Die besten Stories von 1940

  • Moewig
  • Erschienen: Dezember 1980
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Michael Drewniok
95°1001

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2025

12 Science-Fiction-Highlights aus dunkler Zeit

12 (US-amerikanische) Erzählungen aus dem Jahre 1940, die als Meisterwerke des „Golden Age of Science Fiction“ gelten:

- Isaac Asimov/Martin H. Greenberg: Vorwort(Introduction), S. 7-9

- Willard E. Hawkins: Die Schrumpfkugel(The Dwindling Sphere), S. 11-30: Eine Technik, die jede Materie in das Erwünschte oder in Energie umwandeln kann, zieht der Menschheit buchstäblich den Boden unter den Füßen weg.

- Fritz Leiber: Die automatische Pistole(The Automatic Pistol), S. 31-49: Er liebte seine Pistole, und sie offenbar ihn, weshalb sie seinen Tod nicht ungerächt lässt.

- Jack Williamson: Späte Einsicht(Hindsight), S. 50-72: Dem Diktator hat er Treue geschworen, aber als die Freiheit seiner alten Heimat auf dem Spiel steht, verfliegt die Bitterkeit, die ihn einst von dort vertrieb.

- Ross Rocklynne: In die Dunkelheit(Into the Darkness), S. 73-104: „Dunkel“ ist ein Energiewesen, das auf der Suche nach dem Sinn des Lebens die Universen durchstreift.

- Lester del Rey: Ein geheimnisvoller Auftrag(Dark Mission), S. 105-124: Eine planetenübergreifend wichtige Mission führte ihn auf die Erde, aber bei der Bruchlandung hat er das Gedächtnis verloren.

- Theodore Sturgeon: Es(It), S. 125-151: Was wider aller Naturgesetze tief im Waldboden entstand, unternimmt ebenso arglos wie mörderisch seine ersten Schritte in dieser Welt.

- A. E. van Vogt: Der Turm der Bestie(Vault of the Beast), S. 152-182: Sie soll befreit werden, weshalb ihre Artgenossen einen Formwandler zur Erde schicken, um Menschen zum besagten Turm zu locken.

- Oscar J. Friend: Die unmögliche Straße(The Impossible Highway), S. 183-198: Sie kommt aus dem Nichts und führt ins Nirgendwo, und an ihren Rändern stehen Schaukästen, die Lebensformen aus der Erdgeschichte enthalten; eine Vitrine ist noch leer ...

- Isaac Asimov: Ein seltsamer Spielgefährte(Strange Playfellow), S. 199-212: Die Mutter tobt, und der Vater knickt ein, aber als sie der Tochter ihre Roboter-Nanny nehmen, sind Mädchen und Maschine todunglücklich.

- Harry Bates: Abschied vom Herrn(Farewell to the Master), S. 213-256: Der außerirdische Besucher konnte sich nicht erklären, bevor man ihn versehentlich umbrachte; zurück blieb sein Roboter, der sich nur scheinbar abgeschaltet hat.

- L. Sprague de Camp: Der exaltierte Professor(The Exalted), S. 257-284: Das neue Mittel verwandelt ihn in ein Genie, das freilich nur genialen Unsinn anstellt.

- P. Schuyler Miller: Der alte Mulligan(Old Man Mulligan), S. 285-320: In der Venus-Wildnis gestrandet, können die hilflosen Opfer auf den Neandertaler an ihrer Seite zählen.

Die Saat geht auf

Zum zweiten Mal sammeln Martin H. Greenberg (1941-2011) und Isaac Asimov (1920-1992) die (aus ihrer Sicht) besten Science-Fiction-Erzählungen eines Jahres. Die Ernte fällt für die Saison 1940 sogar noch üppiger aus als beim letzten Mal. Es ist erstaunlich, wie rasch sich das Genre ab 1939 entwickelte; die folgenden Jahre werden zu Recht als „Golden Age of SF“ bezeichnet.

Dies verwundert zunächst, weil in Europa der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war und die Nazis unkontrolliert wüteten. Doch in den USA war es noch ruhig; man erinnerte sich gut an die Opfer, die der amerikanische Einsatz im „Großen Krieg“ von 1914 bis 1918 gefordert hatte und hielt sich deshalb heraus. Diese Neutralität endete, als die USA im Dezember 1941 vom Kaiserreich Japan auf eigenem Territorium attackiert wurden.

Herausgeber Greenberg deutet den Zwiespalt an, wenn er in seinem Vorwort zwischen der „irrealen“ Welt des bereits tobenden Krieges und einer „Realität“ differenziert, in der die meist jungen Männer und Frauen in ihrer dünnhäutigen Blase ihren Träumen und Visionen literarisch Gestalt verleihen konnten. Da die Zahl der Talente beachtlich war, zog sie die SF in ihrer Gesamtheit mit auf ein Niveau, das diese um ansatzweise naturwissenschaftliche Plausibilität, aber vor allem um Themen erweiterte, die den Menschen seit jeher beschäftigten.

Die Technik wirft erste Schatten

Schon die erste der hier gesammelten Storys fällt in diese Kategorie. Willard E. Hawkins (1887-1970) ist ein Autor, der in Vergessenheit geriet. Sein Werk blieb schmal, aber er hatte mindestens einmal jenen Geistesblitz, der ihn dorthin beförderte, wo die erste SF-Liga residierte. Greenberg weist auf Hawkins als Vorgänger viel späterer Generationen hin, die feststellen mussten, dass die unaufhörlich/gierig konsumierende Menschheit sich selbst den Ast absägt, auf dem sie nicht nur sitzt, sondern gefangen ist: Eine Flucht von der ausgeplünderten Erde in ein neues Paradies ist höchstens eine Wunschvorstellung. Hawkins hat für seine Kritik nicht nur ein anschauliches Bild - die Erde schrumpft buchstäblich - gefunden, sondern den mahnend erhobenen Zeigefinger gegen einen leichten, aber deutlichen Sarkasmus getauscht, was die Leser die unangenehme Botschaft schlucken lässt.

Wie tief sich die echte, d. h. unerwartete Auflösung einer Story ins kollektive Gedächtnis graben kann, bewies Harry Bates (1900-1981). Die Vorstellung, dass nicht der Mensch automatisch der Herr ist, war 1940 geradezu revolutionär und erschütternd. Elf Jahre später kam die Erfahrung eines gerade überstandenen Weltkriegs hinzu: Regisseur Robert Wise (1914-2005) - dem wir weitere Phantastik-Klassiker wie „The Body Snatcher“ (1945; dt. „Der Leichendieb“), „The Andromeda-Strain“ (1971; dt. „Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“) oder „Star Trek - The Motion Picture“ (1979, dt. „Star Trek - Der Film“) verdanken - arbeitete heraus, was Bates’ Erzählung zeitlos macht, und schuf mit „The Day the Earth Stood Still“ (1951; dt. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“) ein weiteres Meisterwerk.

Deutlich durchmesserkleiner, aber ebenfalls am bisher vorherrschenden Bild vom Roboter als Arbeitsmaschine oder tödlicher Waffe rüttelnd, war das vom erst neunzehnjährigen Isaac Asimov gedrehte Rad. Er legte kurz darauf mit ‚seinen‘ drei Robotergesetz das Fundament zu ewigem Ruhm, spielte aber sichtlich schon 1940 mit entsprechenden Ideen, was den ansonsten sentimentalen Tenor seiner Story und die groben Figurenzeichnungen entschuldigt.

Wie passen wir da hinein?

Technik ist nicht gleich Fortschritt; der Mensch hinkt vor allem im sozialen Bereich hinterher: Noch zaghaft und melodramatisch geht Jack Williamson (1908-2006) diese Erkenntnis an. Er muss einen ‚Verräter‘ auf den rechten Weg zurückbringen, was nach dramatischen Zwischenfällen und natürlich mit tragisch-heldischem Beigeschmack - eine verschmähte Liebe und ein nun als Nebenbuhler verhasster, einst bester Freund spielen wichtige Rollen - gelingt. Die Supertechnik bleibt hier reines Mittel zum eigentlichen Zweck.

Oscar Jerome Friend (1898-1963) erweitert den SF-Begriff um das bewusst bestehende Rätsel: Die beiden menschlichen Protagonisten stoßen auf das Artefakt außerirdischer oder aus einer fernen Zukunft stammender Hersteller. Wir lernen sie nie kennen, ihr Werk muss für sich stehen, da es ohne Erklärung bleibt. Das Fremde fasziniert, aber es überfordert auch und sorgt für ein brutales, aber konsequentes und wiederum nicht finaltypisch gedeutetes Ende.

Noch einen Schritt weiter geht Ross Rocklynne (= Ross Louis Rocklin, 1913-1988), der auf den Menschen als Handlungsträger gänzlich verzichtet. Er konstruiert in erstaunlicher Entfernung zur zeitgenössischen SF eine Vision, die zwar elementares Wissen über den Weltraum einsetzt, es aber völlig in den Dienst einer Science Fiction stellt, die in dieser inhaltlichen und formalen Reinheit neu war. Die Herausgeber meinen in Rocklynne - den heute nur SF-Fachleute und Intensivleser kennen - einen Vorläufer der „Inner Space Science Fiction“ zu erkennen, die in den 1960er und 1970er Jahren die Mythen und Methoden der klassischen SF grundsätzlich in Frage und auf den Kopf stellte (wobei die Lesbarkeit, die Rocklynne wichtig ist, als ebenfalls ‚veraltet‘ verächtlich über Bord geworfen wurde).

Wer kommt da?

Wenn jemand die Konventionen der klassischen SF zu wahren scheint, dann ist es Alfred Elton van Vogt (1912-2000) mit seinem Garn, das sich um eine Invasion finsterboldiger ETs rankt und mit Techno-Babbel nicht geizt. Die Story wird allerdings sehr gut erzählt und wartet mit einigen Überraschungen auf, unter denen der gestaltwandlerische Roboter (!) in die SF-Historie eingegangen ist.

Mit einer Vehemenz, die seitens der Leser oft nicht erkannt, aber sehr wohl gespürt wurde (und wird), verdichtet Theodore Sturgeon (1918-1985) die (nur) menschliche Definition von „fremd“ und „feindselig“. Er lässt er die Handlung nicht in einer fernen Zukunft oder auf einer fremden Welt, sondern auf der Erde der (damaligen) Gegenwart. „Es“ ist noch stärker als Frankensteins Monster ‚rein‘. Es quält und mordet, aber dies beruht auf unschuldiger Neugier. Kein Funken dessen, was wir „böse“ nennen, steckt in der Kreatur. Sturgeon unterstreicht es, indem er es nicht von einem wütenden Mob niederstrecken, sondern zufällig und weiterhin voller Interesse umkommen lässt.

Lester del Rey (= Leonard Knapp, 1915-1993) scheint uns zunächst mit der typischen Geschichte einer ‚unglücklich‘ gescheiterten Invasion durch Marsianer zu konfrontieren. Gemeinsam mit dem verwirrten Protagonisten müssen wir uns durch den sich zäh lichtenden Hirnnebel zur Wahrheit durchkämpfen: Hier geht es ungeachtet der Indizien um eine selbstlose Rettungstat. Del Rey schafft es, die Spannung nicht auf den Finaltwist zu konzentrieren, sondern bereits auf dem Weg dorthin zu verbreiten.

Auf der anderen Seite des Balkens

Theodore Sturgeon hat sich für „It“ gewisser Elemente des Horrors bedient. Obwohl das „Golden Age“ unter dem Leitfeuer des eher nüchtern bzw. sachlich ausgerichteten John W. Campbell jr. (1910-1971) stand, sorgte dieser selbst in Magazinen wie „Unknown“ für eine Phantastik, die genau diese Grenzen hinter sich lassen konnte. So konnte Fritz Leiber (1910-1992) das uralte, historische Konzept vom Schutzgeist übernehmen, musste diesem aber nicht bis dato üblich die Gestalt einer Katze oder Krähe geben, sondern bannte ihn in eine Pistole. Dies sorgt in einer ansonsten betont ‚realistisch‘ angelegten Gegenwartswelt für besondere Überraschungsmomente und den vom Verfasser erwünschten (hier buchstäblichen) Knalleffekt.

Auch Lyon Sprague de Camp (1907-2000) spielt mit der (von Arthur C. Clarke postulierten) Identität von Supertechnik und Magie. Der Humor ist gemütlich, wenn nicht (zu) harmlos, aber wie so oft erfreut de Camp mit unerwarteten Einsprengseln: So ist der Assistent des überschnappenden Professors ein Schwarzbär, in dessen Hirn menschengleiche Intelligenz geweckt wurde; mental bleibt der Bär freilich Bär.

Peter Schuyler Miller (1912-1974) wertet ein klassisches Planetenabenteuer im Stil der 1920er Jahre mit einem erstaunlichen Einfall auf: Wer würde ausgerechnet auf der Venus - hier als dampfende, von Ungeheuern bevölkerte Urwelt - einen Neandertaler erwarten, der in den Kampfpausen gern in Erinnerungen an vergangenen Zeiten schwelgt? (Miller kannte sich gut in der Archäologie aus.) Es funktioniert - und es verwundert, dass Miller die Figur nicht mehr aufgegriffen hat.

Anmerkung: Obwohl die „Playboy-SF“-Taschenbücher deutlich seitenstärker als die vom Moewig-Verlag in den Bahnhofsbuchhandel gebrachten Titel waren, unterlagen auch sie der traditionellen Seitennormierung. In der Übersetzung entfielen deshalb ersatzlos diese Storys: „Postpaid to Paradise“ (von Robert Arthur), „Quietus“ (von Ross Rocklynne), „The Warrior Race“ (von Lyon Sprague de Camp) und „Butyl and the Breather“ (von Theodore Sturgeon).

Fazit:

Ein Dutzend keineswegs zukünftiger Supertechnik geweihter, sondern thematisch wesentlich breiter ausgerichteter Science-Fiction-Erzählungen aus den USA des Jahres 1940. Selbst gutes Mittelmaß ist in der Minderzahl, generell dominieren ausgezeichnete Storys, die sich heute ebenso unterhaltsam lesen wie vor vielen Jahrzehnten.

Die besten Stories von 1940

Martin Greenberg, Isaac Asimov, Moewig

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