer Gilde, den Sturmreiter, die den König seit jeher erfolgreich bekämpft, zum anderen erfährt sie, dass sie in der Lage ist, mächtige Magie zu wirken. Sie besitzt die Fähigkeiten, die es ihr erlauben, zu einer Drachenreiterin zu werden.

Von einem schwerwiegenden Schicksalsschlag gebeutelt, schließt sich Sira der Gilde an. In ihr schwelt eine Glut aus Hass, die sie ununterbrochen auf ihr Ziel, den König zu töten, zutreibt.

Same procedure as every day

Ich verrate jetzt wahrlich kein Geheimnis, wenn ich euch verrate, dass sich zwischen Sira und dem sogenannten Sturmreiter eine Liebschaft entwickelt. Im Kontext des Genres betrachtet, bekommen wir insoweit Standardkost vorgesetzt.

Wir erleben das Buch abwechselnd aus der Perspektive von Sira und dem Sturmreiter Narok. Narok ist der Erbe eines mächtigen Drachenreiters, der in der Lage ist, Stürme zu entfesseln und mächtige Magie zu wirken. Sira hat in diesem Duell der Leseanteile klar die Nase vorn. Zudem erhalten wir gelegentlich Einblicke in einen der Gegenspieler der beiden. Nhor’Garoth, ein General des Königs, jagt Sira und den Sturmreiter quer durch die postapokalyptischen Vereinigten Staaten.

Seine Stärken spielt dieser Roman leider nur innerhalb der ersten Seiten aus. Sira kämpft im Untergrund New Yorks ums Überleben. Sie durchstreift die dunklen und gefährlichen U-Bahn-Tunnel und muss sich der Ungewissheit des Nichtsichtbaren stellen. Außerdem gehört sie zu den wenigen, die den Mut besitzen, das Licht der Oberfläche zu durchstoßen, um sich mit mutierten Geschöpfen oder den Schergen des Königs ein Katz-und-Maus-Spiel zu liefern. Die Atmosphäre erinnert in ihren besten Momenten an Dmitry Glukhovskys Bestsellerreihe „Metro“. Leider verlässt die Autorin den eingeschlagenen Pfad allzu schnell. Die Stimmung des postapokalyptischen Amerikas und seine gesellschaftlichen Strukturen fällt in sich zusammen und Frau Schwarz begibt sich in die Gefilde der für dieses Genre so typischen klischeebeladenen Dialoge und Handlungsabläufe. Hier wird Potenzial verschenkt.

Der Sturmreiter, ein junger Mann in den Zwanzigern und Anführer der Gilde, bringt wieder vieles mit, was der Stereotypen-Baukasten so hergibt. Die Autorin möchte dem unverschämt gutaussehenden Recken das schwere Joch der Verantwortung auf sein breites Kreuz nageln. Gemeint ist die Last, die es mit sich bringt, als Anführer für eine Gemeinschaft zu sorgen, die sich Tag ein, Tag aus mit schrecklichen Gefahren konfrontiert sieht. Völlig nachvollziehbar, dass eine solche Rolle den Charakter zeichnet. Leider entsteht zu keiner Zeit das Gefühl, dass der junge Mann auch nur im Entferntesten davon geplagt wird, die Verantwortung eines Anführers zu tragen. Vielmehr bekommen wir einen zur Arroganz neigenden, witzereißenden Buben vorgesetzt, der im Grunde von Sekunde eins an um Sira herumscharwenzelt.

Man könnte hier natürlich argumentieren, dass eine selbstsichere Fassade einen schützenden Kokon bildet, um sich vor den Ängsten und Sorgen, die einen traktieren wie ein wutentbrannter Schwergewichtsboxer, zu schützen. Doch leider erhält die Leserschaft zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass hinter dem vermeintlichen Schutzschild eine verletzte Seele mit echten Ängsten und tiefgreifendem Kummer steckt, denn die wenigen Kapitel, die uns einen Einblick in Naroks Seelenheil bieten, sind meist ziemlich stumpfsinnig skizziert und enden damit, dass sich unser Recke immer wieder vorsagt, wie tapfer er sein muss, weil er ja der Sturmreiter ist. Auch alle anderen um ihn herum, insbesondere Sira, verwenden die Bezeichnung Sturmreiter als simple Erklärung, um alles Geheimnisvolle, das den jungen Mann umgibt, aufzulösen.

Wir sehen uns also auch in diesem Romantasy-Roman dem Versuch ausgesetzt, durch ständige Wiederholungen eines Titels den männlichen Protagonisten (wobei das Geschlecht bei dem beschriebenen Phänomen völlig irrelevant ist) auf ein vorgefertigtes Podest zu stellen. Anstatt andeutungsweise an einer Charakterentwicklung dieser Hauptfigur teilzunehmen – die dürfen wir leider nur bei Sira beobachten –, kriegen wir den fertigen, unverschämt gutaussehenden Drachenreiter vorgesetzt, unvorstellbar machtvoll und selbstsicher. Er ist schließlich „DER“ Sturmreiter.

Es ließe sich überspitzt skizzieren, dass der Leserschaft wahrlich in jedem zweiten Satz, sei es in den Gedanken von Sira oder in Naroks eigenen, diese Umschreibung zum Fraß vorgeworfen wird. Als würde der Umstand, dass unsere Hauptfigur eben dieser Sturmreiter und damit der Anführer der Gilde ist, jeden Charakterzug und jede Handlungsweise legitimieren. Sollte es nicht eher andersherum sein? Sollte nicht sein Handeln das Fundament dafür bilden, dass andere zu ihm aufschauen?

Hinzu kommen genretypische Dialoge, in denen der Protagonist seinem übereifernden Beschützerinstinkt freien Lauf lässt. Was man in der echten Welt als übergriffig abstempeln würde, wird in der Fiktion als anziehend glorifiziert. Naja, dafür ist Fiktion eben da. Wer es mag, kommt dementsprechend auf seine Kosten. Bitte versteht mich an dieser Stelle nicht falsch! Es ist völlig in Ordnung, sich durch Bücher oder bewegte Bilder auf dem Fernsehbildschirm in andere Welten entführen zu lassen, um Fantasien auszuleben. Mir geht es lediglich um die Verpackung des Ganzen. Wer also Tiefgang und Reife sucht und sich abgeschreckt fühlt, sobald Protagonisten während eines wütenden Dialogs mit einem Gesprächspartner ins Stocken geraten, weil in diesem Fall Mr. Sturmreiter oberkörperfrei auf die Bildfläche schreitet, sollte sich anderswo umschauen. Wer sich von dieser Art von Stumpfsinn nicht abgeschreckt fühlt, wird diesen Roman vielleicht sogar genießen können.

Unsere weibliche Hauptfigur dagegen ist zumindest in weiten Teilen nachvollziehbar skizziert. Ihr neues Leben in der Gilde ist zumeist von Ablehnung geprägt. Ihr Kampf, sich einen Platz zwischen den etablierten Drachenreitern zu verdienen, ist zwar kurzweilig, denn viel Zeit nimmt sich die Autorin für die einzelnen Abschnitte der Geschichte nicht, aber sie sind immerhin mit kleineren Spannungsschmankerln versehen, um uns Leser bei der Stange zu halten.

Das Dilemma mit den Drachen

Sein wahrlich größtes Problem hat dieser Roman im Zusammenhang mit den Drachen. Der ganze Weltenbau und die Struktur des Romans sind auf die geflügelte Echse ausgelegt. Leider bleiben die Dickhäuter in ihrer äußerlichen Beschreibung derart blass, dass man beim Lesen regelmäßig einen verschwommenen Klumpen vor Augen hat, der unsere Protagonisten von A nach B befördert. Über die Skizzierung insbesondere der männlichen Protagonisten dieser Bücher lässt sich sicherlich regelmäßig streiten, und die Verkaufszahlen innerhalb dieses Genres sprechen natürlich ihre eigene Sprache. Diesen Aspekten muss ich mich trotz meiner stellenweisen romanübergreifenden Kritik bei jeder Rezension erneut stellen.

Besteht gleichwohl die Intention, eine Geschichte zu erzählen, deren tragende Säule Drachen darstellen, dann darf die Leserschaft durchaus mit mehr Details belohnt werden, zumindest mal im Hinblick auf deren Äußerlichkeit. Dieses Buch bleibt insoweit dermaßen vage, dass man bezüglich der Drachen nicht einmal ein Gefühl für deren Größe bekommt. An dieser Stelle leidet das Kopfkino erheblich. Genre-Konkurrenz wie die Romane der „Fourth Wing“-Reihe zeigen, wie es gelingen kann, Drachen wirklich zum Leben zu erwecken.

Fazit:

Trotz eines vielversprechenden Beginns stürzt der Roman allzu schnell in einen Strudel aus lahmen Klischees und einer unterfordernden Schnelllebigkeit. Hier wurde leider eine Menge Potenzial verschenkt.

In Fire and Rain (1) - Sturmkuss

Gesa Schwartz, Piper

In Fire and Rain (1) - Sturmkuss

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