Der Schrein
- Droemer-Knaur
- Erschienen: April 2026
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Versehentlich geweckt und überaus wütend
Minami Kazuno verdient sich ihren Lebensunterhalt als Autorin von Gruselgeschichten, die sie wie am Fließband produziert: Berühmt ist sie nicht, aber die Arbeit macht ihr Freude, denn sie interessiert sich ohnehin für das Phantastische, das in Japan Teil des Alltagslebens ist.
An Gespenster, Flüche und verdammte Orte glaubt auch Minami, weshalb sie ihrer Neugier nicht widerstehen kann, als sich nach langer Funkstille Yaguchi Asako, eine ehemalige Freundin, an sie wendet.
Die hat mit den drei Arbeitskollegen und Freunden Tazaki Masoto, Onodera Jun und Wakao Yuuko einen Ausflug in das japanische Hinterland unternommen. Dort steht unterhalb eines Berggipfels ein altes, verlassenes Sägewerk, in dem es spuken soll. Dort wollte das Quintett etwas erleben - und wurde nicht enttäuscht: Seltsame Lichter waberten durch die Dunkelheit, etwas Feindseliges schnaufte knapp außerhalb des Blickfelds. Schlimmer: Seither fühlen sich die Abenteurer auch daheim in Tokio verfolgt.
Minami recherchiert und stellt fest, dass die vier Pechvögel ausgerechnet auf den Iwaiyama-Berg geraten sind. Dort existiert ein Schrein, dessen fromme Fassade eine üble, aber halb vergessene Legende verdeckt: Hier haust etwas Böses, das sich unerbittlich auf die Spuren derer setzt, die etwas von ‚seinem‘ Berg mitnehmen. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht: Da Minami sich eingemischt hat, gerät auch sie ins Visier der finsteren Macht ...
Die Selbstverständlichkeit des Unfassbaren
Seltsames Japan! Der Inselstaat ist einer der Spitzenreiter unter den Industrienationen dieser Erde und marschiert auch digital ganz vorn mit. Man arbeitet sich im Namen des Fortschritts buchstäblich tot und lässt sich weder durch explodierende Atomkraftwerke, haushohe Flutwellen oder Godzilla davon abhalten, immer schneller am Rad einer naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten Entwicklung zu drehen.
Gleichzeitig teilt man sich die dicht besiedelten japanischen Inseln mit unzähligen Totengeistern („Yūrei“), Dämonen und Ungeheuern („(Yōkai)“. Sie gehören seit jeher zum Alltagsleben; dies besonders in den landwirtschaftlich geprägten Regionen, aber eben auch in den Großstädten. Dort steht zwar die moderne Gegenwart im Vordergrund, doch hinter den Kulissen geht es erstaunlich traditionell zu. Zeremoniell zollt man der Geisterwelt seinen Respekt, denn viel Folklore und Glaube an ein gar nicht so weit entferntes Jenseits gehören zum japanischen Selbstverständnis.
Autorin Nanami Kamon schöpft aus diesem Vorrat; seit den 1990er Jahren schreibt sie Geschichten, die im Spannungsfeld zwischen Diesseits und Jenseits spielen. („Der Schrein“ ist übrigens in Japan bereits 2007 erschienen.) Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn in dem hier vorgestellten Roman jene Phase fehlt, in der die anfänglich prinzipiell ‚ungläubigen‘ Protagonisten nach und nach begreifen, dass es um sie herum spukt. Minami Kazuno nennt sich dagegen mehrfach eine Jenseits-Gläubige, und selbst den drei Pechvögeln (bzw. Dummköpfen), die durch unbedachtes Handeln einen Fluch auf sich laden, sind in der Religion verankert.
Böses Erwachen
Was ihnen jedoch fehlt, ist eine realistische Vorstellung davon, wie intensiv das Jenseits in die moderne Welt überlappen kann. Spuk ist für Tazaki, Onodera und Wakao ein Abenteuer und ein Freizeitvergnügen. So wie sie einen Vergnügungspark oder eine Karaoke-Bar besuchen, besichtigen sie einen Ort, der verflucht ist. Dass sie dies nicht wirklich ernst nehmen, liegt bezeichnenderweise daran, dass sie ihre ‚Informationen‘ aus dem Internet beziehen. Dort geben anonym bleibende Geisterjäger vor, am genannten Berg Unheimliches erlebt zu haben. Gemeint ist jedoch eine spannend-vergnügliche Stippvisite, wie sie auch die Freunde planten.
Dort zu surfen, wo man in dem bestärkt wird, was man ‚erfahren‘ wollte, ersetzt allerdings keine (altmodische) Recherche. Fakten wollen gefunden, gesammelt und ausgewertet werden. Dies holt Minami nach, doch da ist die Katze bzw. der saure Geist schon aus dem Sack - und wie wir spätestens wissen, seit Sadako Yamamura aus ihrem Brunnen sprang, gehört in Japan Nachsicht nicht zu den Stärken jenseitiger Mächte. In unserem Fall geriet in Vergessenheit, dass man auf keinen Fall etwas aus dem Wald mitnehmen darf, auf den der Geist Anspruch erhebt. Es wieder zurückzubringen und sich (sogar ehrlich) zu entschuldigen, ist keine Garantie auf Vergebung!
Deshalb konzentriert sich die Handlung einer japanischen Gruselmär meist in die aus westlicher Sicht zweite Hälfte der Geschichte: Der Spuk ist als Tatsache offenbart, und nun müssen die Betroffenen einen Weg finden, ihn entweder zu besänftigen oder zu ‚erlösen‘. Letzteres steht Minami & Co. als Möglichkeit aus den genannten Gründen nicht offen. Trotzdem ist es „wie bei uns“ erforderlich, sich dem Grauen in dessen Heim zu stellen, obwohl es sich in unserem Fall auch dort ausgebreitet hat, wo die von ‚seinem‘ Berg gestohlenen Andenken gelagert sind. (Man muss das wohl als eine Art WLAN-Spuk begreifen.)
Was können wir tun?
Die Spannung dieser Geschichte liegt nicht in der Konfrontation zwischen Spuk und Opfer. Der Geist wird niemals direkt sichtbar. Er manifestiert sich auf schlecht belichteten Fotos, gibt unheimliche Geräusche (und Gerüche) von sich und sendet vor allem Albträume, in denen er dem oder der Schlafenden hinterherschleicht. Der Schrecken resultiert aus dem japanischen Wissen über die Geisterwelt und der daraus erwachsenden Furcht, was eine Kreatur von „drüben“ dir antun könnte.
Zum Tragen kommt auch jene allgemeinasiatische Überzeugung, dass Geister in die Körper von Menschen schlüpfen und diese ‚übernehmen’ können. So maskiert sind sie vor allem für Familienangehörige und Freunde, aber auch für andere Menschen unsichtbar, was ihnen ihr finsteres Treiben erleichtert. (Dass die Maske hin und wieder verrutscht, ist ein probates Mittel, um Verdacht zu wecken und die Spannung zu erhöhen; auch Nanami Kamon greift gern darauf zurück.)
Die von Furcht geprägte Isolation verstärkt sich, als Minami begreift, dass sie sich durch ihre Einmischung ‚angesteckt“ hat, der Geist also auch sie attackiert. Zu spät erfasst sie, dass ihre Begleiter, mit denen sie sich schließlich zum titelgebenden Schrein wagt, längst ‚besessen‘ und gefährlich sind. Folgerichtig ist das Finale kein Happy-End: Es bleibt offen, ob der Geist des Berges Iwaiyama Ruhe gibt. Der Schrecken setzt sich also - weil ohne Katharsis = finale Konfrontation - fort.
Fazit:
Das Jenseits gehört zum japanischen Alltag. Diese Prämisse prägt eine ruhige, einerseits typische Geisterangst provozierende, andererseits beinahe sachlich geschilderte Gruselgeschichte, die ohne Splatter und Spektakel auskommt: interessanter Einblick in eine ebensolche Kultur.

Nanami Kamon, Droemer-Knaur

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