Grabratten - Die seltsamen Fälle des Detektivs Steve Harrison
- Blitz
- Erschienen: April 2024
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Raub und Mord in bizarren Kulissen
Dreimal ermittelt Detektiv Steve Harrison in der Grauzone zwischen Verbrechen und Horror:
- Grabratten (Graveyard Rats, 1926): Steve Harrison soll die Fortsetzung einer blutigen Fehde verhindern. Das letzte Mitglied der gegnerischen Familie ist zwar untergetaucht, verharrt aber nicht in seiner Deckung, sondern schlägt erneut und womöglich im Bund mit dunklen Mächten zu, bis Harrison auf einem einsamen Friedhof das Rätsel löst - und unter die dort hausenden, hungrigen Ratten gerät.
- Schlangenvolk (People of the Serpent, 1934): Tief in den Sümpfen der US-Südstaaten ist Steve Harrison einem flüchtigen Raubmörder auf der Spur. Jäger und Gejagter platzen als unwillkommene Gäste in den Machtkampf zweier lokaler Hexenmeister, müssen sich gegen Voodoo-Praktiken wehren und vor den allgegenwärtigen Alligatoren hüten.
- Namen im Schwarzen Buch (Names in the Black Book, 1934): Steve Harrison war sich sicher, den Machenschaften des mongolischen Bandenführers Erlik Khan ein Ende bereitet zu haben. Nun präsentiert ihm die schöne Joan La Tour eine Todesliste, auf der auch sein Name steht. Tatsächlich konnte der Schurke dem sicheren Tod entkommen. Nun plant er nichts Geringeres als einen Staatsstreich, nimmt sich aber trotzdem die Zeit, sich an seinen Gegnern grausam zu rächen.
Ein Erzählerleben im Zeitraffer
Robert Ervin Howard (1906-1936) wurde nicht alt, aber er schuf in nur zwölf Jahren ein gewaltiges Werk. Dabei lotete er praktisch alle Genres der zeitgenössischen Trivialliteratur aus und beschränkte sich nicht nur auf Fantasy und Horror; dies ist nur jener Teil seines Œuvres, für den Howard hierzulande bekannt ist. Als Schöpfer des Barbarenkriegers Conan, der Roten Sonja, des puritanischen Magierjägers Solomon Kane und anderer gegen Menschenwillkür und Monsterschrecken kämpfender Figuren konnte er sogar in jenen Medien tiefe Spuren hinterlassen, die es zu seinen Lebzeiten noch gar nicht gegeben hatte.
Weniger bekannt sind Howards ‚historisierende‘ Erzählungen, die abenteuerlich auf Vergangenheiten zurückblenden, in denen es nicht übernatürlich umgeht. Urwälder, Steppen, Wüsten stellen sich als potenzielle Todesfallen dar, die von wilden Tieren und ebensolchen Menschen bevölkert sind; dies ist ein Aspekt, der in der „woken“ Gegenwart mahnende Anmerkungen aus dem redaktionellen Off (hier wohltuend sachlich geäußert von Hermann Urbanek) erfordert, die Howard verwirrt hätten: In seiner Ära war vieles gedankliches Allgemeingut, das inzwischen als Vorurteil verdammt ist.
Nur in Ausnahmefällen erschienen ‚andere‘ Howard-Geschichten in deutscher Sprache: Western, Krimis, Sportabenteuer ... Die Liste ist noch länger, wobei Howard gern zwischen den Genres wechselte. So mag Steve Harrison für die Polizei einer (nie genannten) US-Großstadt tätig sein, aber von typischer Ermittlerarbeit kann nicht die Rede sein. Stattdessen bewegt sich Harrison in einer Zwischenwelt, in der sich die ‚Realität‘ mit dem Mystischen mischt. Die Grabratten aus der gleichnamigen Story sind definitiv horrortauglich. Das trifft ebenfalls auf die unheimlich-allgegenwärtigen Alligatoren der zweiten Erzählung zu. Exotisch sind stets die Bösen - aus fremden, verrufenen Ausländern, primitiv, abergläubisch, stets bereit, die ‚Guten‘ zu foltern und zu ermorden (weshalb sie im Namen der Gerechtigkeit rücksichtslos ausgetilgt werden dürfen).
Mit blanken Fäusten gegen das Böse
Steve Harrison stellt keine Ausnahme dar. Die kunterbunte Welt der „Pulps“ und Comics besaß in den 1930er Jahre viele Nischen für ähnliche Gauner- und Geisterjäger wie das „Phantom“, den „Spirit“ oder „Doc Savage“, um nur drei bekannte Figuren zu nennen. Die in diesem Band gesammelten Storys erschienen ursprünglich in den Magazinen „Thrilling Mystery“ bzw. „Strange Detective Stories“, die schon im Namen das Versprechen trugen, die übliche Kriminalhandlung auf eine buchstäblich schauerliche Ebene zu heben.
Der wendige Howard schnitt seine Geschichten auf mögliche Abnehmer zu; wurden sie abgelehnt, konnte er sie rasch und problemfrei ‚umarbeiten‘ und einem Fantasy- oder Horror-Magazin anbieten. Tatsächlich ist Steve Harrison die weitere Inkarnation (oder Kopie) einer Howardschen Blaupause: Die Strahlkraft des Heldenhirns ist eher begrenzt, aber er ist groß und kräftig, d. h. fähig und bereit, seine Sache mit blanker Gewalt durchzusetzen. Dabei ist es nebensächlich, ob er gegen vorzeitliche Ungeheuer, Vampire und Untote oder eben gegen die Anhänger verrufener Kulte, heimtückische Hinterwäldler oder orientalische Finsterlinge antritt. Hilfreich ist außerdem eine atavistische Grundeinstellung, die in kritischen Situationen greift: Harrison gerät in einen Blutrausch, vergisst Gesetz und Moral sowie jegliche Vorsicht und drischt erbarmungslos auf seine Gegner ein, die buchstäblich in Stücke geschlagen auf dem Schlachtfeld zurückbleiben.
Als Mann für seltsame Fälle genießt Harrison eine Handlungsfreiheit, die so nur im Trivialkultur-Alltag möglich ist. Mit einer uns zivilisationsdegenerierten Lesern unverständlichen Sturheit jagt er Strolche = seine Opfer und treibt dafür einen Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Harrison treibt ein fundamentales Ehrgefühl an, das ‚rein‘ und rigoros jegliche moralische Aufweichung negiert. Selten lässt er sich durch taktische Erwägungen leiten. Irgendwann brennt ihm die ohnehin widerstandsschwache Kontrollsicherung durch, und er nimmt den Feind mehr oder weniger auf die Hörner (oder setzt einen Dolch, eine Keule, seine Fäuste und notfalls seine Pistole Kaliber 45 ein).
Unterhaltung ist auch ein Job
Howard war ein großartiger Erzähler, der nicht grundlos zu den Großmeistern der Populärkultur zählt. Nichtsdestotrotz behielt Howard den Markt im Blick. Er arbeitete rationell, schrieb, was gerade ‚ging‘, und griff auf Erfolgreiches zurück: Eigentlich war Erlik Khan 1932 im Finale der Story „Lord of the Dead“ (dt. „Herr der Toten“) anschaulich zu Tode gekommen. Da er sich als einsatztauglicher Unhold erwies, ließ ihn Howard unter Einsatz eines recht fadenscheinigen (und vom Halunken persönlich haarklein geschilderten) Tricks wiederauferstehen.
Obwohl Conan Howard auf der Höhe seiner Schaffenskraft zeigte, fallen seine sonstigen Erzählungen keineswegs klaftertief ab. Natürlich bersten sie förmlich vor Klischees, aber eben auch vor Lebendigkeit. Howard wusste, wie man Spannung und Stimmungen aufbaut, schürt und auf den Höhepunkt treibt. Das Ende aller hier vorstellten Storys stellt quasi eine Definition des Wortes „Höhepunkt“ dar. Es ist keine Übertreibung, dass selten ein Stein auf dem anderen bleibt.
Zu Howards Lebzeiten erschienen nur vier (zwischen 1926 und 1933 entstandene) Geschichten um Steve Harrison; fünf weitere fanden sich im Nachlass und wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod veröffentlicht. In seinen letzten Jahren verfasste Howard gezielt Storys um Conan, den Barbaren, der ein Publikum gefunden hatte, das nach Nachschub schrie. In Deutschland stellte sich Steve Harrison übrigens nicht erst in diesem Sammelband vor; die beiden Konfrontationen mit Erlik Khan fanden sich 2015 im fünften Band der vom Festa-Verlag herausgegebenen Howard-Kollektion. „Herr der Toten“ wurde sogar bereits 1990 für die Sammlung „Das Fräulein und der Dämon“ (Moewig-Verlag) übersetzt.
Fazit:
Schlag- und schussgewaltig tritt ‚Detektiv“ Steve Harrison dem Bösen gegenüber, das sich gern übernatürlich oder wenigstens fremdartig gibt. Handfeste Spannung mischt sich mit Mystik und Horror zu einem trashig-nostalgischen, unterhaltsamen Lektürespaß.

Robert E. Howard, Blitz

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