Hände des Todes

  • ‎Independently published
  • Erschienen: November 2025
  • 0
Hände des Todes
Hände des Todes
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonApr 2026

Die Quelle ist noch nicht versiegt

Zum dritten Mal werden die Freunde des klassischen Horrors reich bedacht. Seit 2009 existiert „Zwielicht - Das deutsche Horrormagazin“. Vier Jahre später startete „Zwielicht Classics“. Seither trägt dieses Magazin-Duo dazu bei, der deutschen Phantastik ein Forum zu bieten. Die Erzählungen werden durch Sachartikel ergänzt, aus denen hervorgeht, dass man auch den internationalen und den klassischen Horror im Blick hat. Die „Zwielicht“-Magazinbände enthalten deshalb immer wieder Storys, die nicht selten erstmals übersetzt erscheinen und dabei Lücken schließen, mit denen sich einschlägig faszinierte Leser zuvor abfinden mussten.

Die „Zwielicht“-Magazine werden flankiert von unregelmäßig herausgegebenen Sonderbänden, in denen vertieft wird, was den Magazinrahmen sprengen würde. Dazu gehören die Werke des Engländers Algernon Blackwood (1869-1951), dessen Grusel-Wert durchaus auch hierzulande früh entdeckt wurde. In jeder Sammlung historisch interessierter Genrefreunde dürften sich jene sechs Bände finden, in denen der Suhrkamp-Verlag zwischen 1972 und 1993 nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch Kurzromane dieses Verfassers veröffentlichte.

Blackwood war ein eifriger Autor, der zudem ein hohes Alter erreichte. Dem Horror blieb er treu, und nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er als Repräsentant des Unheimlichen zurück, als das damals noch omnipräsente Medium Radio nicht nur seine alten Geschichten, sondern auch seine Präsenz als Moderator erkannte. Blackwood erzählte „ghost storys“, und er fand den Draht zu einem Publikum, das von seinen Meriten als prägender phantastischer Autor der Jahrzehnte vor und nach dem Ersten Weltkrieg mehrheitlich nichts wusste.

Das Werk eines Mannes: Höhen und Tiefen

Aus literaturhistorischer Sicht ist Blackwood als Leitstern des Genres mit den erwähnten sechs Bänden gut abgedeckt. Doch der Autor hatte zeit seines langen Lebens mehr als 200 Erzählungen geschrieben, die wie schon erwähnt längst nicht alle übersetzt wurden. Nach 1993 war nur noch der Festa-Verlag daran interessiert, Blackwoods ‚Rest-Phantastik“ zu sichten, obwohl diese noch eine lange Reihe beachtlicher, also spannender und manchmal literarisch ‚wertvoller‘ Einträge zu bieten hatte.

Hier springen Herausgeber Achim Hildebrand und Michael Schmidt mit den „Zwielicht Sonderbänden“ in die Bresche. „Aileen“ erschien 2018, 2022 folgte „Traumpfade“. Mehrere Dutzend unbekannter Blackwood-Erzählungen wurden in sorgfältiger Übersetzung endlich lesbar gemacht. Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, kommt nun „Hände des Todes“ in den Buchhandel, und wie man dem Vorwort entnehmen kann, gibt es noch genug Input für einen vierten Band!

Dass bei dieser Bergung vor langer Zeit erschienener Text nicht nur Schätze zum Vorschein kommen, dürfte keine Überraschung darstellen. Herausgeber Achim Hildebrand spricht es in seinem Vorwort selbst an: Blackwood war ein Schriftsteller, der von seiner Arbeit leben musste. Deshalb konnte er keineswegs ständig jenen Zeitaufwand pflegen, der gemeinsam mit Talent und Schaffenskraft Meisterwerke entstehen lässt. Wenn der Geldbeutel allzu schlaff war oder eine vereinbarte Abgabefrist drängte, besann sich auch Blackwood auf Routinen. Er wusste, wie man eine frühere Idee recycelte. Namen, Handlungsorte und Inhalte änderten sich, und kaum jemand bemerkte dies in der internetlosen Steinzeit, weil zwischen ‚Vorlage‘ und ‚Variation‘ in der Regel mehrere Jahre und die Erscheinungsorte weit voneinander entfernt lagen.

Eines Autors Tagewerk

In der Rückschau und mit der Gelegenheit des Blicks auf das Gesamtwerk ändert sich das. Viele Geschichten dieser Sammlung - von denen einige in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Schriftsteller und Journalisten Wilfred Wilson (1871-1939) entstanden - sind ‚zweitklassig‘, wobei dieser Begriff hier absichtlich in „Als-ob“-Apostrophe gesetzt ist: Selbst ein ökonomischer statt genialer Blackwood lässt die meisten anderen Phantasten (nicht nur) seiner Zeit hinter sich. Dies schließt seine nach 1930 geschriebenen Geschichten ein, die mit den Werken aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht mithalten können. „Hände des Todes“ von 1935 spiegelt es als gut geschriebenes, aber inhaltlich beliebiges Abenteuer-und-Grusel-Garn beispielhaft wider.

Die drei unmittelbar folgenden Storys („Die Sammlung des Kobolds“, „Kains Sühne“, „Hellseherei“) stammen aus den Jahren 1912, 1917 und erneut 1912. Auch sie definieren nicht die Größe Blackwoods. Ungeachtet dessen fällt umgehend auf, welche Zwischentöne der Autor hier anklingen lässt. Die Handlung spielt sich auf mehreren Ebenen ab, was man in der Erzählung von 1935 nicht feststellen wird. Den jüngeren Blackwood beschäftigten spürbar bestimmte Themen, mit denen er hart am Rand des ‚offiziellen‘ Weltbilds segelte.

Gemeint ist damit in erster Linie das Verständnis der Welt bzw. des Universums als Emanation einer Natur, die der Mensch in ihrer Gesamtheit nie erfassen wird. Wir leben einen vierdimensionalen Alltag, aber jenseits dessen, was unser Geist begreift, dürften weitere Dimensionen sowie wesentlich unverständlichere Phänomene (nicht) auf uns warten. Sie „sind“, und wir können existieren, ohne sie zu kennen. Das sollten wir auch, obwohl oder gerade weil der Blick über den Tellerrand in einen Kosmos nie vorgestellter Erkenntnisse und Emotionen fallen dürfte.

Konsequenzen des Wissens

Immer wieder geraten Blackwood-Figuren dorthin, wo der Mensch fehl am Platze ist - dies überhaupt, oder weil er sein Recht darauf verspielt hat. Verursacher dieser Trennung ist die „Zivilisation“. Sie hat die Natur und ihre mystischen Wesen ins Abseits der Folklore verdrängt. Der moderne Mensch sieht und hört die Schwingungen des Universums nicht mehr. Durchdringt er die Grenze, muss er damit leben, dass ihn das und das daraus erwachsene Wissen ins gesellschaftliche Abseits treiben wird; dies auch, weil die Menschen der Gegenwart zumindest unterbewusst noch wissen, dass da mehr ist, als die Wissenschaft ihnen erklären kann. Sie fürchten den Boten, der sie daran erinnert, weil sie die Wahrheit ablehnen („Der Mann, der auf dem Blatt spielte“).

Zu Blackwoods Vorstellungswelt gehört auch die Wiedergeburt. Der Körper ist vergänglich, die Seele als Element der ‚lebendigen‘ Natur unsterblich, weshalb der Tod nur einer vorübergehenden Existenz ein Ende setzt. Die Seele geht im Universum auf oder kehrt in einen neuen Körper zurück, der die Erinnerung an frühere Leben vergessen hat. Doch in der Krise kann sie zurückkehren - im Positiven („Hellseherei“, „Eine ungewöhnliche Botschaft“) wie im Negativen („Hass auf den ersten Blick“, „Die Opferung“), aber auch als trauriger Blick auf ungenutzt verstrichene Gelegenheiten („Der kleine Bengel“). Dann melden sich auch die Wesen aus uralter, nur noch in Fragmenten erinnerter Zeit zurück. Sie wurden einst als Götter verehrt, wobei der Christengott des Alten Testaments sich in diesen Kosmos einreiht („Kains Sühne“).

Interessant ist die Novelle „Mein ist die Rache“. Blackwood verbindet hier seinen Mystizismus mit der historischen Realität des Ersten Weltkriegs. Nur drei Jahre nach dessen Ende entstanden, ist das Grauen des industriellen Massengemetzels noch ganz nahe, was den merkwürdigen Plot erklärt: Die Heraufbeschwörung alter Götter soll endlich den ameisenhaften Ansturm der grausamen „Hunnen“ stoppen und diese gleichzeitig archaisch und grausam bestrafen. In dieser Erzählung spielt auch Blackwoods Frauenbild eine wichtige Rolle: Das „Weibliche“ ist für ihn eine der Urkräfte, die das Universum prägen. Blackwood-Frauen sind durchaus körperlich, aber sie geben sich gern geheimnisvoll und können sich in mystische Kreaturen verwandeln, die vor Liebe und Fruchtbarkeit schier bersten (und dennoch seltsam passiv bzw. als Objekt der Begierde charakterisiert werden).

Das Ende ist näher als du denkst!

Blackwood versteht sich auch auf die ‚normale‘ Geistergeschichte. Sogar in der Welt der Science Fiction weiß er sich auf seine eigene Weise zu bewegen, wie er in „Der Mann der rückwärts lebte“ unter Beweis stellt. Blackwoods Jenseits ist selten deckungsgleich mit dem, was Begriffe wie „Himmel“ und „Hölle“ sonst heraufbeschwören. Allerdings kann der Tod den Weg in eine unerfreuliche Fortexistenz an unwirtlichen Orten öffnen. Das Motiv ist klassisch: Ein „Sünder“ hat gefehlt und muss sich nun entscheiden. Kehrt er um („Carltons Fahrt“), oder ist es bereits zu spät („Der Ring des Colonels“)? Klug ist der Mann, der eine entsprechende Warnung - die natürlich mit der entsprechenden Geschichte identisch ist - zu verstehen und zu beherzigen weiß! Ansonsten fällt die Strafe genretypisch grausig aus. Hin und wieder genügt bereits „Ein Stückchen Holz“, um den Weg des Schicksals entscheidend und tödlich zu verändern!

Zum Horror-Thema „Wahnsinn“ leistet Blackwood einfallsreich in „Gewalt“ seinen Beitrag und beschreibt, wie sich ein Menschenhirn Stück für Stück verdunkelt bzw. sich selbst eine Umwelt zeichnet, die immer unverständlicher und unheimlicher wird. Ebenso düster fällt der Blick auf Menschen, die sich bewusst gemein und bösartig benehmen. Entweder stellt Blackwood sie bloß („Eine Ägyptische Hornisse“), oder die freigesetzte Bosheit addiert sich zu den negativen Kräften, die das Universum mitbestimmen („Feuerzungen“).

Fazit:

Klassische Phantastik der Meisterklasse meist aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sammelt dieser Band, der auch für die Qualität der Übersetzung zu loben ist: ein Geschenk für die Freunde des ‚alten‘, aber eben nicht wirkungslos gewordenen Schauders.

Hände des Todes

Algernon Blackwood, ‎Independently published

Hände des Todes

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Hände des Todes«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery